Publikumscasting MTV lädt ein und keiner kommt

Wer schreit, kommt rein: Um an fernsehkompatible Zuschauer für die "Europe Music Awards" zu kommen, lud MTV zum Jubel-Casting. Doch die Begeisterung hielt sich in Grenzen - lediglich 80 Bewerber wollten mitgrölen.


München - Es gehört schon eine Menge Fantasie dazu. Auf einer Fläche von rund 15 Quadratmetern, eingegrenzt durch ein paar Stellwände, sollen sich die sieben Kandidaten vorstellen, sie seien jetzt gerade umgeben von internationalen Popstars und 6000 Zuschauern bei den "MTV Europe Music Awards" (EMAs).

Genug gejubelt: Kim (l.) und Julia dürfen zu den MTV-Awards
DDP

Genug gejubelt: Kim (l.) und Julia dürfen zu den MTV-Awards

"Stellt Euch vor, es ist der 1. November", sagt Carol Brock, MTV-Casting-Managerin aus London, und ruft dann: "Meine Damen und Herren, bitte begrüßen Sie Snoop Dogg!" Vor allem ein Kandidat in der ersten Reihe und eine platinblonde Dame im Leopardenjäckchen dahinter sind beim imaginären Auftritt des US-Rappers und Moderators der Show nicht mehr auf ihren nummerierten Stühlen zu halten. Sie springen in die Luft, reißen die Arme in die Höhe und brüllen los. Genau so stellen sich die Verantwortlichen das Publikum für die Popveranstaltung, die kommende Woche in der Münchner Olympiahalle stattfindet, vor.

Genau dort veranstaltet der Musiksender MTV eine Woche vor der Party ein sogenanntes Publikumscasting. Wer auf den vorderen Plätzen steht oder sitzt und mit hoher Wahrscheinlichkeit bei den Fernsehübertragungen in 179 Länder zu sehen sein könnte, dem soll man auch ansehen, dass er Spaß hat - so der Hintergedanke. Auch Carol Brock schärft den Teilnehmern des Castings ein: "Jederzeit kann eine Kamera auf Euch gerichtet sein, das geht dann rund um die Welt." Da sehe es nicht toll aus, wenn sie gerade auf die Uhr schauen oder sich am Kopf kratzen. Als sie im Anschluss die Musik startet, tanzen die Kandidaten wie auf Kommando los.

Es handle sich nicht "um ein klassisches Casting, im Sinne von einer Gesichtskontrolle", sagt der Senderchef von MTV und Viva, Elmar Giglinger, im Gespräch mit ddp. "Uns kommt es darauf an, dass diejenigen, die Tickets bekommen, musikbegeistert sind und sich wirklich freuen, wenn sie ein Ticket haben."

Kein Einlass für Ältere

Im freien Verkauf gab es in diesem Jahr überhaupt keine Eintrittskarten für die "EMAs", bei denen unter anderen Justin Timberlake und Beyoncé mehrfach nominiert sind. Grund ist der Termin. Allerheiligen ist laut bayerischem Feiertagsgesetz ein sogenannter stiller Tag. Öffentliche Unterhaltungsveranstaltungen sind nur dann erlaubt, "wenn der diesen Tagen entsprechende ernste Charakter gewahrt ist". Die Stadt München erteilte eine Ausnahmegenehmigung. Zugleich einigten sich Veranstalter und Stadt laut Giglinger darauf, dass es sich um eine "geschlossene Veranstaltung" handelt.

Von den 6000 Zuschauern werden 3000 geladene Gäste sein. Die übrigen 3000 Karten sollen an Fans vergeben werden. Dies geschieht laut MTV über Verlosungen, Sonderaktionen - ein Sponsor hat etwa einen Schreiwettbewerb in verschiedenen Filialen veranstaltet - und auch über das Publikumscasting in München. Eine zweite Runde startet am Donnerstag (25. Oktober) um 11.00 Uhr in der Olympiahalle.

Der Andrang am Dienstag allerdings war gering. Nicht Hunderte, sondern nur rund 80 Leute stellten sich bis zum späten Nachmittag den MTV-Mitarbeitern aus London vor. Die Schlussfolgerung, dass deshalb auch das Interesse an der Veranstaltung spärlich sein könnte, weist Giglinger zurück: "Im vergangenen Jahr hatten wir das Casting größer angekündigt, und da kam es dann in Kopenhagen zu fast tumultartigen Szenen." Die MTV-Kollegen aus London hätten deshalb darum gebeten, die Aktion "nicht großartig" über die Medien zu publizieren. "Wenn man es nicht richtig promotet, kann auch keiner kommen", sagt Giglinger. Ganz glücklich ist er dennoch nicht: "Das ist jetzt auch nicht das, was wir uns wünschen", räumt er ein.

Jubel bricht am Dienstag dagegen in regelmäßigen Abständen in der Olympiahalle aus, wenn Carol Brock einer weiteren Gruppe - wie eigentlich allen Bewerbern an diesem Tag - mitteilt, dass sie dabei sein werden. Eine Dame allerdings, die deutlich über dem Altersdurchschnitt liegt, bekommt keine Einladung für die Veranstaltung. Dies habe bestimmt nichts mit ihrem Alter zu tun, versichert Brock. Vielmehr habe sie sich offenbar mit den englischen Anweisungen etwas schwer getan. Überrascht zeigt sich nach ihrem Casting die Münchnerin Kim Dobis, 25: "Ich hätte nicht gedacht, dass wir schreien und tanzen müssen. Das macht man ja nicht alle Tage, zu siebt in einer Kammer zu sitzen und rumzubrüllen."

Marina Antonioni, ddp



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