Punk aus Brasilien São Paulo Calling

Wer bei Brasilien lediglich an Samba, Bossa Nova und Ricky Martin denkt, wird jetzt eines Besseren belehrt: Der exzellente Sampler "Não Wave" versammelt die Helden des Post-Punks made in São Paulo - und porträtiert eine Subkultur jenseits folkloristischer Klischees.


Brasilianische Punk-Band Akira: Sound-Avantgarde, die ins Ohr geht

Brasilianische Punk-Band Akira: Sound-Avantgarde, die ins Ohr geht

Jello Biafra, einstiger Sänger der US-amerikanischen Hardcore-Legende Dead Kennedys und überaus umtriebiger Punk-Aktivist, unterhielt das Publikum bei seinen späteren Spoken-Word-Auftritten gerne mit der Nummer "Names for Bands". Dabei mokierte sich Biafra über die fehlende Kreativität der Punk- und Metalszene hinsichtlich der Findung neuer Bandnamen und konterte die Ideenarmut mit seinen eigenen Wortschöpfungen.

Klangvolle Namen wie Muzak, Azul 29, Akira S & As Garotas Que Erraram und Voluntarios De Pátria hätten ihm sicher gefallen, auch wenn es sich hierbei keineswegs um fiktive Bands, sondern um die realen Helden einer aufregenden, hierzulande aber nahezu unbekannten brasilianischen Musikbewegung handelt, die jetzt dank der Kompilation "Não Wave - Brazilian Post Punk 1982 - 1988" nachträglich entdeckt werden kann.

Die vierzehn Stücke, die Andy Cumming, Alex Antunes und Miguel Barella mit Sorgfalt und offensichtlicher Hingabe für dieses Pionier-Projekt des Berliner Labels Man Recordings zusammengestellt haben, fordern die Hörer gleich in mehrfacher Hinsicht heraus. So entlarvt die bloße Existenz von "Não Wave" den anglo-amerikanischen Tunnelblick unserer Popgeschichtsschreibung, die alle wesentlichen Entwicklungen der Punk-, New- und No-Wave-Ära den Jugendkulturen westlicher Industrienationen zuschreibt.

Pop-Archäologie und Polit-Punk

Gleichzeitig strafen die vertretenen Songs von Gruppen wie Fellini, Ira! oder Mercenarias auch jenen weit verbreiteten Kulturchauvinismus Lügen, der Brasiliens Musikkultur auf Samba, Bossa Nova und vielleicht noch Ricky Martins Eurotrash-Paraphrase der vorgenannten Stile reduziert.

Aber abseits der Bewunderung für die hier geleistete popkulturelle Archäologie ist die wohl wichtigste Erkenntnis, dass diese Fundstücke einer urbanen Sound-Avantgarde auch ohne musikalisches Geschichtsverständnis unmittelbar ins Ohr gehen. Und so sind nicht nur "Lá Fora Pode Até Morrer" von Ira"! oder "Funziona Senza Vapore" von Fellini zwei Jahrzehnte später immer noch Hits, mit denen sich ohne Probleme jede geschmackssichere Clubnacht beschallen ließe.

Dabei kommt der zusätzliche Verfremdungseffekt, welchen die portugiesischen Texte bei Hörern ohne entsprechende Sprachkenntnisse zwangsläufig erzielen, insbesondere den abstrakteren Songstrukturen zu Gute: Zwar fehlt das Verständnis für die oftmals tagespolitischen Anspielungen, doch dafür wirken die Kompositionen umso zeitloser.

Besucherin des Madame Satá-Clubs, São Paulo: Emanzipation jenseits des Folklore-Kitschs

Besucherin des Madame Satá-Clubs, São Paulo: Emanzipation jenseits des Folklore-Kitschs

Angesichts der Sprachbarriere versucht das Begleitheft der CD, notwendige Informationen zum zeithistorischen Kontext der brasilianischen Post-Punk-Ära nachzuliefern. Neben Cover-Abbildungen und einigen Band-Photographien, die im guten alten Grobraster-Stil der Fanzines gehalten sind, illustriert ein kurzer Essay von Alex Antunes die Aufbruchstimmung, die Anfang der achtziger Jahre das kulturelle und politische Klima in Brasiliens Metropolen prägte.

In diese Zeit fiel das Ende einer 20-jährigen Militärdiktatur, die in den vergangenen Jahrzehnten die kulturelle und gesellschaftliche Entwicklung des fünftgrößten Landes der Erde bestimmt hatte. Die oft gewaltsame Unterdrückung der oppositionellen Kräfte begleitete eine Modernisierungsoffensive, mit dem die jeweiligen Machthaber - ob nun Artur da Costa e Silva oder Ernest Geisel - die Urbanisierung und Internationalisierung des Vielvölkerstaates vorantrieben. Dieser Umstand sowie die politischen Umwälzungen im Vorfeld der ersten demokratischen Wahlen im Jahr 1985 bereiteten vor allem in São Paulo den Nährboden für kreative Subkulturen, aus denen sowohl die Stars der neuen Underground-Szene als auch legendäre Clubs wie das Madame Satá hervorgingen.

Damaged Goods from Brasil

Trotz der lokalen und stilistischen Eigenheiten kommt auch eine Betrachtung brasilianischen Post-Punks nicht ohne assoziatives Namedropping aus - und sei es nur, um mittels Vergleich grobe Orientierungshilfen zu liefern. Azul 29 etwa erinnern an eine hektische Variante von Bauhaus; die wandlungsfähigen Fellini hingegen an die sphärischen Passagen von Human League ("Teu Inglês") oder an das furiose Stakkato-Songwriting von Wire ("Funziona Senza Vapore").

Akt und Mercenárias wiederum richten sich mit sprödem weiblichem Gesang in der Nachbarschaft der großartigen Slits und der "Penis Envy"-LP von Crass ein, während der Voluntários de Pátrias-Song "Iô Iô" frappierende Analogien zum spärlichen Output der leider gänzlich vergessenen Anarcho-Popper Joy of Living aufweist.

Cover Azul-CD: Konfrontation Samba vs. Synthiesizer

Cover Azul-CD: Konfrontation Samba vs. Synthiesizer

Natürlich lauern im Hintergrund die ewigen Referenzgrößen: die unkaputtbaren The Fall, die tragischen Joy Division, die verkopften Scritti Politti, Johnny Rottens P.I.L., das New Yorker Elektro-Massaker Suicide und natürlich Gang of Four, das unerreichte Dream-Team dialektischer Tanzmusik aus Leeds.

Nebenbei: Wenn alle Musikautoren, die die letztgenannte Band jüngst im Zusammenhang mit aktuellen Wave-Wiedergängern wie Radio 4, Maximo Park oder Franz Ferdinand erwähnt haben, einen Euro ins Verweisschweinchen werfen müssten, dann könnten Gang of Four vom Erlös sicherlich eine kleine Weltrevolution finanzieren. Aber dem ist leider nicht so, weshalb lediglich festzustellen bleibt, dass "Damaged Goods" von Gang of Four immer noch die perfekte Folie für einen treibenden Post-Punk-Hit liefert.

Revolution im post-kolonialen Plattenschrank

Auch die "Não Wave" machte sich diese Blaupause mit ihren pochenden Bassläufen, den Halleffekten im Gesang und der Stop-and-go-Gitarre zu eigen. Neu und unverwechselbar war jedoch der reizvolle Einsatz von Schlagzeug und Percussions, die oft bewusst gegen die Melodielinie getaktet sind: Aus der Konfrontation Samba vs. Synthiesizer entwickeln die schroffen Songs eine selbstverständliche Dynamik, die der kreuzbrave, weichgespülte Ethno-Pop der Neunziger nicht mal annähernd erreicht hat.

Konzert im Madame Satá: "Dance to the Underground"

Konzert im Madame Satá: "Dance to the Underground"

Daher ermöglicht die "Não Wave"-Kompilation letztlich auch eine neue Lesart des diffusen Begriffs Weltmusik. Bisher stand dieser ja meistens für kolonialen Folklore-Kitsch, mit dem sich westlicher Mainstream-Pop einen vermeintlich exotischen Anstrich verlieh. Doch hier wirken Punk und seine stilistischen Ausprägungen als emanzipatorisches Werkzeug einer vielseitigen, urbanen und globalen Jugendkultur, die sich je nach lokaler Befindlichkeit ihre eigenen Spielregeln macht.

Das ist wahrhaftige Weltmusik, die den festgefügten Kanon im heimischen Plattenschrank durcheinanderwirbelt. Und aufgrund dieser bleibenden Internationalität lässt sich das Programm des brasilianischen Post-Punks der Achtziger auch mühelos in einem Songtitel der New Yorker Band Radio 4 zusammenfassen: "Dance to the Underground".



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