Punk-Kneipe Ratinger Hof Legendäres Drecksloch

Fliegende Tierkadaver, picklige Stachelfrisur-Träger und Malerfürsten im Altbier-Rausch: Der Ratinger Hof war die Geburtsstätte von Punk und New Wave in Deutschland. Ein Bildband huldigt jetzt dem Düsseldorfer Kneipen-Unikum - und erlaubt einen Blick in die Urzeiten deutscher Popkultur.

Von

Carmen Knoebel

Ein kahler Raum, erleuchtet nur durch nackte Neonröhren, ein paar Spiegel an den Wänden, ein Fernseher, der tonlos vor sich hin flimmerte. Nein, mit dem Wohlfühl-Ambiente heutiger Lounge-Bars hatte dieser Ort nichts zu tun. Doch in der Geschichte der deutschen Popkultur gilt der Ratinger Hof als einer der wichtigsten Plätze der vergangenen dreieinhalb Jahrzehnte. Denn hier, im Herzen der Düsseldorfer Altstadt, entstand Ende der Siebziger eine radikale neue Pop-Ästhetik.

Im "Hof", wie ihn Eingeweihte nannten, bildeten sich Bands wie die Fehlfarben, Deutsch Amerikanische Freundschaft oder Die Krupps. Hier trafen Künstler wie Sigmar Polke und Jörg Immendorff auf die junge Punkszene. Und auch ZK, die Band, aus der die Toten Hosen entstanden sind, machte hier ihre ersten Schritte. "Was für Legenden ranken sich um dieses eigentlich doch als nichts weiter als ein Drecksloch zu bezeichnendes rheinisches Unikum von Kneipe", schreibt Fehlfarben-Sänger Peter Hein in seinem Beitrag zu einem Buch, das dem Ratinger Hof jetzt ein Denkmal setzt.

Schon in Jürgen Teipels Interview-Buch "Verschwende deine Jugend" über Punk und New Wave in Deutschland spielte die Szene in Düsseldorf eine tragende Rolle. Der Bildband "Ratinger Hof" ist nun die ultimative Memorabilia-Schatzkiste für Ehemalige und Nie-Dabei-Gewesene: Verpackt in einer silbrigen Schatulle, versammelt er Bilder, Flyer und Erinnerungen von Musikern, Gästen und DJs - darunter auch die Fotografien der Hof-Betreiberin Carmen Knoebel. Die Kunstmanagerin und Frau des Künstlers Imi Knoebel übernahm gemeinsam mit Ingrid Kohlhöfer 1974 den Laden, als der noch eine Räucherstäbchen-geschwängerte Hippie-Höhle war.

Vorwiegend kackfarben und mit Kunstleder

"Zu der Zeit waren Jugend- oder Szenekneipen nicht nur in der Altstadt von einer einheitlichen Schmandschicht überzogen, bestehend aus Persiko-, Hasch-, Bier- und Frikadellenresten", schreibt Peter Hein. "Und vorwiegend kackfarben, mit geplatztem Kunstleder ausgestattet." Anfang 1977, als in London die Punkwelle losrollte, räumten die beiden Betreiberinnen den alten Mief aus dem Laden. Zurück blieb jene kahle Wartehallen-Ausstattung, die in den folgenden Jahren zur Kulisse für Punkkunst-Experimente werden sollte. Höhepunkt der Exzesse war die Performance von Minus Delta T, die 1978 den Hof unter Wasser setzten, säckeweise Mehl verschütteten und mit Schlachtereiabfällen um sich warfen. "Während sich die breiige Masse am Fußboden mit dem entsetzlichen Anblick toter Tierkadaver füllte, mussten die Zuschauer aufpassen, dass sie nicht von herumfliegenden Teilen getroffen wurden", erinnert sich Moritz Reichelt, der 1980 die Elektronik-Band Der Plan sowie das Label Ata Tak gründete.

Während nachts die Großkünstler aus der benachbarten Kunstakademie und Düsseldorfer Star-Werber wie Michael Schirner mit den jungen Punks Altbier an Altbier standen, war der Laden tagsüber vor allem ein Laboratorium für Bands, Filmemacher, DJs und Fanzine-Macher. Ab morgens um 10 Uhr war der Ratinger Hof geöffnet. Carmen Knoebel stellte den pickligen Stachelfrisur-Trägern, die in ihrem Laden rumhingen, schließlich auch die Kellerräume für Bandproben zur Verfügung. "Ich schätze, dass so circa 20 bis 30 Bands innerhalb von anderthalb Jahren im Hof mehr oder weniger gegründet wurden", schreibt Harry Rag, Sänger der Band S.Y.P.H., einer Keimzelle von Formationen wie Fehlfarben, Propaganda und Die Krupps.

Ein Ort selbstverständlicher Toleranz

"Es gab keinen Generationenkonflikt, noch ein Naserümpfen zwischen recht unterschiedlichen Bildungsniveaus", erinnert sich der Fotograf Richard Gleim, Geburtsjahr 1941, der seinerzeit zu den Veteranen der Szene gehörte. "Jetzt im Nachhinein stelle ich fest, dass der Hof ein Ort selbstverständlicher Toleranz war. Das hätte damals niemand formuliert. Warum auch? Es handelte sich eben nicht um eine theoretische Forderung räsonierender Hippies." Unter seinem Pseudonym "ar/gee gleim" begleitete der Fotograf jahrelang die Hof-Szene. Er fotografierte nicht nur die Bands und die Musiker, sondern auch das Publikum, die draußen herumlungernden Punks und die Graffiti an den Klowänden: "Jeder Tag ist 24 Stunden lang, aber verschieden breit."

Verschwitzte Jugendliche mit selbstgeschnittenen Strubbelfrisuren und übergroßen Brillen, längst vergessene Bands, die auf der zugerümpelten Schuhschachtel-Bühne des Ratinger Hofes herumhüpften und sich im Kabelsalat wälzten, Pogo-Gewusel auf der viel zu kleinen Tanzfläche: Aus heutiger Sicht, gut dreißig Jahre danach, wirken die Fotos eigenartig unbehauen und ungestylt; grobkörnige Bilder aus dem Pleistozän der Popkultur. Die Szene definierte sich übers Machen - eine Dokumentation des eigenen Wirkens wäre diesen Leuten wohl fremd gewesen. Warum auch? YouTube und Blogs gab es nicht und im Deutschland der ausgehenden Siebziger hatte man kaum mediales Interesse an den musikalischen Styles, Haltungen und Moden, die im Untergrund entstanden.

Als es dann soweit war und die Nietenarmbänder, die Badges und die mit Reißverschlüssen übersäten Schottenstoff-Hosen als Konfektionsware in den Kaufhäusern hingen, war es vorbei mit dem kreativen Laboratorium Ratinger Hof. Jetzt war die Szene ein popkulturelles Phänomen und eine Touristenattraktion. "Pöbel" und "Arschlöcher": Für die Besucher, die plötzlich in den kleinen Laden in der Düsseldorfer Altstadt strömten, haben die damaligen Subkultur-Protagonisten in ihren Erinnerungen nur Schimpfwörter übrig.

Nach einer kurzen Phase als Acid-House-Disco baumelte die Abrissbirne über dem Ratinger Hof. In dem Neubau, der dort heute steht, gibt es nach wie vor einen Club. "Aber das ist nur noch ein Haus ohne eine Geschichte", resümiert Peter Hein.


"Ratinger Hof. Fotos und Geschichten", Herausgegeben von Ralf Zeigermann. 168 Seiten, 44 Euro.



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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
Magician_2000 15.09.2010
1. Wenn Frank Zappa ...
.. in Düsseldorf ein Konzert gegeben hat, dann kam er hinterher ins "Creamcheese", das war eine Kneipe ein paar Häuser weiter. Dort bin ich aufgewachsen, da war ich "zuhause" und dort hab ich einige Jahre auch gearbeitet. Über Musikgeschmack kann man streiten, aber der "Hof" war wirklich ein Drecksloch: Alkoholismus, Prostitution, Rauschgift. Ein Ort, wo selbst die Subkultur einen Bogen drum gemacht hat. Natürlich kann man mit verklärtem (Rück)Blick alles ausblenden und vergessen, was dort abgelaufen ist und einem Publikum, das nie dort war, ein Märchen von einer kulturellen Wiege erzählen. Kein Problem. Es kann auch sein, dass dort einige lichte Momente stattgefunden haben. Die Realität indes war traurig und unrühmlich - leider!
Celegorm 15.09.2010
2. ...
Zitat von Magician_2000.. in Düsseldorf ein Konzert gegeben hat, dann kam er hinterher ins "Creamcheese", das war eine Kneipe ein paar Häuser weiter. Dort bin ich aufgewachsen, da war ich "zuhause" und dort hab ich einige Jahre auch gearbeitet. Über Musikgeschmack kann man streiten, aber der "Hof" war wirklich ein Drecksloch: Alkoholismus, Prostitution, Rauschgift. Ein Ort, wo selbst die Subkultur einen Bogen drum gemacht hat. Natürlich kann man mit verklärtem (Rück)Blick alles ausblenden und vergessen, was dort abgelaufen ist und einem Publikum, das nie dort war, ein Märchen von einer kulturellen Wiege erzählen. Kein Problem. Es kann auch sein, dass dort einige lichte Momente stattgefunden haben. Die Realität indes war traurig und unrühmlich - leider!
Bloss dass Frank Zappa nicht sonderlich viel mit Punk zu tun hat. Gut, die im Artikel erwähnten Bands grösstenteils zwar auch nicht so wirklich..
faustjucken_tk 15.09.2010
3. noch ech
Das war noch echt. Wer was erleben wollte, der musste vor die Tür. Kein Twitter, kein Facebook. Wird Zeit, dass man online abschafft. Dann gibt es vielleicht wieder ein Mittel gegen die durch Werbung verseuchte Warnehmungsbrille.
elastolin 15.09.2010
4. ich war dabei
Ich war Ende der siebziger, bis ca 1980, live dabei. Eine tolle Zeit.
Celegorm 15.09.2010
5. ...
Zitat von faustjucken_tkDas war noch echt. Wer was erleben wollte, der musste vor die Tür. Kein Twitter, kein Facebook. Wird Zeit, dass man online abschafft. Dann gibt es vielleicht wieder ein Mittel gegen die durch Werbung verseuchte Warnehmungsbrille.
Inwiefern schliesst das eine denn das andere aus? Gerade Subkulturen profitieren doch enorm vom Internet, das die Reichweite von Bands und Künstlern potenziert, gerade auch bezüglich Konzerten u.ä. Insofern erinnert Ihre Aussage doch stark an das verzerrte Bild der "Offline-Generation", die "reales" und "virtuelles" als in Konkurrenz stehende "Welten" wahrnimmt. Und dabei nicht verstehen, dass gerade für die heutige Jugend beides synergistisch zusammengehört.
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