Punkband Anti-Flag Parolenpop für Pausenhöfe

Sie üben Systemkritik im 4/4-Takt und blasen George W. Bush den Marsch: Anti-Flag sind der erfolgreichste Punk-Epxort der USA. Für ihr neues Album wechselte die Band zu einem Major-Label. Von Ausverkauf kann dennoch keine Rede sein.

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Heißen so die Hits von morgen? "Die World Trade Organization tötet Bauern"? Oder "Gebrauchtes Uran ist ein Kriegsverbrechen"? Kann passieren. Denn was nach Flugblattüberschriften klingt, sind wörtliche Übersetzungen zweier Liedtitel auf "For Blood and Empire", dem aktuellen Album von Anti-Flag. Die amerikanische Band hält seit 1993 das Banner des engagierten Polit-Punks hoch: Ob es nun wider wirtschaftliche Ausbeutung, alltäglichen Rassismus oder den Krieg geht - in ihren eingängigen Protestsongs üben sich die Musiker aus Pittsburgh mit schöner Regelmäßigkeit in der Kunst der Generalanklage.

Punkband Anti-Flag: Kein Platz im Supermarkt
Red Ink

Punkband Anti-Flag: Kein Platz im Supermarkt

Insbesondere die Bush-Administration bot Sänger Justin Sane, Drummer Pat Thetic, Gitarrist Chris Head und Bassist Chris Number Two in den letzten Jahren eine prominente Angriffsfläche. Schließlich rückten Anti-Flag in Folge des 11. Septembers mit offensiver Kritik am "War on Terrorism" ins Rampenlicht. Ihre unmissverständliche Haltung brachte der Band nicht nur die inoffizielle Verbannung aus den Regalen großer Supermarktketten ein - wo Plattencover mit umgedrehten US-Fahnen eh nicht gern gesehen werden - sondern auch stetig wachsende Popularität bei einem vorwiegend jugendlichen Publikum im In- und Ausland.

"A New Kind of Army" forderten Anti-Flag auf dem gleichnamigen Album aus dem Jahr 1999. Ob die Fans der Band tatsächlich "too smart to fight, too smart to die" sind, lässt sich nicht sagen, aber ohne Zweifel rekrutieren Anti-Flag den Großteil ihrer Anhängerschaft aus Teenagern, die sich für mitsingfähige Slogans und melodische Zwei-Minuten-Dreissig-Attacken begeistern können.

Aber auch wenn gestandene Punkrocker das über die Jahre immer glatter polierte Soundgewand der Band allmählich zum Gähnen fanden, billigten sie Anti-Flag doch den Status einer Alternative zu vollends kommerzialisierten Poppunk-Kapellen wie den unsäglichen Blink 182 oder den auf Stadionrockgröße aufgepusteten Green Day zu. Gerade dieser Konsens scheint nun in Gefahr, denn "For Blood and Empire" markiert den Wechsel der einstigen Do-It-Yourself-Verfechter zum Major-Label RCA.

Da können Anti-Flag noch so viele Ölbohrtürme, Kampfhubschrauber und Soldatenfriedhöfe auf dem Cover auftürmen, einer Debatte um ihre Glaubwürdigkeit werden sie in der streitlustigen Punkszene nicht entgehen. Denn während sich im Hip-Hop der Stellenwert eines Acts auch am strategisch zur Schau gestellten Reichtum der Künstler misst, gelten Plattenverträge mit der Industrie im Punkkontext als sicheres Indiz für den Ausverkauf von Idealen.

Sell-Out der Sendungsbewussten?

Pikanterweise waren Anti-Flag jedoch schon seit ihrem Durchbruchalbum "Unterground Network" bei Fat Wreck Chords beheimatet, neben Epitaph dass professionellste und erfolgreichste Punklabel der USA. Ersteres wird von NOFX-Sänger Michael "Fat Mike" Burkett betrieben, letzteres von Bad Religion-Gründungsmitglied Brett Gurewitz, beide vermarkten als unabhängige Label ihre Produkte überaus effektiv und weltweit. Auch wenn man Fat Wreck oft den Vorwurf machte, neu gesignten Bands mit buchstäblich fetten Produktionsmitteln alle Ecken und Kanten abzuschleifen, so steht die Firma doch stellvertretend für einen gangbaren Weg zwischen globalen Entertainmentkonzernen und unterhalb des Existenzminimums operierenden Undergroundlabels.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Erklärung von Anti-Flag, man wolle durch den umstrittenen Schritt die eigene Botschaft weiter als bisher verbreiten, nicht nur wenig originell - mit fast denselben Worten begründeten etwa die radikalen Anarcho-Popper Chumbawamba einst ihren überraschenden Wechsel zu EMI -, sondern auch reichlich unausgegoren. Ein florierender Mini-Major wie Fat Wreck und die grenzenlosen Vertriebswege des Internets sollten einer Band, die ihre Booklets gerne mit Zitaten akademischer Dissidenten wie Noam Chomsky und Howard Zinn schmückt, eigentlich eine ausreichende Plattform bieten. Man kann die latent selbstzerfleischende Tendenz der Punk-internen Kritik durchaus bemängeln, aber wer wie Anti-Flag stetig gegen die Verstrickungen des Big Business wettert, darf sich jetzt nicht über unangenehme Fragen wundern.

Unstrittig sind dagegen die musikalischen Qualitäten des neuen Oeuvres. Mit Subtilitäten hält man sich auch diesmal nicht auf, dafür kommen die 4/4-Takt-Hymnen dank Co-Produzent Dave Schiffman äußerst imposant daher. Neben dem bewährten Geradeaus-Sound von "I'd tell you but..." oder "Cities Burn" bieten Two-Tone-Zitate in "The Press Corpse" und der Borderline-Indiepop im Stück "This Is The End (For You My Friend) willkommene Abwechslung. Auch die Texte lassen nichts vom systemkritischen Rundumschlag der vorherigen Veröffentlichungen vermissen. So singt Justin Sane mit seiner chronisch nasalen Stimme in zehn von zwölf Stücken über den Irak-Krieg und die gesellschaftlichen Verwerfungen an der Heimatfront.

Was dagegen wie immer fehlt, ist jegliche Transzendenz im Lyrischen sowie die Fähigkeit zur Ironie: Eine Revolution ist eine Revolution ist eine Revolution für Anti-Flag. Dennoch wäre es falsch, sich über dieses Stilprinzip zu mokieren. Denn ob in Kuhkäffern im amerikanischen Mittelwesten oder auf niedersächsischen Dorfschulhöfen, als Antidot zu besinnungslosen Klingeltoncharts erfüllt Anti-Flags legitimer Parolenpop seine eigentliche Funktion: Augen und Ohren für eine widerständige Subkultur zu eröffnen - selbst wenn die so Geköderten später vielleicht nichts mehr von ihrer Einstiegsdroge hören wollen.



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