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Feine Kammermusik: Einmal Feuer für Herrn Beethoven, bitte!

Von

Feine Kammermusik: Lust und Leidenschaft im Quartett Fotos
Elisa Caldana

Das Quartetto di Cremona spielt Beethoven mit italienischer Lust und Leidenschaft. Sowohl live als auch auf CD blühen bei den vier Musikern die Streichquartette vielfarbig auf. Und bei Verdi kennen sich die Kammer-Könner auch aus.

Schon ein wenig gewagt, im Rahmen einer sonntäglichen Konzert-Matinee in Blankenese Giuseppe Verdis selten gespieltes, einziges Streichquartett e-Moll mit Beethovens Spätwerk op. 130 zu kombinieren. Aber wenn Cristiano Gualco, Chef und erster Violinist des Quartetto di Cremona, über Verdi spricht, dann wähnt man sich dem Opern-Maestro sofort ganz nahe.

Gualco spricht über Verdis Unikat wie ein Meisterkoch, der eine besondere kulinarische Kreation beschreibt. Schon spürt man Farben, Düfte, Geschmack. Sinnlichkeit meets Intellekt. Das Ding in e-Moll ist ja auch eine rare Schöpfung: Verdi wollte zeigen, dass er auch Kammermusik kann (es entstand zwischen "Aida" und dem Requiem). So schrieb er ein Stück, das viel Oper und ein wenig Requiem enthält - und unter den Händen von vier italienischen Kammerkönnern erglüht wie ein musikalischer Sonnenaufgang in der Po-Ebene, wo sich Cremona, der Geburtsort des Quartetts, befindet. So vielfältig wie die Landschaft und so unberechenbar wie der Strom im Po-Delta klingt es, wenn Gualco, Paolo Andreoli (Violine), Simone Gramaglia (Viola) und Giovanni Scaglione (Cello) musizieren. Mit Temperament, manchmal sprödem, raffiniertem Sound und überraschenden Akzenten formen sie ihre Interpretationen. Und ein Werk wie Verdis Quartett kommt da gerade recht.

Nach diesem feurigen Aufgalopp klingt ein reifer Beethoven - und sei es ein komplexes, schwieriges und mit fast 40 Minuten Spieldauer auch konditionsforderndes Werk - wie Champagner brut, trocken und mineralisch, aber mit kernigem Biss. Also doch das Richtige für eine Matinee, wenn man Beethovens Heiligenschein für eine dreiviertel Stunde mal in den Schrank hängt. Allein Giovanni Scaglione, den wohl coolsten Cellisten unter der Sonne, bei seiner konzentrierten und dennoch locker verrichteten Arbeit zu beobachten, ist eine Freude. Wie hingetupft singt die Cellostimme, elegant und mit vollem Ton.

Der coolste Cellist unter der Sonne

Seit der Gründung des Quartetts im Jahre 2000 hat sich das Team zu einem der gefragtesten und erfolgreichsten Quartette der internationalen Szene entwickelt. Die Musiker aus der Stadt des legendären Geigenbauers Antonio Stradivari spielen auf Festivals in Übersee, aber natürlich auch regelmäßig in London, Rom, Mailand, Berlin, und sie spielten natürlich beim Beethovenfest in Bonn. Das Quartetto di Cremona versteht sich jedoch nicht als Gralshüter des klassischen Erbes, zum Repertoire gehören auch Werke von Helmut Lachenmann, Wolfgang Rihm, Luigo Nono oder Luciano Berio.

Faszinieren können die vier Cremoneser allerdings auch im Studio. In diesem Jahr stellen sie ihren Zyklus mit allen Streichquartetten Ludwig van Beethovens fertig, und die dritte CD "Beethoven - Complete String Quartets Vol. III" (audite/edel) liegt nun vor: ein Album voller Gegensätze. Dafür haben sie die "Große Fuge" op. 133, die ja ehemals der Schlusssatz des Streichquaretts op. 130 werden sollte, mit dem frühen Werk op. 18 und dem mittleren op. 59 kombiniert, was ein stimmiges und melodienselig-packendes Gebinde ergibt. Nur die c-Moll-Tonart von Opus 18 erinnert an die "Schicksalssymphonie" No. 5, das kleine, schlanke Quartett hat noch alle Zutaten der traditionellen Wiener Klassik, spielt innovativ mit der Form, ist gespickt mit attraktiven Melodien und zieht noch mal ganz tief den Hut vor dem Erfinder des Quartett-Genres, Joseph Haydn.

Quartetto di Cremona - Complete Beethoven
Temperament und langer Atem

Größer könnte der Gegensatz zu Opus 130, der "Großen Fuge" kaum sein: Was Beethoven in dieser guten Viertelstunde an Abgründen und Jubel mit allen Finessen der kleinen Streicherbesetzung "durchnimmt", das vereint Wissenschaft und Erfinderlust. Das Kompetenzteam aus Cremona geht an diese Aufgabe mit Selbstbewusstsein, aber ohne Fahrlässigkeit heran, lässt sein Temperament vorpreschen und den langen Atem dennoch bewahren. So gelingt eine Quadratur des Zirkels aus Klangfinesse und Ausdruckstiefe, die Beethovens Geist überzeugend reflektiert.

Wunderbar leicht mutet nach diesem Höhenflug die Behandlung des F-Dur-Quartetts von 1806, das als eines der drei "Rasumowsky"-Quartette zu den populärsten der Gattung gehört. Der russische Botschafter gleichen Namens hatte die Stücke bestellt und bekam Leidenschaftliches und Ungewöhnliches. Cellist Scaglione startet das Quartett mit einer swingenden Kantilene und beschließt das Werk im schnellen "Thème russe" (eine Reverenz an den Auftraggeber) - das Cello als Primus inter Pares, dennoch: Das Team gewinnt auch den "Rasumowsky"-Pokal.


CD-Angaben:
Beethoven: Complete String Quartets Vol. III. Quartetto di Cremona; audite/edel; 17,99 Euro.

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