Neue Streicher-CDs: Der Wunderkind-Wahnsinn

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Neue Streicher-CDs: Frische Kammertöne aus Europa Fotos
Virgin Classics

Jetzt wird's intim, wie schön: Vier aus Frankreich und drei aus Österreich erinnern uns daran, wie aufregend Kammermusik sein kann. Mendelssohn und Brahms klangen selten prägnanter als beim Quatuor Ebène und dem Eggner Trio.

Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) stimuliert: Streicherensembles mit Temperament können sich beim Komponisten für seine melodienprallen Werke bedanken - die beflügeln zu Höchstleistungen und bringen bei Kammermusikern das Beste hervor. Wie das famose Fauré-Quartett im Jahre 2010 fegt nun auch das junge französische Quatuor Ebène, gegründet 1999, virtuos durch höchst unterschiedliche Mendelssohn-Preziosen.

Schon in jungen Jahren hatte Mendelssohn einen Schwung formidabler Streichersinfonien geschaffen, die trotz seines Alters - er fing mit zehn Jahren an zu komponieren - kein Kinderkram waren. Eher Wunderkind-Wahnsinn. Diesen kreativen Sausewind erlebt man, kammermusikalisch geformt, auch in op. 13 in a-Moll aus dem Jahre 1827.

Das Ding stürmt sinnlich voran und verlangt von den Musikern sogleich einiges an Intonationssicherheit und Tempodisposition. Die Abstecher des Ebène-Quartetts in Popgefilde und zu Filmmusik aus "Pulp Fiction" oder "Ocean's Eleven" haben den Musikern ein Gefühl für Swing und Biegsamkeit eingebracht. Ein Swing, der gerade dem frühen Mendelssohn bestens bekommt.

Ebenso überlegen können Pierre Colombet (1. Violine), Gabriel LaMagadure (2. Violine), Mathieu Herzog (Viola) und Raphael Merlin (Cello) allerdings auch mit Mendelssohns Spätwerken umgehen, wie dem auf ihrem neuen Album vertretenen op. 80 in f-Moll, das in seiner schroffen Ausdrucksbreite und mit seinen wild wechselnden Themen und Stimmungen den langen Interpreten-Atem fordert. Aus der Trauer über den Tod seiner geliebten Schwester Fanny geschrieben, bietet Mendelssohns op. 80 eine emotionale Tiefe von fast symphonischem Anspruch, der den dezenten Quartettrahmen beinahe sprengt. Sehr beglückend zu hören, mit welcher Finesse das Ebène-Quartett hier eine weitere Meisterprüfung besteht.

Kultivierte Clara trifft grimmigen Brahms

Wunderbar passend platzierten die vier zwischen diese Gegensatz-Quartette ein Werk der Felix-Schwester Fanny Mendelssohn-Hensel, das die schöpferischen Talente der Dame (sie komponierte, dirigierte und spielte Klavier) markant darlegt. Zwischen dem nachdenklich-romantischen Beginn und dem virtuos auftrumpfenden Finale schichtet Fanny Mendelssohn-Hensel die Klänge von behutsam bis entfesselt. Das Stück erhellt ihr Formbewusstsein in vier knappen Sätzen. Dies fächert das Quatuor Ebène subtil auf, gemessen und präzise. Der Bruder schätzte Fannys Können und Wesen enorm: Felix Mendelssohn-Bartholdy überlebte wohl aus Gram und Trauer den zu frühen Tod seiner Schwester (mit 41 Jahren) nur um sechs Monate.

Wie man auch zu dritt symphonische Anläufe realisiert, zeigt das österreichische Eggner Trio: Seit 1997 bereits musizieren die Brüder Georg (Violine), Florian (Cello) und Christoph Eggner (Klavier) gemeinsam, und sie gehören inzwischen zu den gefragtesten Trios weltweit. Die viele Konzerten im Vergleich zu den CD-Einspielungen zeigen: Die Eggners spielen lieber vor Publikum als im Studio. Erst 2008 erschien das erste Album mit Beethoven-Werken.

In welcher Top-Form die drei Brüder sich derzeit befinden, zeigt ihre neue CD: Stupende Klaviertrio-Perfektion entfaltet sich in Johannes Brahms' (1833-1897) reifem op. 87 in C-Dur aus dem Jahre 1880, das eine Menge der harmonischen und melodischen Zutaten von Brahms' großen Orchesterwerken wie in einem Brennglas konzentriert. Spröde und norddeutsch weht der Wind, doch die Eggners verstehen es, eine gehörige Prise Wiener Charme hinzuzufügen.

Demgegenüber klingt das Trio op. 17 von Clara Schumann (1819-1896) erheblich zurückhaltender. Den Vorurteilen gegenüber komponierenden Frauen in ihrer Zeit begegnete Clara Schumann in diesem Werk allerdings souverän; es gilt als Höhepunkt ihres Schaffens. Melodische Kraft kommt ohne vordergründige Virtuosität aus, stattdessen fein geschliffene Struktur. Das alles arbeiten die Eggners präzise heraus. Warmer Klang und federnde Spannung (zum Beispiel im Scherzo-Menuett): Den Interpreten macht die kultivierte Clara ebensolche Freude wie der grimmige Brahms. Gegensätze, die sich hier ganz wunderbar ergänzen.


CDs:
Mendelssohn: Felix & Fanny - String Quartets No. 2 Op. 13 / Es-Dur / No. 6 Op. 80. Quatuor Ebène; Virgin Classics; 19,99 Euro.
Eggner Trio: Johannes Brahms, Clara Schumann, Klaviertrios. Gramola Vienna; 17,15 Euro.

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1.
otto jaegermeyer 23.03.2013
Da stürmt ja jemand sinnlich voran mit seiner flotten Schreibe! (Im Gegensatz zu Mendelssohns op. 13, das bekanntlich mit einer langsamen Einleitung beginnt). Mendelssohns als Stimulator von "Streicherensembles mit Temperament" - wie schade, dass er so gar nichts für Ensembles ohne Temperament oder Besetzungen mit Holz- oder Blechbläsern oder gar für's Klavier geschrieben hat.
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