R'n'B-Superstar Usher Papa statt Playboy

Liebe statt Sex: Usher schlägt auf seinem Album "Here I Stand" ganz neue Töne an. Aus dem einstigen R'n'B-Casanova ist ein stolzer Vater geworden. Aber wollen seine Fans aus ihren Verführungs-Träumen gerissen werden?

Von Jonathan Fischer


Kannten wir den Jungen nicht mit entblößtem Waschbrettbauch, die Hände an der überstehenden Unterhose, den Mund zu einem sinnlich-selbstbewussten "Na komm schon" geschürzt? Hatten wir uns nicht längst an Usher, den Eroto-Maniac und Schmachter von Bettkanten-Präludien gewöhnt? Einen, der sich als untreuer Liebhaber und Verächter von "Safer Sex" outete?

Und nun das: Der Rhythm'n'Blues Superstar posiert auf seinem neuen Album "Here I Stand" nicht nur züchtig bekleidet, sondern bringt auch eine gewisse Ernüchterung in das alte Playboy-Spiel: "Als ich ein Kind war, redete, dachte und fühlte ich wie ein Kind. Jetzt bin ich ein Mann und habe die kindlichen Vorstellungen abgelegt", zitiert er im CD-Booklet aus dem Buch der Korinther.

Drumherum zeigt sich der 29-jährige als erwachsener Mann. Das Teenager-Pinup-Image hat er für einen Gentleman-Look à la Frank Sinatra und Marvin Gaye eingetauscht. Und die wichtigste Sache der Welt heißt jetzt gediegen "Makings of Love" – so erklärt es uns der frisch verheiratete Vater in seinem Song "This Ain't Sex". Klar: Usher genießt offensichtlich das Eheleben und kümmert sich aufopferungsvoll um seinen im letzten November geborenen Sohn Usher Raymond V. Fragt sich nur, ob auch die alten Fans aus ihren Verführungs-Phantasien geweckt werden wollen?

Meister der Schlafzimmschnulzen

Schließlich gilt Usher wie seine Wegbereiter Barry White, Jodeci und R. Kelly als Meister des Schlafzimmer-Rhythm'n'Blues. "Baby Makin' Music", dieser Spielart verdankt er seine größten Erfolge. Seit der R'n'B-Sänger Mitte der Neunziger mit butterweichen Vorspiel-Arien antrat, hat er fünf Grammys kassiert, ein Dutzend Top Ten Singles eingespielt und mehr als 25 Millionen Platten verkauft.

Zuletzt dominierte er mit seinem 2004 veröffentlichten Album "Confessions" die Charts, einem Meisterwerk der Verführung, das oft genug mit Marvin Gayes Klassiker "I Want You" verglichen wurde. Im kurzlebigen Rhythm'n'Blues-Business war Usher da längst selbst zum Vorbild herangewachsen: Sein Stil färbte nicht nur auf all die nachrückenden Ne-Yos und Marios ab – sondern schien auch der Industrie das Nonplusultra an Vermarktungsstrategie zu sein. R'n'B, das war inzwischen gleichbedeutend mit Teenie-Sex.

Wer zwischen all den Hormonen noch so elementare Gefühlszustände wie Zweifel und Verletztlichkeit suchte, der sollte doch in der Oldie-Ecke wühlen. Etwa bei Al Green oder Marvin Gaye: "Sänger wie sie benutzten noch Metaphern und bemühten sich bei aller Anzüglichkeit um handwerkliche Raffinesse", beklagte sich einmal der afroamerikanische Schauspieler Chris Rock, "aber heute verwechseln allzu viele Zärtlichkeit mit Schwäche."

Teure Partys, leichte Mädchen, schneller Sex

Ein Vorwurf, der wohl auch auf den frühen Usher zutrifft. Da bezeichnete sich der Crooner noch gerne als "Mack" oder Zuhälter-Type, ließ die Hosen extra tief hängen und signalisierte mit Bauchmuskeln und Körperhaltung eine Unverwundbarkeit, die die Liebe oft zum Spiel von Dominanz und Triebabfuhr degradierte und den Rhythm'n'Blues am Tropf des HipHops hängen ließ. Man kopierte nicht nur die Kleiderordnung der vermarktungstechnischen Leitkultur, sondern übernahm auch weitgehend deren Macho-Sprache und Wertesystem.

Kein Wunder, wenn bösartige Zungen R. Kellys Porno-Videos mit Minderjährigen nur als konsequente Fortsetzung dieser Verrohung betrachteten. Schließlich kamen viele Rhythm'n'Blues-Sänger kaum noch über eine gesungene Version des stereotypen Rap-Kanons hinaus: Teure Partys, leichte Mädchen, schneller Sex. Dass nun ausgerechnet Usher eine neue Ehemoral predigt, der einstige Frauenflachleger inbrünstig für seine Familie betet: Das dürfte dem Genre verlorenes Terrain zurückerobern.

Zumindest musikalisch macht es der Rhythm'n'Blues-Sänger seinem Publikum leicht: Starproduzenten wie Jermaine Dupri, Tricky Stewart, Stargate und Will.I.Am haben ihm hittaugliche Beats unterlegt, mit denen wohl auch schwächere Stimmen punkten würden. Zumal Usher immer noch jede Menge Kehlkopf-Sex ausstrahlt und – bei allem inneren Wachstum – die "Playa"-Rolle nicht völlig ad acta legt.

Stolzer Vater

Etwa in der ersten Single "Love In This Club". Usher holt da die Vergangenheit als allzeit bereiter Liebhaber zurück, lässt über stotternden, Sex-geschwängerten Synthesizer-Riffs die Kleider fallen. Dann aber triumphiert die Gegenwart, schwört er in "Before I Met You" oder "Something Special" monogame Treue und singt über einen lasziven Groove die Zeilen "This ain’t sex/ this is a symbol of true makings of love".

Wahre Liebe also statt Sex. Und wer den Mann immer noch für eindimensional hält, wird von der brennenden Ballade "Moving Mountains" eines besseren belehrt: Da fleht der verletzte Liebhaber eine emotional distanzierte Freundin an, ihn doch bitte endlich zu verlassen.

Noch weiter vom einstigen Playboy entfernt er sich nur noch in "Prayer For You": Da feiert Usher seine Vaterschaft, wünscht seinem Jungen "einmal besser zu werden als ich", während der Kleine im Hintergrund herumgurgelt. Möglicherweise werden solche Songs Ushers Lover-Image bei den Teenage-Fans beschädigen – aber ist das nicht der Preis, den er als engagierter Vater nur allzu gerne zahlt?

"Neuerdings kann ich es mir leisten, verletzlich zu sein," hat Usher bekannt, "und bestimmte Gefühle, die früher tabu waren, in meiner Musik ausdrücken." Seine wichtigste Aufgabe heute: das Eltern-Vorbild. Dafür, sagt der Rhythm'n'Blues Star, sei er auch bereit, seine Karriere einzuschränken: "Ich möchte einfach nur stolz auf mich selbst als Vater sein. Das erscheint mir die lohnendste Sache der Welt". Willkommen in der Erwachsenen-Liga des Rhythm'n'Blues!


Usher - Here I Stand (Arista USA/Sony BMG)

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