Berliner Philharmoniker: Donnern gehört zum Handwerk

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Berliner Philharmoniker: Rachmaninow tanzen lassen Fotos
Monika Rittershaus/ EMI

Seine Orchesterwerke strahlen so hell wie seine Klavierwerke. Und wenn die Berliner Philharmoniker Sergej Rachmaninow spielen, dann tanzt unter Sir Simon Rattles Taktstock auch die russische Seele.

"Rach 3", das ist unter Piano-Fans der Code für den absoluten Rachmaninow: Das dritte Klavierkonzert, in technischem Anspruch und melodischer Finesse stellvertretend für das Klavierwerk des russischen Virtuosen, gilt als Reifeprüfung. Es beinhaltet Tastenfeuer und fülliges Orchester, Kraft und Intensität. Dagegen verblassen für viele Hörer Rachmaninows andere Orchesterwerke, namentlich seine Sinfonien. Was Sergej Rachmaninow allerdings als krönenden Abschluss seines Œuvres unter dem Understatement-Titel "Sinfonische Tänze" anbietet, geriet ihm zu seinem beeindruckendsten orchestralen Werk.

Rachmaninow schöpft dafür melodisch und rhythmisch aus dem üppigen Fundus russischer Volks- und Kunstmusik. Aus den drei Sätzen und den 35 Minuten seines Prachtstücks ließen sich eine ganze Handvoll wirkungsvoller Film-Soundtracks destillieren, die Gogols "Toten Seelen" oder etwa Turgenjews "Tagebuch eines Jägers" illustrieren könnten: Wie man prototypisches Russland, seine Menschen und Geschichten musikalisch imaginieren will, Rachmaninow malt hier mit feinem wie mit breitem Pinsel, und er spart nicht mit Überraschungen.

Überraschungen mit Saxofon und Harfe

Zum Beispiel gehören Piano und Altsaxofon zum groß dimensionierten Orchester, nicht gerade die übliche Besetzung im Entstehungsjahr 1940. Zumal, wenn man im Saxofoneinsatz kaum jazzige Anklänge hört. Viel Schlagzeug, dazu eine Harfe, dreifach besetze Holzbläser sorgen für Opulenz, was bei den "Sinfonischen Tänzen" aber keine brachiale Kraftentfaltung bringt, sondern eher wagnerische Differenzierung. Die Tänze verstehen sich auch als sinfonische Dichtung, der Komponist erzählt in ihnen von der Entwicklung zur russischen Revolution (zweiter Satz) bis hin zum jüngsten Gericht, das im dritten Satz durch eine versöhnlich überhöhte Coda abgeschlossen wird.

Die neue Einspielung von Sir Simon Rattle und seinen Berliner Philharmonikern trifft mit entspannter Souveränität genau diesen allumfassenden Geist des Werkes: Rachmaninow war 1940, drei Jahre vor seinem Tod, am Ende seines Schaffens angelangt und fasste in diesem letzten Werk mit leichter Hand und im Vollbesitz seiner kreativen Kräfte alle Aspekte seiner Musik zusammen. Die Liebe zur russischen Heimat, seine üppige Phantasie und seine melodische Gestaltungskraft flossen hier noch einmal zusammen - allerdings ohne die explosive Virtuosität zu feiern. Dennoch verlangen die "Tänze" für ihren Facettenreichtum ein Spitzenorchester. Sir Simon Rattle, der ja gerade bei den Berlinern gekündigt hat, vereinigt nun offenbar die technische Brillanz des gelösten, entspannten Leiters mit den Möglichkeiten seines Hauptstadt-Klangkörpers: gerade recht für einen späten Rachmaninow.

Rattle lässt die Glocken läuten

Bevor allerdings auf der neuen CD losgetanzt wird, haben Dirigent und Orchester als Einstimmung Rachmaninows kaum weniger mitreißende Vision von den "Glocken" aufgenommen. Mit drei Solostimmen und einem vollen Chor komponierte Rachmaninow so etwas wie ein Volkskantate, wieder einmal Klang gewordene russische Seele mit einem Schuss Mystik, aber ebenso eine sinfonische Dichtung voller Klangbilder. Sinnigerweise gründet sich das Werk auf ein Gedicht Edgar Allan Poes von 1845, ein Brückenschlag Rachmaninows zur amerikanischen Kultur, die er schon immer schätzte: Die Idee zur Kantate kam Rachmaninow schon 1913.

Die vier Sätze handeln streng nach Poe Schlittenglöckchen, Hochzeitsglocken, Alarmglocken und natürlich Totenglocken ab: Es geht ums liebe Leben, etwas dicker aufgetragen als bei den "Sinfonischen Tänzen", eben den jüngeren Jahren des Komponisten entsprechend. Die Uraufführung 1931 in Moskau wurde allerdings zum angeordneten Misserfolg: Sergej Rachmaninow hatte sich gerade in einem Brief in der "New York Times" kritisch gegen die kommunistische Regierung gewandt und damit den wütenden Unmut eben dieser Regierung auf sich gezogen. Seiner Karriere tat dies keinen Abbruch: Dafür sorgte schon seine Virtuosität als Pianist. Donnern gehört zum Handwerk, den geschmeidigen Tanz hob er sich für später auf.


Rachmaninow: The Bells, Symphonic Dances. Berliner Philharmoniker, Ltg. Sir Simon Rattle, u.a. Warner Classics/EMI; 16,99 Euro.

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1. Mehr als Donner
ogonoi 21.09.2013
Ich glaube Rachmaninoff hat es nicht mehr nötig ins rechte Licht gerückt zu werden. Umso erfreulicher, dass Rattle zwei seiner besten Werke aufgenommen hat! Diese Aufnahme anzuschaffen lohnt sich auf alle Fälle!
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