Pop! Was interessiert mich mein Hit von gestern

Radiohead hassen "Creep", und Madonna würde "Like a Virgin" nur für 30 Millionen Dollar noch einmal spielen. Nach Herbert Grönemeyer krähte in den USA nie ein Hahn. Pophelden kann man eh ausradieren - zumindest in Gedanken.

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Recht auf Gassenhauer?

Als Radiohead in Montreal mal ein Konzert gaben, wagte ein Fan, lautstark den Hit "Creep" zu fordern. Er solle zum Teufel gehen, sie hätten genug von dem Song, schimpfte Thom Yorke daraufhin ins Publikum. Was erstaunlich ist, denn "Creep", von der Band intern "Crap" (Müll) genannt, ist einer der großen, wenn auch frühen Hits der kunstbeflissenen Band aus Oxford. Aber mit ihrer "Creep"-Verweigerung fügen sich Radiohead ein in die Galerie der Künstler, die mit manchen Triumphen der Vergangenheit nicht mehr behelligt werden mögen. Guns-N'-Roses-Gitarrist Slash gab mal zu Protokoll, dass er "Sweet Child o Mine", einen der ganz großen Hits der Band, hasst. Und -Led Zeppelin-Veteran Robert Plant verhagelt es die Laune, wenn ihm jemand mit "Stairway to Heaven" kommt.

Die Online-Ausgabe des "Guardian" hat nun rechtzeitig zur Festivalsaison eine Liste der Musiker zusammengetragen, die eigene Hits auf die schwarze Liste gesetzt haben. Die spannende Frage bei dieser verbreiteten Verweigerungshaltung ist allerdings, wo künstlerische Freiheit endet und wo die Verpflichtung den Fans gegenüber beginnt: Erwirbt ein Publikum mit den oft exorbitanten Ticketpreisen das Recht auf Gassenhauer? Oder muss es in Demut auch glücklich sein, wenn die Künstler mit obskuren Album-Tracks herumexperimentieren? Madonna geht die Sache mal wieder pragmatisch an: Man müsse ihr schon 30 Millionen Dollar zahlen, damit sie "Like a Virgin" noch mal zum Besten gebe, ließ sie verlauten.

Ewig Fremde

Andere, auch sehr berühmte, Musiker wären dankbar, wenn sie ihre Hits überall auf der Welt singen dürften. Der Traum vieler Künstler ist noch immer, in den USA groß rauszukommen. Das füllt einerseits die Kasse, streichelt aber auch das Ego, denn in Los Angeles oder New York aufzutreten, ist eben immer noch etwas Besonderes. Davon, dass daheim groß rauszukommen noch lange keine Karriere in den USA garantiert, können die zwanzig lokalen Stars ein Lied singen, die die Online-Ausgabe des US-"Rolling Stone" in einem Beitrag zusammenfasste. Dabei sind Eppu Normal die erfolgreichste finnische Band aller Zeiten. Oder die Schweden von Mando Diao, nach denen in den USA auch kein Hahn kräht. Und - potzblitz - Herbert Grönemeyer, der mit seinen Songs ebenfalls nie in New York und L.A. landen konnte. Immerhin erinnern sich einige Spezialisten an seinen Auftritt in "Das Boot".

Delete

Was wäre, wenn verstorbene Musiker auch von Hüllen ihrer Platten verschwinden würden? "Abbey Road" ohne John Lennon und George Harrison? "Smells Like Teen Spirit" ohne Kurt Cobain? Eine bizarre Bildgalerie mit ausradierten Pophelden bietet die Webseite Design Faves.

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insgesamt 5 Beiträge
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angst+money 04.07.2014
1.
Radiohead kann ich gut verstehen: 'Creep' hat dafür gesorgt, dass ich die Band erst mit mehreren Jahren Verspätung gut fand. Und nie Neugier auf ihr Frühwerk verspürte. Live hat das Publikum vor allem ein Recht darauf, dass die Band inspiriert ist - egal ob mit oder ohne Hits. Am liebsten sind mir persönlich die, bei denen man nicht schon Wochen vorher im Internet die Setlist abrufen kann, weil sie jeden Abend ein anderes Programm spielen. Kann natürlich auch mal nach hinten losgehen... Vollstes Verständnis auch für Robert Plant: Was für eine Gurke! Ganz unabhängig von der "Spirit"-Diskussion. Guns & Roses könnte ich auch unterschreiben wenn statt "Sweet Child" ein Lückentext käme ;D Bei den "Design Faves" wundere ich immer noch über das Fehlen von "Are You Experienced" - leider das Cover Nr.1 in dieser Sparte.
Fletsch 04.07.2014
2. Selbstverliebt
Das ist der UNterschied zwischen egiozentrsichen, selbstverliebten Stars, und denen, die sich um ihre Fans kuemmern. Am besten, man macht es wie Bruce, der spielt eben 4 Stunden, damit er die Greatest Hits spielen kann, und auch kleine Koestlichkeiten. Oder er gibt von vornherein an, was fuer eine Art Konzert es wird.
leseratte59 04.07.2014
3. Bob Dylan...
...geht da sehr souverän mit seinen Hits um: Er verhunagelt sie bei jedem Auftritt so, dass kein Mensch sie erkennt. Da kommt erst gar keiner in die Verlegenheit, Gassenhauer von ihm zu fordern. Merke: Ein Musiker ist keine Jukebox.
JaWeb 04.07.2014
4. Kombi
Künstlerisch interessant wäre es doch vielleicht, einen ungeliebten Hit im Konzert in ein musikalisches Gewand zu kleiden, dass mehr der aktuellen Herangehensweise eines Künstlers an die Musik entspricht (siehe Bob Dylan). Das Wiederkäuen in ewiger Anlehnung an die Studioversion ist nachvollziehbar für viele Musiker irgendwann ausgelutscht und muss live auch nicht unbedingt sein. Also vielleicht einfach Fanwünsche und eigenen künstlerischen Anspruch kombinieren.
Celestine 06.07.2014
5.
"Creep" ist für mich einer der wenigen Songs, den ich von dieser Band mag. Mit den meisten, bis zu höchstens ein paar, kann ich nichts anfangen, ich finde die einfach nur zum Gähnen langweilig. Die berühren mich überhaupt nicht. Die Texte, na ja, dann lese ich halt lieber Gedichte ... Aber dies ist *nur* eine Geschmackssache. Künstlerisch haben sie ihren eigenen Stil, der ist mir ist zu kopflastig und leidenschaftslos.
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