Neues Album von Radiohead Ein Tänzchen am Abgrund der Gegenwart

Nach Pop-Superstars wie Beyoncé, Drake und James Blake haben nun auch Radiohead ihr neues Album über Nacht selbst veröffentlicht. Kurios in heutiger Zeit: Man sollte sich Zeit nehmen für "A Moon Shaped Pool".

Radiohead-Sänger Thom Yorke
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Radiohead-Sänger Thom Yorke

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Kaum zwei Stunden waren am Sonntagabend vergangen, schon standen die ersten Reaktionen zum neuen Radiohead-Album online. Die Band aus Oxford hatte ihr neuntes Studiowerk "A Moon Shaped Pool" so überraschend veröffentlicht, wie es für Musiker mit großer Fanbasis zum neuen Standard zu werden scheint. In den vergangenen Monaten gab es neue Alben von Rihanna, Kendrick Lamar, Kanye West, Beyoncé und Drake ohne große PR-Kampagnen oder Vorab-Bemusterung der Presse, von Interviews, bei denen Künstler in vergangenen Zeiten gerne ihren aktuellen Schaffensstand kommentiert haben, mal ganz zu schweigen.

Zur Verbreitung wurde nicht mehr die zunehmend unbeteiligt wirkende Plattenfirma bemüht, sondern ein Streamingdienst wie Tidal oder Apple Music. Das Label darf dann später lediglich den Vertrieb der physischen Veröffentlichung übernehmen, so es denn überhaupt noch eine gibt. Am vergangenen Freitag "droppte" auch der britische Elektro-Barde James Blake seine neue Platte in einer dieser neuen Über-Nacht-Aktionen (eine ausführliche Rezension lesen Sie am Dienstag in unserer Kolumne "Abgehört"), am Sonntag folgten Radiohead, die "A Moon Shaped Pool" zunächst auf ihrer eigenen Website zum Download anboten.

Für die Künstler mag das prompte Heißlaufen von Medien und Publikum durchaus Sinn ergeben, sie erhalten am Tag ihres "Drops" maximalen PR-Effekt, wenn sich das Netz weitgehend geschlossen ihrer Produktpolitik beugt. Aber eben nur für kurze Zeit - bis ein anderer Popstar die Meute zum nächsten Ereignis leitet - schnell gestreamt, schnell rezipiert und rezensiert - und schnell vergessen? Irgendwann wird man daher über nachhaltige Resonanz und Verkaufszahlen dieser Event-Alben reden müssen - es sei denn, ein Album dient in den oberen Rängen des Pop-Adels ohnehin nur noch als Bonus, ein leichtfertig verschleudertes "Goodie", um die darauf zumeist folgende Tournee anzuteasern, mit der dann das Geld verdient wird.

Radiohead folgen diesem "Shock and Awe"-Trend des Instant-Veröffentlichens nicht, sie haben ihn quasi erfunden, als sie 2007 ihr Album "In Rainbows" in Eigenregie herausbrachten. Jeder durfte zahlen, was er wollte. Ein Modell, das damals wie heute nicht so gut funktioniert, deshalb erschien der Nachfolger "The King Of Limbs" 2011 wieder über traditionellere Wege. Das neue Album kostet nun 11,50 Euro, wenn man es digital erwirbt, für Juni sind Vinyl und CD angekündigt, eine aufwendig gestaltete Spezial-Edition schlägt ab September mit 76 Euro zu Buche. Zu verschenken haben Radiohead also nichts, sie brauchen sich über die Flüchtigkeit eines Massen-Pop-Publikums aber auch keine Gedanken zu machen: Ihre Anhänger sind zahlreich, treu und anspruchsvoll.

Mehr Nick Drake als Pink Floyd

Ein neues Radiohead-Album muss daher - vor allen kommerziellen Erwägungen - ein Kunstwerk sein. "A Moon Shaped Pool" löst nun nicht nur diese hochgesteckte Erwartung ein, es ist darüber hinaus auch noch ein gutes, sehr modernes Popalbum: gefällig und abstrakt zugleich, tiefgründig und von lange entbehrter, sehnsuchtsvoller Melodik durchzogen. Es wird allerdings, anachronistisch genug, Zeit brauchen, bis man es in seiner Vielschichtigkeit durchdrungen hat.

Sänger und Hobby-DJ Thom Yorke brachte seit "The King Of Limbs" ein Solo-Album und eine ambitionierte Platte mit dem Elektroprojekt Atoms For Peace heraus, und auch die anderen Bandmitglieder beschäftigten sich mit neuen musikalischen Dingen. Am prominentesten wohl Gitarrist und Geräusche-Spezialist Johnny Greenwood, der inzwischen zu einem renommierten Filmsoundtrack-Komponisten erwuchs. Er schrieb unter anderem die Musik zu Paul Thomas Andersons Filmen "There Will Be Blood", "The Master" und "Inherent Vice"; der US-Regisseur revanchierte sich nun, indem er einen angemessen somnambulen Clip zur neuen Single "Daydreaming" drehte.

Greenwoods kompositorische Handschrift ist dann auch die deutlichste auf "A Moon Shaped Pool": Die Grundstimmung des Albums ist sphärisch und raumgreifend, das London Contemporary Orchestra, ein Ensemble für Neue Musik, liefert bei fast allen Stücken Streicher und Soundflächen zu, die nebenbei auch wieder für einen weicheren Radiohead-Klang sorgen. Oft beherrscht eine warme, voluminöse Folkigkeit die Songs, bei denen dann auch der ansonsten eher arbeitslose Ed O'Brien mit akustischer Gitarre glänzen darf. "Desert Island Disk" und das auf Jazz-Piano-Klimpern aufsitzende "The Numbers" erinnern an das British Folk Revival der späten Sechziger und frühen Siebziger.

Statt Pink Floyd, als deren Nachfolger Radiohead ja gerne gehandelt werden, steht hier also eher Nick Drake Pate, wobei selbst die musikalisch traditionellsten Momente hier zumeist mit elektronischen Mitteln illustriert werden. Schaben, Brummeln und andere Drone- und Glitch-Pop-Elemente interferieren immer wieder mit den Naturklängen, als würde man selbst beim "Daydreaming" auf der grünsten Wiese oder auf einer einsamen Insel mit der "Desert Island Disk" im Gepäck dem statischen Grundrauschen der Moderne nicht mehr entfliehen können. Und so ist es ja auch.

An anderer Stelle, im futuristischen Getriebe von "Ful Stop" etwa, bimmeln und quengeln die Sequenzer so paranoid-apokalyptisch über Colin Greenwoods flüchtende Bassläufe wie zuletzt bei "OK Computer". Erneut verblüffen Radiohead mit ihrem avantgardistischen Impetus: Ist das noch Rockmusik oder schon längst etwas ganz anderes? Etwas, das so progressiv und retrospektiv zugleich ist, dass es noch keinen Namen hat?

Typisch für diese von Angst- und Endzeitobsessionen getriebene Band ist das Grübeln und Graben im Inneren. Auch "A Moon Shaped Pool" ist ein manchmal ziellos irrlichternder Streif- und Rückzug ins Private auf der Suche nach sich selbst ("Identikit"), der hier aber gleichzeitig auch archivarische Rückschau ist: Sieben der elf Songs des Albums sind Fans bekannt, wurden bereits live aufgeführt und immer wieder variiert, das älteste ist das versöhnliche Schluss-Stück "True Love Waits" von 1995.

Kommentar zum Politik-Irrsinn

"Don't leave, just don't leave", fleht Yorke darin in seinem trunkenen Falsett-Gesang, ein Ruf an die Flüchtigkeit der Fan-Aufmerksamkeit oder an die Zeit an sich, vielleicht aber auch, ganz privat, an seine im vergangenen Jahr zerbrochene Beziehung zu seiner Frau Rachel. Um die Bewältigung dieser Krise scheint sich ohnehin vieles in den wie immer verrätselten Texten zu drehen, angefangen vielleicht sogar, wenn man argwöhnt, beim Opener "Burn The Witch", der vergangene Woche bereits mit einem Videoclip vorab veröffentlicht wurde.

Auch die von Plastikfiguren bevölkerte Dorfidylle, die der Animationskünstler Chris Hopewell für das Video entworfen hat, weist in rurale Zusammenhänge, in die manchmal mystische, von Aberglaube und Naturraunen umwehte Ländlichkeit des "Wicker Man"-Horrors. Britische Kritiker fühlten sich von der Atmosphäre des Clips an die in den Siebzigern populäre Kinderserie "Trumpton" erinnert. Hier wird die heile Welt zur Kulisse für eine Hexenverbrennung, zu der Yorke im Text mahnt: "We know where you live" und von einer "low flying panic attack" singt.

Ein Kommentar zur Flüchtlingskrise sei das, schob die Band am Wochenende vorsorglich ein, aber man kann natürlich allein aus der offensichtlich intendierten Konnotation "Trumpton" einen Kommentar zur populistischen Politik-Regression nicht nur in den USA, sondern überall in Europa lesen. Im Covermotiv des Albums, dem "Moon Shaped Pool", wollen einige Radiohead-Fans bereits das verzerrte Abbild der Vereinigten Staaten erkannt haben.

Alles gut möglich. Und vielleicht sind Radiohead genauso überfordert mit der Komplexität der Gesamtsituation wie wir alle - und die ungewohnt wärmenden, nach Vertrauen und Geborgenheit tastenden Songs dieses grandios undefinierten und verzagten Albums sind ein Kommentar zur Zeit, der nur unschlüssig sein kann. Wer hat schon Antworten? Wer fühlt sich nicht verloren? "This Dance/ it's like a weapon of self defense/ Against the present", heißt es im tatsächlich sehr leichtfüßigen Trauerspiel "Present Tense". Ein Tänzchen am Abgrund der Gegenwart.



insgesamt 9 Beiträge
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tuffgong 10.05.2016
1.
Da kann der Autor einen noch so langen Text über das Album schreiben. Es geht hier immer noch um Musik und die muss man hören, um sie beurteilen können und nicht erlesen. Das Album ist sehr öde. Wer Songs wie Lotus Flower erwartet, wird bitter enttäuscht werden.
spon-facebook-10000406104 10.05.2016
2. Alter Wein in neuen Schläuchen
"Irgendwann wird man daher über nachhaltige Resonanz und Verkaufszahlen dieser Event-Alben reden müssen" - als hätte die Plattenindustrie seinerzeit über längere Zeiträume dieselben Alben/ Songs/ Künstler promotet. Lass uns irgendwann lieber über etwas anderes reden…
sekundo 11.05.2016
3. Was ist SPON eigentlich wichtiger,
die Nachricht zu verbreiten, dass dieBand X eine neue CD auf den Markt gebracht hat oder die exaltierte Rezension des Herrn Borcholte?!? Die quillt zwar über vor putzigen Wortschöpfungen und verbalenSättigungsbeilagen aber Konkretes über die Band und die Titel bleibtder Autor schuldig. Und wieder einmal übertünch Borcholte fachliche Leere durch"ein Tänzchen am Abgrund der Gegenwart"!Vorsicht! Absturzgefahr! Auf solch einen Schmarrn mussman erstmal kommen!
kronk 11.05.2016
4. bittere Enttäuschung
@tuffgong: Wer von Radiohead IRGENDetwas wie irgendwelche vergangenen Lieder erwartet, wird a) meistens bitter enttäuscht und hat b) die Band nicht so wirklich verstanden. Davon ab, wieviele konzentrierte Durchhörer können denn schon gelaufen sein, zwei, drei? Radiohead-Alben öffnen sich dem geduldigen Hörer nach vielen Durchläufen.
petie 11.05.2016
5. Hören und Fühlen!
Gelungene Rezession für Musikliebhaber... In diesem Fall absolut genial geschrieben. @tuffgong: Wie soll man gegenüber Anderen eine Platte beschreiben, wenn nicht in Worten, die dann zu einem Text werden? Der Autor muss die Scheibe schon mehrfach gehört, und gefühlt, haben...
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