Britischer Sänger Rag'n'Bone Man Die Welt hat den Blues, er hat den Song

Sein Hit "Human" erobert weltweit die Charts: Der britische Sänger Rag'n'Bone Man trifft mit Beats, Soul und Blues den Zeitgeist. Begegnung mit einem sanften Riesen.

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Wenn ein Lied sogar im RTL-Dschungelcamp gesungen wird, dann weiß man, dass etwas, nun ja, im Busch ist. "I'm only human after all, don't put the blame on me", trällerte Hanka "Zanka" Rackwitz vor zwei Wochen in den Frust ihrer Mitinsassen hinein: Ich bin doch letztlich nur ein Mensch, gib mir nicht die Schuld.

Der zugehörige Song dürfte den RTL-Zuschauern mehr als geläufig gewesen sein, man kann ihm nämlich seit Wochen kaum entkommen: "Human", im Radio so allgegenwärtig wie in einer aktuellen TV-Werbung von Vodafone, hat sich auf dem Spitzenplatz der deutschen Single-Charts schon fast so bequem eingerichtet wie ein Helene-Fischer-Hit. Nur, dass hier nicht hirn- und atemloser Schlager-Stampf gefeiert wird, sondern ein schöner, trauriger Blues mit getragenen Gospel-Chören und einer weltmüden Soul-Stimme. In Deutschland zündete "Human", im Juli veröffentlicht, schon Ende letzten Jahres, spätestens seit Weihnachten aber hat sich auch der Rest von Europa sowie Russland, Kanada und die USA dem Neo-Blues des britischen Sängers, der sich Rag'n'Bone Man nennt, hingegeben.

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Rag'n'Bone Man: Auch nur 'n Mensch

Wie sich der Zeitgeist ändert: Tänzelte die Welt noch vor zwei Jahren fröhlich zum Überhit "Happy" durch einen warmen Sommer, so schlurfen nun alle sehnsuchtsvoll und wehmütig zu "Human" durch einen Winter, der nach Terror, Brexit und Trump noch kälter und entmutigender als gewöhnlich wirkt. Das Lied, im herzschlagnahen 75-bpm-Groove gehalten, wirkt wie Seelenbalsam gegen den Weltschmerz: "Ich bin nur ein Mensch, ich hab' keine Lösungen, ich bin kein Prophet und kein Messias" - ein exkulpierender, demütiger Seufzer gegen die Undurchsichtigkeit des Weltgeschehens, die alle überfordert.

Wer ist der Mann hinter diesem Pop-Phänomen?

Rory Graham stammt aus Uckfield, einem Vorort von Brighton in England und feierte am 29. Januar seinen 32. Geburtstag. Graham ist ein massiger Mann mit buschigem Vollbart unter raspelkurzem Crew-Cut und Tattoos am ganzen Körper. Auf den Knöcheln seiner einen Hand steht "F-U-N-K", auf der anderen "S-O-U-L". Er habe "the body of a Viking and the voice of an angel", schrieb der britische "Telegraph" über die Erscheinung, die so gar nicht in die Schablone des gängigen Popstars passen will.

"Ich bin kein Justin Bieber, aber wenn es dir nicht passt, wie ich aussehe, dann ist das dein Problem, nicht meins", wurde Graham mal zitiert. Aber das liest sich aggressiver, als es klingt, wenn Graham es sagt. Eine Bedrohung geht von dem sanften Riesen nicht aus, selbst wenn man ihn in einem dunkel getäfelten, gotischen Konferenz-Saal des St. Pancras Hotels am Londoner King's Cross begegnet, einem kargen, alten, sehr hohen Raum, der selbst Grahams eindrucksvolle Masse auf dem stattlichen Sofa schrumpfen lässt.

In seinen Augen glitzert sehr sympathisch ein schüchterner, aber schelmischer Humor. Wenn er lacht, wirkt er so rundum freundlich wie der Weihnachtsmann. Doch bevor Graham Geschenke in Form von Songs an sein nun enormes Publikum verteilt, nimmt er die Sorgen, Geschichten und Storys auf, die ihm seine Freunde und Verwandten, manchmal auch wildfremde Menschen erzählen. Er klaubt sie auf wie die Lumpen- und Altmetallsammler, die in früheren Zeiten durch die Straßen liefen, die Rag-and-Bone-Männer aus der britischen Kult-Comedy-Serie "Steptoe and Son", nach denen sich Graham benannt hat.

Viele seiner Songs handeln nicht von ihm selbst, sagt Graham. "Es geht gar nicht so oft um mich. Manchmal ist es viel interessanter, wenn du mit Freunden sprichst, dir anhörst, was in deren Leben so abgeht. Denn wenn du sechs Monate in einem Tourbus lebst, dann ist das nicht sehr interessant. Du schreibst keine Songs darüber, wie lange du 'Super Mario Kart' gespielt hast".

Wie viele andere Songwriter vor ihm schürfte auch er zunächst ganz tief in seiner eigenen Seele, um auf die echte, wahre Kunst zu stoßen. Irgendwann sah er dann den Film "Das Parfüm" von Tom Tykwer, ließ sich inspirieren, las das zugehörige Buch und schrieb dann seinen Song "Perfume" über den Geruch einer Person, die ihm einst sehr nahestand. "Da war mir klar, dass ich auch über andere Dinge schreiben kann."

Empathie lernte er als Autisten-Betreuer

Zuhören, sich in Menschen einfühlen, das lernte Graham schon früh. Seine Eltern trennten sich, als er noch klein war, die Mutter kümmerte sich um ihn und seine beiden Geschwister, eine ältere Schwester und eine jüngere, die unter einer geistigen Behinderung leidet. Später, als Erwachsener, arbeitete Graham vier Jahre lang als Betreuer für Asperger-Patienten. "Das war für mich ganz natürlich, ich war schon als Kind umgeben von Menschen, die unter verschiedensten Formen von Autismus litten", sagt er. "Es ist ein toller Job. Viele glauben, sie könnten das nicht machen, weil sie nicht wissen, wie sie kommunizieren sollen. Aber wenn du dich traust, gibt es dir viel Sinn für Empathie und Mitgefühl, es ist eine sehr gute Übung, um Menschen vorurteilsfrei zu begegnen."

Diese Sensibilität nutzt Graham auch für seine nach Erlösung greifenden Schmerzensballaden, die er zumeist alleine am Piano komponiert. Richtig wohl und lebendig, sagt er, fühle er sich jedoch erst auf der Bühne, wenn er direkt mit seinem Publikum in Kontakt treten kann.

Graham stammt aus kleinen Verhältnissen. In Uckfield, einer ländlichen Gemeinde mit rund 20.000 Einwohnern, sei nie viel los gewesen, seine Freunde und er spielten im Wald oder auf den Feldern, aber, wie langweiliges Dorfleben nun einmal ist, sie hätten auch ständig Ärger gemacht. "Nichts wirklich Schlimmes", beeilt sich Graham zu sagen, "Fußbälle in Fensterscheiben, Graffiti, solche Sachen", aber dennoch klingelte regelmäßig der Dorfpolizist. Grahams Mutter sang zu Hause gerne Folk- und Jazzsongs, Dusty Springfield und Ella Fitzgerald. Manchmal nahm sie die Kinder mit zu kleinen Festivals.

Der Vater, ein Industrietaucher, der viel auf Bohrplattformen im Einsatz war, liebte eher den Blues und spielte seinem Sohn John Lee Hooker vor. Einmal, als Rory 19 war, nahm ihn Graham Senior mit zu einem Blues-Abend in einem Pub und ermunterte ihn, sich auf die Bühne zu stellen, um zu singen. Der Junge traute sich - und erhielt durch den Applaus der anwesenden Musikveteranen und Profis genug Selbstvertrauen, sich als Sänger zu versuchen.

Wie bei wohl jedem Teenager seiner Generation lag ihm zunächst jedoch Hip-Hop näher als alter Blues und Soul. Graham zog nach Brighton und gründete mit einem Kumpel zusammen die Gruppe The Rum Committee. Aus lokalem Erfolg wurde bald eine kleine Karriere als Live-Performer und Produzent kleinerer Veröffentlichungen, die Graham in den Dunstkreis von Londoner Szene-Promis wie Kate Tempest und Vince Staples führte. Zwischen 2011 und 2015 veröffentlichte er als Rag'n'Bone Man zwei EPs, die von der Kritik wohlwollend beachtet wurden. Im "Sound of 2017"-Check der BBC wurde er Zweiter hinter der R&B-Sängerin Ray BLK.

Der Blues kommt zurück

Für "Human" und sein gleichnamiges Debütalbum, mit dem er nun doch wieder bei der alten Musik seiner Eltern ankommt, fand der Underground-Musiker einen ungewöhnlichen Partner. Der britische Songwriter-Profi Jamie Hartman schrieb schon Hits für Joss Stone und Natalia Imbruglia und sorgte nun offenbar für den hymnenhaften Radio- und Mainstream-Pop-Appeal von Songs wie "Skin", der zweiten Single, "Innocent Man" oder "Love You Any Less". Die Plattenfirma Sony, die Graham inzwischen unter Vertrag nahm, hatte mit der kommerzgerechten Paarung jedoch nichts zu tun, sagt der Rag'n'Bone Man. Hartman und er hätten ein enges Verhältnis. Der Profi helfe ihm mit den Melodien und wenn sein eigenes Songwriting drohe, zu formelhaft zu werden.

Der Pop-Charakter seines Albums sei ihm bewusst, erklärt Graham, das habe er genau so gewollt: "nicht zu vintage, sondern modern." Sein nächstes Projekt aber könne ganz anders klingen: "Vielleicht habe ich Lust, ein traditionelles Soul-Album aufzunehmen, wer weiß?"

Der zeitgemäß mit Post-Dubstep-Beats, Pop-Melodik und Trip-Hop-Melancholie versehene Blues-Sound von "Human" ist inzwischen ein Trend, der sich immer vehementer in den Charts niederschlägt. Schon im letzten Jahr feierte der Sänger Hozier mit seinem Roots- und Kirchengospel-Hit "Take Me to Church" einen überraschenden Erfolg; aktuell wird der seelenvolle Sound von Rag'n'Bone Man von Bands wie Kaleo aus Island flankiert, deren auf Piano und Gitarrenriffs marschierendes "Way Down We Go" gerade zum Ohrwurm wird.

Die erste, die das Zeichen der Zeit erkannt hatte, war Rihanna, die auf ihrem Album "Anti" bereits im vergangenen Frühjahr die verblüffend traditionelle R&B-Ballade "Higher" versteckte. Im Dezember feierten auch die Rolling Stones mit ihrem Retro-Blues-Album "Blue & Lonesome" ein Comeback in den Charts.

"Die Leute glauben mir offenbar", versucht sich Graham den Instant-Ruhm zu erklären: "Es gibt kein cleveres Marketing: Einfach rausgehen und singen, das ist alles." Inmitten des ganzen Trubels um seine Person wirkt er erstaunlich gelassen. "Das Ganze war ja eine Art Graswurzel-Geschichte", sagt er. "Wir haben früher alles selbst gemacht, vom Poster bis zur CD." Auch seine Fanbasis habe er in unzähligen Konzerten selbst aufgebaut. "Ich war glücklich damit, wie es lief, es hätte auch so weitergehen können."

Dass er seine Songs für noch mehr Menschen singen kann, ist für den Sänger ein unerwartetes Geschenk, andererseits aber auch seine größte Sorge: Was, wenn die Konzertsäle so groß werden, dass er den Überblick verliert und die direkte Kommunikation nicht mehr funktioniert, die Intimität, aus der seine Musik ihre Kraft schöpft? Wichtig sei für Rory Graham daher nicht, wie groß das alles noch wird, sondern wie lange es anhält: "Ich will keine Eintagsfliege sein." Und sollte es doch so kommen: Don't put the blame on him.



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freeusa 08.02.2017
1. Super Song
aus den 30ern des letzten Jahrhunderts. Freu mich schon auf sein Konzert
hardeenetwork 08.02.2017
2. Ehrliche Musik
Einfach, natürlich, grossartig. Tut gut in einer aus den Fugen geratenen Welt. Bodenständig und voller Demut.
tecmic 09.02.2017
3. Der Konsument ist das Probl
Eigentlich , bei den ersten Klängen, so scheint es, ist das ein guter Song: markante Stimme, genutze Eintönigkeit als Spannung, aber als dann die vermeindliche Bridge wieder den Anfang folgen lässt, erkennt leider nur der geübte und geprüfte Zuhörer, das war es leider. Was ist das Problem: der Kalkbrenner monotonisierte und Bourani gehooklinedte Konsument findet das originell oder neu. Ich empfehle jedem das Video "Gentle storm" von Elbow oder die Soloscheibe von Guy Garvey, dann wird mal wieder Harmonie, Songwriting und Text zum Entscheidenden Kriterium. Vielleicht kann ich ja mal wieder ein paar Programmradiokunden zur Musik bringen. Sorry dieser Kerl ist Kommerz!
wolleb 09.02.2017
4. Gefällt mir nicht.
Schon als ich es zum ersten mal hörte, war das nicht mein Fall. Mittlerweile geht es mir nur noch auf die Nerven.
stefanetzki 09.02.2017
5. Hallo?
Einfach nur überbewertet.Natürlich nichts Neues und nichtmal ansatzweise originell geklaut.Kommerz.Billig.
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