Abgehört - neue Musik Meisterwerke der Unbehaglichkeit

Schillern, Flattern, Schwirren: Auf den neuen Alben von Raime und Swans wird im musikalischen Schwarz nach Erlösung gesucht. Außerdem: Leere L.A.-Posen von Garbage und ein mysteriöses Mädchen-Duo aus Norwich.

"Tooth" von Raime

"Tooth" von Raime

Von , Jens Balzer und Arne Willander


Raime - "Tooth"
(Blackest Ever Black/Cargo, seit 10. Juni)

Musiktag im Kerker der lebenslangen Verdammnis! Der Gefangenenchor übt sich im Wehklagen auf dem Kammerton a; dazu bimmelt tief drunten ein buckliger Zwerg auf einer gewaltigen Blechglocke herum: doing; ein Delinquent rüttelt an Käfigstäben und ruft in rhythmischer Art "Au"; von fern fräst sich ein fies fiepender Ton in hoher Geschwindigkeit in des Hörers Hirn; manchmal liegt auch ein leicht silbriges Licht über der Szene. Und man weiß: Wenn es heller wird, muss jedes davon beschimmerte Wesen unzweifelhaft in unendlichen Qualen vergehen.

So oder so ähnlich klingt die Musik, die das britische Duo Raime auf seinem zweiten Album "Tooth" bietet: ein Meisterwerk der untergründig angespannten Unbehaglichkeit, das maximale Effekte mit minimalen Mitteln erzeugt. Manchmal reichen Tom Halstead und Joe Andrews ein paar weit auseinander liegende Schläge, um einen ungemütlichen Sound zu erzeugen; dann werden die Schläge mit Aureolen aus altertümlichen Echokammer-Geräuschen umkränzt; ein komplex klickerndes und knickerndes Schlagzeug versucht eifrig, aber erfolglos, eine stoisch dasselbe Riff repetierende E-Gitarre aus dem Rhythmus zu bringen. Anderes wirkt etwa so, als sei ein Frühwerk von The Cure - sagen wir einmal: "A Forest" - in der Anlaufrille stecken geblieben.

Aber auch älterer Industrial und der minimale Berliner Dub-Techno von Basic Channel können für Raime als Referenzgrößen gelten. Als sie 2010 erstmals auf der Bildfläche erschienen, wirkten sie wie die letzte Kohorte der immer dunkler und skeletthafter wirkenden Dubstep-Musik. Doch weiß man heute, dass ihr Sound einen Aufbruch markierte. Ihre Debüt-EP "Raime" war die erste Veröffentlichung auf dem seither stilprägend gewordenen Blackest Ever Black Label, damals noch in London beheimatet, heute von seinem Gründer Kiran Sande in Berlin-Neukölln betrieben. So schwarz, schwärzer geht es nicht: Der Name war von Anfang an programmatisch; nur dass Sande und seine Künstler über die Jahre hinweg unendlich viele Schwarzschattierungen erfanden. Der finstere Techno von Regis und Vatican Shadow findet sich heute auf Blackest Ever Black ebenso wie der postkoloniale Tribal-Krach von Cut Hands; zuletzt machte Sande sich um die Wiederentdeckung des französischen Improvtrompeters Jac Beroccal verdient.

Raime aber sind immer noch die originellsten Protagonisten des musikalischen Schwarz, darum wurde "Tooth" - der lang hinausgezögerte Nachfolger zu der epochalen 2012er LP "Quarter Turns Over a Living Line" - mit so großem Interesse erwartet. Und die Erwartungen sind mitnichten enttäuscht: so detailverliebt und erfindungsreich, klanglich und rhythmisch originell bringen die acht Stücke auf "Tooth" einen nur scheinbar monolithischen Klang zum Schillern und Flattern und Schwirren. Eine Musik aus Schwarz, in der alle Angst, alle Kälte doch bald der friedlich-meditativen Ruhe angstfreier Einfindung in die Welt weicht. (8.9) Jens Balzer

Jens Balzer ist Popkritiker bei der "Berliner Zeitung" und Kolumnist beim "Rolling Stone" und auf Radio Eins. Im Juli erscheint sein Buch "Pop. Ein Panorama der Gegenwart" (Rowohlt Berlin)

Swans - "The Glowing Man"
(Mute/Goodtogo, ab 17. Juni)

Da ist sie wieder, diese Musik, die man sich als Soundtrack im zermarterten Hirn von Colonel Kurtz vorstellt, während er in seinem Dschungelversteck "Herz der Finsternis" liest. Doch statt "Apocalypse Now" heißt es bei Swans auf ihrem wohl letzten Album in der aktuellen Besetzung nun: "Finally, Peace". Das mit rund sechs Minuten recht kurze Stück allerdings, das einem klassischen Rock- oder Popsong am nächsten kommt und einen seelenvollen Kinder- oder Frauenchor enthält, der zusammen mit Michael Gira das Mantra "The glory is mine" über einen repetitiven Rhythmus singt, diesen Chant ins friedliche Nirwana muss man sich erst einmal erarbeiten.

Zuvor fordert Gira mit seiner Band noch einmal zu einer zweistündigen Meditation auf, einen verschlungenen, durch vor Statik knisternde Wüsten und rauschende Wälder voller Stahlstelen führenden Weg der Kontemplation im Lärm. Geduld brauchte man für die Geräusch-Etüden von Swans schon immer, "The Glowing Man" treibt das Mäandern, das Loslassen von Struktur, Ratio und Pragmatismus noch einmal auf die Spitze. Allein das Titelstück, das ab Minute 15 plötzlich aus wolkigem Wabern ein schroffes Rock-Riff wuchtet, ist fast 29 Minuten lang. Die von Zen-Meister Gira als "Gebete" bezeichneten Anfangsstücke "Cloud Of Forgetting" und "Cloud Of Unknowing" kommen zusammen auf rund 38 Minuten, gefolgt von dem flotten 15-Minüter "The World Looks Red/ The World Looks Black".

Den Text zu "The World Looks Red", eigentlich ein Gedicht, schrieb Michael Gira vor mehr als 30 Jahren und gab ihn an Sonic Youth, die daraus einen zweieinhalb Minuten langen Song für ihr Album "Confusion Is Sex" machten. Nun eignet sich der Autor seine beunruhigenden Zeilen über Leute mit Fischaugen und Ozeane voller Insekten wieder an, zerdehnt sie zum summenden, sausenden, pianoklimpernden Innuendo - und ergänzt sie mit einem lebhaft pulsierenden "Black"-Teil, der mit seinen aus der Ferne herantrötenden Bläserfanfaren an Isaac Hayes' 20-Minuten-Slow-Jam "Do Your Thing" vom "Shaft"-Soundtrack erinnert.

Insofern ist einerseits alles beim Alten - oder so, wie man es seit der Neugestaltung der 1983 gegründeten Band mit "My Father Will Guide Me Up a Rope to the Sky" (2010) gewohnt ist. Andererseits geben sich Swans abseits ihres gewohnten Terrains - Gothic-Folk, Industrial-Noise und Prog-Rock - auch wieder offener für Regelkonformes als auf den jüngsten beiden Alben "The Seer" und "To Be Kind". Der neben "Finally, Peace" zweite Abschiedssong des Albums, "People Like Us" ist eine Abbatoir-Ballade, wie sie auch von Nick Cave oder Mick Harvey stammen könnte; die Drogenopfer-Hommage "Frankie M." (21 Minuten) mutet zumindest im letzten Akt an wie eine mit Süffisanz und Lakonie vorgetragene Velvet-Underground-Reminiszenz. Mit verhallter Stimme zählt Gira bewusstseinsverstörende Substanzen auf: "Heroin, Opium, MDM, Butterfly…". Und die schöne, zunächst leise auf der Akustikgitarre gezupfte Folkweise "When Will I Return" wurde nicht nur als lebensbejahende Aus-der-Krise-ans-Licht-Hymne für sie geschrieben, sie wird auch von Giras Ehefrau Jennifer gesungen - ein ungewohnter, aber willkommener weiblicher Akzent im maskulinen Gedröhn.

Bei den ganz und gar kathartischen, gerne mal dreistündigen Live-Konzerten, die Gira und seine tapferen Gefährten, darunter der Irrsinns-Perkussionist Thor Harris und der stoische Gitarrist/Organist Christoph Hahn, im Verlauf der letzten sechs Jahre bestritten, habe er, der Gottlose, in kurzen Momenten so etwas wie eine höhere Macht spüren können, einen Eindruck von Ewigkeit im steten Dahinwummern des gemeinsam erzeugten, sich endlos auftürmenden und ausweitenden Sounds. Die Intention dieser wahrhaft kolossalen Unternehmung, so schreibt Gira in den Liner Notes, sei "LOVE" gewesen, Liebe in kapitalen Lettern.

Swans werden in neuer Besetzung unter Giras Ägide zurückkehren, heißt es. Bis dahin bleibt das Staunen über ein einzigartiges, genresprengendes, Körperlichkeit und Spiritualität transzendierendes Klangexperiment, bei dem es um nichts Geringeres ging als um die Befreiung und Befriedung der Seele von aller irdischen Pein. Das stehen sie nun, diese leuchtenden Männer, erschöpft, verschwitzt, wahrscheinlich halb taub. Am Ziel. Aber nicht lost, sondern found in sound. (9.2) Andreas Borcholte

Garbage - "Strange Little Birds"
(Stun Volume/Pias Cooperative, seit 10. Juni)

Wenn jetzt in den immer kürzeren Intervallen der Nostalgieverwertung auch jene Jahre umarmt werden, die man "die Neunziger" nennt, dann kommt Garbage ein Platz neben Alanis Morissette zu. Garbage ist ein sogenanntes Projekt des Produzenten Butch Vig, der 1991 "Nevermind" von Nirvana einrichtete, indem er die ungebärdigen Lärmlieder Kurt Cobains druckvoll und aseptisch kanalisierte. Beim ersten Album von Garbage tat er 1995 dasselbe: Elektrische Gitarren plus hymnische Melodien - minus Genie und Passion, aber mit Shirley Manson, einer berückenden, moderat verhaltensgestört wirkenden Sängerin, die wenigstens nach Leidenschaft aussieht. Butch Vig und seine Mitspieler sahen schon damals aus, als würden sie hauptberuflich in einer Werbung für schwarze Anzüge und Herrenstiefeletten für den viril gereiften Mann auftreten.

Auf einem Foto im Innencover von "Strange Little Birds" stehen sie jetzt breitbeinig in einem schrundigen Garten in einem Industriegebiet zwischen grünem Gebüsch und drapierten bunten Blumen, und Shirley Manson sitzt mit zartrosa gefärbten Haaren auf einem roten Vintage-Plüschsessel. Dazu tönt die egalste Konsens-Rock-Musik, die man für Geld in Los Angeles herstellen kann: geheimnisvolles Geraune, atmosphärische Sound-Installationen, stimmungsvolles Zeitlupen-Schlagzeug, erwartungsgemäße Ausbrüche, gehauchter und tremolierender Drama-Gesang, Songs, die "Night Drive Loneliness" und "Blackout" heißen. "I'm so nervous like a cat on a hot tin roof", barmt Manson, früher (aber nicht mehr in den Neunzigern!) hätte man es "verrucht" genannt.

Ähnlich wie bei Lana Del Rey ist es kitschiges American Gothic unter Palmen, von Hall und Stahlklängen in die Nähe existenzieller Bedrohlichkeit gerückt. "I'm getting desperate/ Desperate for a revolution", haucht Shirley Manson, aber dann fragt sie doch wieder nur, weshalb wir die Dinge töten, die wir am meisten lieben, und der Song beginnt gar nicht, es ist bloß Getöse, das sich weiterschleppt.

Vielleicht ist koketter Gratis-Fatalismus das neue Ding in Hollywood. Garbage aber haben es schon in den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts gemacht. (3.2) Arne Willander

Arne Willander ist stellvertretender Chefredakteur der deutschen Ausgabe des US-Magazins "Rolling Stone".

Let's Eat Grandma - "I, Gemini"
(Transgressive/Pias Cooperative, ab 17. Juni)

Etwas "deep sixen", das heißt, etwas so gut verstecken, dass es so gut wie unauffindbar ist. Also Drogen zum Beispiel, vor der Polizei. Oder Tagebücher mit intimen Gedanken und Träumen, die vor neugierigen Eltern-Augen verborgen werden müssen, im Mädchenzimmer, vielleicht in Norwich, einer Stadt mit Mittelaltergemäuern im Osten Englands. "Deep Six Textbook" heißt passenderweise der Song, mit dem das von dort stammende Duo Let's Eat Grandma in der britischen Indie-Szene bekannt wurde, und dieses Lehrbuch des Versteckens eröffnet nun auch, mit elegischen Dudelsack-Synthieklängen und im kindlich vorgetragenen Harmonie-Gesang, das erstaunliche Debüt-Album der beiden erst 17 Jahre alten Freundinnen Rosa Walton und Jenny Hollingworth.

Erstaunlich ist "I, Gemini" nicht nur, weil die beiden noch so jung sind (wie man hört, haben sie die meisten Songs bereits vor zwei Jahren aufgenommen), nein, was verblüfft ist, mit welcher Nonchalance sich Rosa und Jenny über ein schwieriges Gesetz der Pop-Welt hinwegsetzen. Junge, weiße Pop-Sängerinnen müssen nämlich süß und sexy sein und zarte, empfindsame Musik machen, um von den zumeist männlichen Meinungsherrschern ernst genommen, bewundert oder schlicht angeschmachtet zu werden. Wenn sie aber über ihre Sweetness hinaus auch noch klug, sarkastisch oder gar witzig sind, dann wird's meistens schwierig mit der Anerkennung aus dem Männerlager, dann wird gerne paternalistisch die Dilettantismus-Keule geschwungen, jüngst zu beobachten bei den spanischen Draufgänger-Mädels von Hinds.

Walton und Hollingworth spielen gekonnt mit dieser Rezeptions-Problematik. Wie ihre Verwandten im Geiste, die kalifornischen Schwestern von Haim, lassen auch sie ihre langen Haare verlockend im Wind wehen. Im Video zu "Deep Six Textbook" tauchen sie wie Nixen in weißen Gewändern im Meer oder stehen sehnenden Blickes am Nordseestrand, als gäben sie sich ganz romantisch den ozeanischen Gefühlen weiblicher Lust hin. Aber die Atmosphäre ist off, alles wirkt verwunschen, mehr wie eine Horrormär als ein Softcore-Clip. Der male gaze prallt ab.

Und so klingen auch Let's Eat Grandma, kurz LEG: süß und niedlich, aber auch entrückt und doppelbödig - weird. Es geht, im mokanten Rap-Gesang, ums Verzehren von Shiitake-Pilzen, ums Backen von Schokokuchen und um Schimpansen, die unter Baldachinen sitzen. Es geht aber auch um häusliche Gewalt ("Rapunzel") und Albträume, die buchstäblich in einem lauten Schreckensschrei münden ("Sleep Song"). Es ist ein sich ständig selbst ironisierendes Kaleidoskop von Lüsten, Ängsten, Albernheiten, durch das man durchflippt wie durch einen Instagram-Account.

Die experimentelle Musik dazu scheint ebenso unter am Internet geschultem ADHS zu leiden, sie will sich kaum ein paar Takte lang auf einen Stil festlegen: Mal klappert ein Hip-Hop-Beat, mal suggerieren Blockflöten Folkigkeit, mal klimpert unschuldig ein Piano, mal wabert unheilvoll ein schräger Akkordeon-Sound über grellen Synthie-Flächen. Und natürlich darf auch das im Revival befindliche Saxofon nicht fehlen, es wird sogar schon im Titel von "Sax In The City" gefeatured. Verstehen kann (und soll) man diese gekonnte Kokettierie mit Teenie-Codes und Mädchen-Mythen nicht. Aber Spaß macht's trotzdem. Großen. (7.5) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 4 Beiträge
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Fan boy 14.06.2016
1. Heisskalt...
... und ihr neues Album Vom Wissen und Wollen findet keine Erwähnung, schade. Für mich eine der großen Hoffnungen in der deutschen Musikszene.
sekundo 15.06.2016
2. ...ebensowenig
Zitat von Fan boy... und ihr neues Album Vom Wissen und Wollen findet keine Erwähnung, schade. Für mich eine der großen Hoffnungen in der deutschen Musikszene.
wie "PillePalle und die ÖtterPötter" mit ihrem Jahrhundertwerk "Und weisst du nicht weiter, dann komm ich von weit her"!
sekundo 15.06.2016
3. Diese SPON-Rubrik
kann man getrost vernachlässigen. Erstens weil die aktuelle Pop-Musik wenig bis gar nicht von Belang ist und weil sich zweitens die Empfehlungen der Mucken-Kommissare auf derselben Ebene bewegen.
karl-wanninger 15.06.2016
4.
Zitat von Fan boy... und ihr neues Album Vom Wissen und Wollen findet keine Erwähnung, schade. Für mich eine der großen Hoffnungen in der deutschen Musikszene.
In der Tat, danke für den Hinweis: https://www.youtube.com/watch?v=NcMMLmCCNcg
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