Rainald Grebe: Kabarettspektakel in der Waldbühne

Von Christiane Rösinger

Er hatte mit 6000 Zuschauern gerechnet, gekommen waren 14.000: Mit seinem Geburtstagskonzert in der Berliner Waldbühne feierte Kabarettist Rainald Grebe einen großen Erfolg - auch wenn es manchmal etwas weniger hätte sein dürfen.

Rainald Grebe: Spektakel in der Waldbühne Fotos
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Der Kabarettist Rainald Grebe hatte ein Freiluftspektakel versprochen. Sich selbst und seinen Fans wollte er zu seinem 40. Geburtstag am Samstagabend eine Riesenshow in der Berliner Waldbühne bescheren. Und tatsächlich: Trotz des Unwetters am Nachmittag hatte er deutlich mehr Zuschauer motivieren können, in das idyllisch im Wald gelegene Amphitheater zu kommen, als er sich vorgenommen hatte. Mindestens 6000 Zuschauer wollte Grebe anlocken, 22.000 hätten in dem berühmten Rund Platz gefunden. Am Ende hatte er seine Vorgabe deutlich übertroffen, und 14.000 Fans füllten die Ränge der Open-Air-Arena.

Und denen wurde einiges geboten: ein Orchester in absurden Verkleidungen, Bläser, ein DJ, ein Streichquartett, die Bolschewistische Kurkapelle, Hasen-rauchende Schlagzeuger, ein Dromedar auf Rollschuhen, ein weißer Wallach, Diashows, menschengroße Pinguine, Bauchredner mit taubstummen Krokodilen, eine Lasershow und ein Holzfeuerwerk. Grebe hat eine beeindruckende dreistündige One-Man-Show abgezogen, die erstaunlich wenig Längen hatte.

Stadt, Land, Bundesland - so könnte man Grebes Liederkosmos umschreiben. Die Stadt ist Berlin. Sie besteht für ihn hauptsächlich aus den 30-jährigen Pärchen in Mitte und den Eltern vom Prenzlauer Berg, jenem Berliner Stadtteil in dem jeder Galerien hat, Therapien - und sich bei zu viel Stress eine Chai-Latte - macht.

"Zerstört das Ding!"

In den Landliedern sind die grünen Städter bereits ins Umland gezogen und gehören jetzt der "I am what I am - Dorfbohème" an. Eine Szene, in der Senf selber gemacht wird, in der man Dinkelbier braut und Wiesenbovisten paniert, dort, wo sich die Stadtmüden niederlassen und sich beschweren, dass die Freunde nie zu Besuch kommen und die Dorfdeppen gar keinen Sinn für die Natur haben.

Rainald Grebe hat ihn jetzt schon, den Soundtrack für die kommende grün-konservative Mehrheit, für die "mit der Bibel und dem Manufactum-Katalog" auf dem Nachttisch, die er in "Prenzlauer Berg" besingt. Richtig bekannt geworden ist Grebe aber durch seine Länderhymnen, in denen er die "schwierigen Bundesländer", den Osten Deutschlands, als trostlosen Ort des Niedergangs besingt.

Am Samstagabend wollte er mythische Augenblicke wie die Waldbühnenzertrümmerung von 1965 nachstellen. Der eigens aus Bremen angereiste frühe Stones-Fan Dieter berichtete dazu vom ersten Deutschland-Konzert der Rolling Stones und redete sich in überschäumende Begeisterung hinein. Grebes Versuch, das Publikum dabei zum Ausrasten zu bringen, scheiterte allerdings. Es blieb beim braven Trampeln auf den Bänken, auch wenn sich der Zeitzeuge aus den Rollstuhl aufrichtetet und das Publikum energisch aufpeitschen wollte: "Ihr habt alle keinen Drive! Zerstört das Ding!"

Am besten mal dem Kopfschmuck vergessen

Grebe gilt vielen als Gegenentwurf zu Mario Barth, der unbegreiflicherweise das Olympiastadion in Berlin zweimal hintereinander füllte. Wer angesichts dieses Erfolgs an der Menschheit beziehungsweise den deutschen Comedy-Fans zweifelte, den kann der Erfolg Rainalds Grebes trösten und versöhnen. Ihm selbst scheint der Erfolg suspekt, in dem Song "Ich bin oben" spielt er die Rolle des zynischen Gewinnertypen, in "Massenkompatibel" inszeniert er sich in einer dämonisch-pathetischen Allmachtsphantasie.

Schon jetzt blickt Grebe auf eine bewegte Karriere zurück. An der Schauspielschule Ernst Busch hat er das Puppenspiel gelernt, dann als Schauspieler und Dramaturg gearbeitet und durch etliche Auftritte in Fernsehshows und auf Kleinkunstbühnen das Handwerk des Kabarettisten gelernt. Und doch ist er in jenen Momenten am Besten, in denen er Gelerntes vergisst, Pointen und Songzeilen auch mal ins Leere laufen lässt. Manchmal wünscht man sich, er würde die absurden Kopfbedeckungen ablegen, die rollenden Augen und gedehnten Silben am Satzende vergessen und seine Lieder einfach als schlaue und lustige Popsongs vortragen.

Verbrüderung auf den Rängen

In der Waldbühne beschloss er den Abend mit seinen Songs über die schwierigen Bundesländer. Lieder in denen Mecklenburg Vorpommern ("Dafür stehen wir, Ayuveda und Hartz IV") genauso besungen werden wie Sachsen Anhalt und Thüringen. Zum großen Brandenburg-Finale holte er gleich mehrere Berliner Chöre auf die Bühne. Da hielt es dann auch das Publikum nicht mehr auf den Sitzen, die gemeinsam mit ihrem Entertainer die Hymne von den drei Nazis auf dem Hügel sangen, die keinen finden zum Verprügeln.

Zum Refrain "Halleluja Berlin" rollten mit großem Tschingderassa riesige Berlin-Fahnen über die Bühne, und all die Berliner, die Brandenburger und auch die Angereisten aus den anderen schwierigen und unschwierigen Bundesländern sangen zum Finale ein ganz ironisch-unironisches "Berlin Halleluja Berlin!".

Und so hatte es Rainald Grebe geschafft, am Ende des Weges von der Puppenbühne zur Waldbühne sich selbst und seinem Publikum ein großartiges Spektakel zu schenken. Wenn es schon einen massenkompatiblen Spaßmacher geben muss, dann soll ruhig er es sein.

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1. Legasthenie mocht' ich nie...
schwarzsauer 19.06.2011
"Wiesenbovisten paniert" "aus den Rollstuhl aufrichtetet" "Am besten mal dem Kopfschmuck vergessen" "der Erfolg Rainalds Grebes" "Ayuveda" "Sachsen Anhalt" Das ist nur ein kleiner Auszug. Für meinen Geschmack einen Tick zu viel Laissez-faire. Ist hier schliesslich keine Schülerzeitung.
2. Doch, schon.
Dieter Rantel 19.06.2011
"Schuelerzeitung" trifft es ganz gut. Nicht nur das sprachliche Niveau, sondern auch die reisserische Aufmachung faellt mir in letzter Zeit bei SPON immer staerker auf. Es dauert nich mehr lang und die Saetze werden mit "Ey Alter,..." angefangen. Ganz im Sinne des Artikels: Spiegel Online entwickelt sich zum Mario Barth der Nachrichtenseiten!
3. kirche im dorf
realpirate 19.06.2011
Als Veranstaltungskritik doch gar nicht schlecht, die sprachliche kritik meiner vor-poster kann ich nicht nachvollziehen. Grebe werde ich jetzt mal youtuben , das interesse ist auf alle faelle geweckt.
4. ???
macfan 19.06.2011
Zitat von schwarzsauer"Wiesenbovisten paniert"
Was soll daran falsch sein? Gruß, Horst
5. Einmal Pilz mit Pils, bitte!
schwarzsauer 19.06.2011
Zitat von macfanWas soll daran falsch sein?
Soweit ich weiß, regiert 'panieren' nicht den Dativ. Und laut Flexionsparadigma ist 'Bovisten' der Dativ-Plural von 'Bovist'. Es wirkt vielleicht kleinkariert, aber beim Lesen stört es mich einfach, wenn der Text so fehlervermint ist und widerspricht auch meiner Erwartungshaltung als SPON-Leser. Ich kam mir vor, als ob ich eine Deutscharbeit meines präpubertierenden Sohnes lese. Das hat mich genervt. Es ist lieblos und irgendwie beleidigend, so einen Wisch vorgesetzt zu bekommen. Sehe auch gerade, dass das Thema im Forum 'Rainald Grebe: Kabarettspektakel in der Wandbühne' lautet. Ja, die Wandbühne, immer einen Besuch wert, genauso wie die Wühlheide und der Fernwehturm.
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Zur Autorin
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Christiane Rösinger, Jahrgang 1961, wurde bekannt als Mitglied der Band Lassie Singers (1988 bis 1998), gründete 1998 das Label Flittchen Records und ist Kopf der Gruppe Britta. 2010 erschien Rösingers Soloalbum "Songs Of L. and Hate". Zusätzlich schreibt sie für verschiedene Medien und hat den Roman "Das schöne Leben" (2008) veröffentlicht.

Zur Person
Rainald Grebe ist Kabarettist und Liedermacher. Er wurde am 14. April 1971 geboren und wuchs nahe Köln in einer bildungsbürgerlich geprägten Familie auf. Grebe studierte an der Berliner Schauspielhochschule "Ernst Busch" und machte sich in der Kleinkunstszene als Puppenspieler einen Namen. Bekannt wurde er mit Auftritten im Hamburger Quatsch Comedy Club und dem Hit "Brandenburg". Nach einer ausgedehnten Tournee mit seinem "Orchester der Versöhnung" spielt Grebe am 18. Juni ein großes Open-Air-Konzert auf der Berliner Waldbühne.