Rap-Duo Icke & Er "Geiz is keene Tugend"

Icke & Er können sich noch nicht einmal richtige Namen leisten. Vielleicht kommen sie ja mit ihrem Hartz-IV-Hit "Richtig geil" zu Geld. Icke sprach mit SPIEGEL ONLINE über HipHop, Geiz und Wilmersdorfer Witwen.


SPIEGEL ONLINE: Sage ich jetzt Herr Icke und Herr Er?

Icke: Ick bin Icke, er is Er.

SPIEGEL ONLINE: Sorgt das nicht für sprachliche Verwirrung? Der Satz "Das hat er gesagt" könnte sich in bestimmten Kontexten ja auch auf Icke beziehen.

Icke: Dit kriegste schon hin.

SPIEGEL ONLINE: Wie zu lesen war, mögen Sie an sich selber "die Nase und den Bart". Ist die Nase eigentlich echt?

Icke: Auf jeden Fall. Dit is meine Nase. Die hab ick schon immer.

SPIEGEL ONLINE: Immer der Nase nach, sagt ein Sprichwort. Wo würden Sie ankommen, wenn Sie ihr folgen würden?

Icke: Da wo ick jetzt bin. Die Sache mit Icke & Er, dit ham wer alles der Nase nach jemacht. Nach unserem Motto "Machet einfach". Er kam dann mit Myspace und meinte, Myspace is dit neue Ding. Jetzt ham wer nen Plattenvertrag.

SPIEGEL ONLINE: Ihre erste Schallplatte war laut Presseauskunft "The Final Countdown" von Europe. Schamgefühl gehört nicht gerade zu Ihren Stärken.

Icke: Ick war jung und fand die Frisuren super.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Idol ist der Entertainer Harald Juhnke. Der Harald Juhnke des HipHop ist aber schon Sido. Was nun?

Icke: Sido kann der Harald Juhnke sein, dann bin icke eben der Günter Pfitzmann des Rap. Harald Juhnke, Günter Pfitzmann, Sido, dit sind große Berliner.

SPIEGEL ONLINE: Dem Berliner Senat zufolge ist Spandau sozial "stark benachteiligt". Wollen Sie Spandau helfen oder wie anständige Rapper einfach nur selber reich werden und mit Models ausgehen?

Icke: Mit die Models, dit kommt noch. Spandau helfen, dit läuft schon. Überall, wo was über Icke & Er steht, steht auch was über Spandau. Wir sehen uns als juten Teil der Jemeinschaft.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Song ist alles "richtig geil". Ist auch Geiz geil?

Icke: Haste keene Kohle, biste geizig. Ick kann mir jetzt leisten, ein freundliches Gesicht zu machen. Aber Geiz generell, dit is keene Primärtugend.

SPIEGEL ONLINE: In "Richtig geil" kommt das Wort Stütze vor. Stütze ist aber eine Slang-Vokabel für Sozialhilfe, die es nicht mehr gibt. Was soll diese sprachliche Schlamperei?

Icke: Haste jut aufgepasst (zu Er): Ha ick der gleich jesacht, der hat studiert. Aber dit musste von die raptechnische Seite her betrachten: Stütze rappt sich besser als ALG II.

SPIEGEL ONLINE: "Richtig geil" ist - und ich zitiere jetzt einen Zusammenschluss gut unterbelichteter Soziologenverbände - "eine Unterschichtenhymne, die Nihilismus mit Affirmation verbindet". Was sagt man dazu?

Icke: Die meinen: Dit is ein juter Track. Den findet jeder jut.

SPIEGEL ONLINE: Kann den auch die Wilmersdorfer Witwe hören?


Icke: Auf jeden. Die ham alles überlebt: Zusammenbruch, Blockade, Hausbesetzer, Sozialdemokratie. Da überleben die auch noch Icke & Er.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Song gibt perfekt die Haltung Wowereits wieder: Kriegt Berlin Geld vom Bund, ist das richtig geil. Kriegen wir keins, auch egal. Hat der Regierende Bürgermeister Sie schon eingeladen?

Icke: Nee, ick wunder mir auch.

SPIEGEL ONLINE: 17 Prozent der Berliner leben von Hartz IV, das heißt ungefähr jeder Fünfte kann sich Ihre Platte nicht leisten. Haben Sie a) damit gerechnet und b) ist die CD nicht überhaupt ein Mittelschichtsprodukt für Leute die lesen und Abi machen und an die Zukunft glauben?

Icke: Du kannst den Song immer noch umsonst kriegen, im Netz. Und wir stelln immer wieder wat druff. Dit ham wer mit unsrer Plattenfirma so abgekaspert.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Erfolg fing ja auch im Netz an: Wieviele Stunden verbringen Sie am Tag vor dem Computer? Spielen Sie Gewaltspiele oder bevorzugen Sie harte Pornografie?

Icke: Spiele ham uns nie interessiert. Und Pornografie, na ja, aber jetzt nich so pathologisch.

SPIEGEL ONLINE: Stellen Sie sich vor: Bushido rappt in einem Song "Icke, wie ich dich kicke!". Was würden Sie antworten?

Icke: Ick würde sagen, Bushido, Alter, wat is los, findste mer geil?

Das Interview führte Daniel Haas



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