Rap für Katrina-Opfer Luxusprediger mit Sozialmission

Musikalisches Krisenmanagement: Der erfolgreiche Gangster-Rapper Juvenile sorgt sich auf seinem neuen Album nicht nur um Strip-Tänzerinnen und Zahndiamanten, sondern kämpft auch für die "Katrina"-Opfer in seiner Heimatstadt New Orleans – mit politisch unkorrekten Rundumschlägen.

Von Jonathan Fischer


Lehmverkrustete Hausruinen, umgestürzte Autos, Bretterverhau: Auch acht Monate nach Hurrikan "Katrina" bleibt das 9th Ward in New Orleans eine von Sondermüll und unbeschreiblichem Leid kontaminierte Wunde. Es stinkt nach Moder und Verwesung. Ab und zu fahren hier ein paar Busse mit Katastrophen-Touristen durch. Ansonsten herrscht Stille in dem einstigen schwarzen Wohnviertel. Friedhofsruhe. Politiker meiden diesen Ort. Und die Nachrichten bringen sowieso längst neue Schreckensbilder aus aller Welt.

Rapper Juvenile: "Immer noch G-d wie kein anderer"
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Rapper Juvenile: "Immer noch G-d wie kein anderer"

Dennoch oder gerade deswegen wollte HipHop-Star Juvenile das menschenleere Ghetto seiner Heimatstadt als Bühne für das Video seiner Hitsingle "Get Ya Hustle On" benutzen. Auf dem Boden liegen Masken: Sie tragen Aufschriften wie "Help Is On The Way" und zeigen die Gesichter von George Bush, Dick Cheney oder Bürgermeister Ray Nagin. Diejenigen, die der Rapper aus New Orleans für das Debakel verantwortlich macht. "Just them niggas behind their desks that ain't hearin us/We starvin'! We livin' like Haiti without no government/Niggaz killin’ niggaz and them bitches is lovin' it" (Die Typen hinter ihren Schreibtischen hören uns nicht/während wir verhungern und gesetzlos wie in Haiti leben/wir bringen uns gegenseitig um, und die da oben lieben es).

Zeilen, die man so kaum von einem Gangsta-Rapper wie Juvenile erwartet hätte. Schließlich beeindruckte der Mann in der Vergangenheit weniger durch politisches Engagement als durch all die Attribute, die Southern Rap wie einen Auswuchs vulgärster Party-Phantasien erscheinen lassen: synthetische Bounce-Beats, Stripper-Geschichten und goldverzierte Autogrills und Zahnspangen.

Zutaten, die selbstverständlich auch auf Juveniles neuem Album "Reality Check" nicht fehlen dürfen. Das Cover zeigt den Mann im Gangster-Look, mit diamantbesetztem Kopftuch und Ohrschmuck. Doch selbst bei dem hartgesottenen Luxus-Prediger hat "Katrina" seine Spuren hinterlassen. Mehr noch als sein zerstörtes Haus am Ufer des Lake Pontchartrain, sagt Juvenile, schmerze ihn das Flüchtlingsleben seiner bis nach Kanada verstreuten Familienangehörigen und Freunde. "Es wird bestimmt 10 bis 15 Jahre dauern, bis wir uns vom Verlust unseres alten Lebens erholt haben."

Testament der Underdog-Psyche

Im Booklet zeigt eine grün eingefärbte Doppel-Seite die Ansicht des Superdomes vor der Skyline von New Orleans. "Dieses Album" heißt es da, "ist (dem verstorbenem Rapper-Kollegen, d. Red.) Soulja Slim und allen Opfern des Hurrikans Katrina gewidmet." In der Logik der heimischen Gangsta-Rapper haben die Ereignisse um "Katrina" nur die eigene düster-tragische Weltsicht bestätigt: dass schwarze Ghetto-Bewohner sich auf niemanden und schon gar nicht auf Politiker und Polizei verlassen können. Dass nur die eigene Gang zählt, und Waffen, Crack und Prostitution lediglich Mittel darstellen, um das eigene Überleben zu sichern. Tatsächlich zerreißen die Widersprüche zwischen Gang-Philosophie und Protestbotschaft Juveniles neues Album – und machen es zugleich so brisant: als Dokument einer mit undurchschaubaren politischen Mächten ringenden Underdog-Psyche.

Juvenile selbst wäre gewiss der letzte, der sich das Etikett "politisch korrekt" umhängen würde: "Save your money up and find out who got'em for 10 a ki" ruft er den Katrina-Opfern in "Get Ya Hustle On" zu, "bubble... hustle.../cause you gon' be a cellmate or wind up as a memory..." Eine Aufforderung mit billigem Koks zu handeln, um die Hurrikan-bedingten Verluste wettzumachen. Sonst bleibe nur das Gefängnis oder das Vergessenwerden.

Will der Rapper seine Mitbürger wirklich zur Kriminalität anstiften? Nein, weicht er im Interview aus, er berichte nur über die Zustände auf der Straße, gebe die Moral derjenigen wieder, denen Gesetz und Recht egal sei, weil das System sich einen feuchten Dreck um ihre Bedürfnisse schere. Im Übrigen, fügt Juvenile hinzu, sei seine Heimatstadt bereits vor "Katrina" von einem Hurrikan anderer Art verwüstet worden: "Wir führen in allen Negativ-Statistiken, egal ob es um Schulen, Drogen, korrupte Politiker oder Polizisten geht. Ein einziges Desaster!" Sein Rap-Mentor Soulja Slim etwa sei bei einer Schießerei gestorben. "Ein Mord ist hier eine alltägliche Sache. Vor allem wenn du wie ich aus den Projects kommst, wo niemand von seinen regulären Jobs leben kann."

Eigentlich war "Reality Check" bereits fertiggestellt, als "Katrina" nicht nur Juveniles Heimatstadt, sondern auch sein Album-Konzept über den Haufen fegte: "Mir blieb keine Wahl. Wenn ich den Albumtitel ernst nehmen wollte, musste ich noch mal ins Studio." Hatten sich seine Songs vorher auf die Feier eines mehr oder minder unkritischen Ghetto-Hedonismus beschränkt, ergriff nun eine namenlose und ohnmächtige Wut von dem Rapper Besitz: Auf Bürgermeister Ray Nagin ("your mayor ain't your friend, he's the enemy"), auf das weiße Establishment ("just them crackers behind them desks") und die Fernsehsender, die mit all ihren Hubschraubern keinen einzigen Menschen retteten ("Fuck Fox News! Couldn’t get a nigga off the roof…").

Und auch wenn der Rest des Albums kaum mit der Subversivität von "Get Ya Hustle On" mithalten kann, schwingt in Juveniles kehligen, im typischen New-Orleans-Drawl sich dahinschleppenden Raps immer auch die Erfahrung eines tiefen, unbewältigten Schmerzes mit. Und die Ahnung, dass es auf keinen Fall besser wird. Nein, Optimismus gehört definitiv nicht zu "Juves" Repertoire.

Tagesgespräch mit 25.000-Dollar-Gebiss

Dabei gilt der Rapper seit über einem Jahrzehnt als Hoffnungsträger der lokalen Ghetto-Jugendlichen. Einer, der es wider alle Vorzeichen geschafft hat. Zeitweise bei seiner Großmutter in den Magnolia Projects, einer der ärmsten Viertel New Orleans', aufgewachsen, gehörten Armut, Drogenhandel und Gewaltverbrechen zu den prägenden frühkindlichen Erfahrungen von Terius Gray.

Mit 15 Jahren machte er das erste Mal als Rapper von sich reden: "Bounce for the Juvenile" hieß sein 1989 veröffentlichter Debüt-Track, mit seinen party-tauglichen Beats ein Vorläufer des populären Crunk-Stils. "Ich gehörte zu den Kids, die nie die Gelegenheit hatten, New Orleans zu verlassen, bis ich in die Musik einstieg", erinnert sich Juvenile. Er gründete die Uptown Projects Crew, kurz UTP, und verkaufte viele Millionen Alben. Ein Erfolg, der ihm für sein neues Album einen Deal beim legendären Atlantic Label in New York einbrachte.

Doch "Reality Check" hin oder her: Ein Song wie die bluesige, auf einem R.Kelly-Song basierende Strip-Club-Hymne "Rodeo" klingt letztendlich sehr viel Juvenile-typischer als das anklagende "Get Ya Hustle On". In der Tradition der Brassbands seiner Heimatstadt hat der Rapper offensichtlich beschlossen, den Schmerz in der Party zu ertränken: Titel wie "Why Not", "Rock Like That" oder "Loose Booty" sprechen dafür.

Es ist kein Zufall, dass der "Bling Bling"-Exhibitionismus – die HipHop-übliche Zurschaustellung von Diamanten und Gold - seinen Ursprung in New Orleans hat. Wo Armut und Depression so überwältigend sind, wächst das Bedürfnis nach Rausch und Glamour als Phantasie eines anderen Lebens. "In New Orleans gibt es nicht zu viele Menschen, die sich Diamanten und schöne Autos leisten können", erklärt sich Juvenile die "Bling Bling"-Obsession, "wenn ich hier mit meinem 25.000 Dollar teuren Gebiss auftrete, kann ich mir noch sicher sein, Tagesgespräch zu sein."

Bezeichnenderweise muss sich Juvenile in den einschlägigen Southern Rap-Foren weniger für seine Zahn-Diamanten, als für seine politischen Ausflüge rechtfertigen: Ob er nicht fürchte, sein Gangster-Image zu beschädigen? Juvenile sieht den Widerspruch nicht: "Ich bin immer noch G-d wie kein anderer", prahlt er. G-d, das steht für Gangster-fiziert. "Mit Politik habe ich nichts am Hut. Aber ich kämpfe für meine Leute... Damit die Politiker merken, dass wir uns nicht verschaukeln lassen."

Dann wiederholt Juvenile die populäre Verschwörungstheorie, dass der Damm am Lake Pontchartrain durch eine bewusste Sprengung zerstört wurde – um die weißen Viertel auf Kosten der schwarzen Ghettos zu schonen. Und er erzählt von der jüngsten Bürgermeisterwahl, bei der den überwiegend afroamerikanischen Flüchtlingen nicht erlaubt war, per Satellit mitzustimmen. Er klagt über Mexikaner, die in seine Stadt kämen, um die ehemaligen Jobs der Schwarzen zu übernehmen, und erklärt, dass viele Projects-Bewohner nicht in ihre Wohnungen zurückkehren können, weil die Stadtverwaltung Strom- und Wasser gesperrt hätten.

Es klingt wie eine detaillierte Erläuterung des Kanye-West-Satzes: "President Bush doesn't care about black people." "Ich werde alles zur Genesung meiner Heimatstadt tun", verspricht Juvenile. Da wundert es doch, wie sehr dem Rapper ein persönlicher Reality Check abgeht: Werden seine "Booty"- und "Crack"-Hymnen eine zerstörte Community aufrichten? Und klingt "nigga, get your money up" wirklich wie die Einladung zum Wiederaufbau eines zerstörten Heiligtums?



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