Rap-Legende Kurtis Blow "HipHop ist Liebe"

Zurück in die Achtziger: Rap-Pionier Kurtis Blow ("The Breaks") tourt mit Old-School-Sessions wieder durch Europa. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der 46-Jährige über die Wurzeln des HipHop und erklärt, wie er Bob Dylan zum Rappen brachte.


SPIEGEL ONLINE: Sie haben HipHop vor 25 Jahren nach Europa gebracht, dann hörte man lange Zeit nichts von Kurtis Blow. Warum geben Sie heute wieder Konzerte?

Kurtis Blow: Damals kam ich als 19-Jähriger von Harlem nach Europa und war der erste Rapper, der einen Vertrag mit einem großen Label unterschrieben hatte. Alle wollten mich sehen, ich war überall unterwegs, es war eine unglaubliche Zeit. Heute bin ich nur hier, weil der Rummel damals eben so groß war. Dass sich die Leute immer noch für Old-School-HipHop interessieren, fühlt sich fast noch intensiver an als damals. Ein Segen.

SPIEGEL ONLINE: Was hat sich für Sie seitdem geändert?

Blow: Was ich den Leuten zu sagen habe, ist immer noch dasselbe: HipHop ist Liebe, der Ausdruck des innersten Gefühls für alle, die dabei sind. Das kriegen viele Menschen durcheinander, denn heute wird HipHop von Dunkelheit und Materialismus kontrolliert. Das ist die Wildnis, durch die man schreiten muss. Die Menschen sind naiv, wenn sie nicht erkennen, dass dahinter mehr steckt: Die Liebe zu sich selbst, zu anderen Menschen, zu Gott, zur Natur.

SPIEGEL ONLINE: Gilt das auch für heutige Superstars wie 50 Cent oder Eminem?

Blow: Im Grunde trägt jeder diese Liebe in sich. Wenn man es erst mal so weit nach oben geschafft hat, hat man Feinde, und es wird schlecht geredet. Ich bewundere 50 Cent für seine Stetigkeit und Hartnäckigkeit. Eminem habe ich einmal auf einem seiner Konzerte getroffen. Er war sehr bescheiden und offen, ein netter Typ. Snoop Dogg ist auch so einer, er ist mir sympathisch. Ich mag diese Typen, auch wenn ich privat lieber Funk und Old-School-HipHop höre.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Sohn Kurtis Blow Junior unterstützt Sie als MC auf Ihrer Tour. Soll er die HipHop-Karriere des Vaters fortführen?

Blow: Wenn man sieht, was in der Branche so abgeht, möchte man das niemandem wünschen. Das macht es mir schwer, eine HipHop-Karriere von Kurtis junior zu unterstützen. Er ist ein intelligenter Bursche, der genauso gut Arzt oder Anwalt werden könnte. Aber wenn er sich mit 21 Jahren für die Musik entscheidet, muss ich das akzeptieren und unterstützen.

SPIEGEL ONLINE: HipHop wurde anfangs von der Musikindustrie unterschätzt. Wie schafften Sie den Durchbruch?

Blow: Ich war mit meinem Kumpel und Promoter Russell "Rush" Simmons auf dieser Party des Sugar-Hill-Labels, es war das erste große Konzert, nachdem sie im Oktober 1979 "Rapper's Delight" rausgebracht hatten. Wir überredeten den DJ, das Dubplate von meiner ersten Platte "Christmas Rappin" zu spielen. Manche behaupten, wir hätten ihm dafür 500 Dollar geboten. Aber mal im Ernst: So viel Geld hätte ich als armer Schüler doch garantiert in Turnschuhe und Klamotten investiert. Ich ging also auf die Bühne, rappte zuerst ein paar Lines von Grandmaster Flash und dann zum ersten Mal meinen eigenen Song. Die Menge tobte. Das war mein Durchbruch.

SPIEGEL ONLINE: Wie war die Stimmung in New York, als plötzlich überall HipHop gespielt wurde?

Blow: Ich war glücklich, als ich "Rapper's Delight" zum ersten Mal hörte, denn ich wusste, dass damit das Potential von HipHop endlich auf eine Platte gepresst worden war. Auf jeder Radiostation lief Musik vom Sugar-Hill-Label! Gleichzeitig tat es mir Leid für die Leute aus der Bronx wie Grandmaster Flash oder Melle Mel. Sie waren aufgebracht, dass es die Pinkel aus New Jersey zu einem Plattendeal gebracht hatten und nicht sie, die wirklichen Pioniere dieser neuen Kultur.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Single "The Breaks" wurde anschließend zu einer der einflussreichsten Platten der HipHop-Geschichte. Warum?

Blow: Ich wollte eine Platte für die B-Boys machen, damit sie besser abtanzen konnten. Wir engagierten die besten Musiker, die wir finden konnten, und mixten das mit meinem Markenzeichen, der Interaktion mit Publikum. Das traf genau den Nerv der Zeit und wurde 1980 zur zweiten HipHop-Single nach "Rapper's Delight", die den Sprung in die R'n'B-Top-Five schaffte und gleichzeitig die erste, die Gold-Status erreichte. Nach dieser Platte hieß "B-Boying" plötzlich "Breakdancing".

SPIEGEL ONLINE: Stießen Sie damit nicht auch mal auf Ablehnung?

Blow: Klar, das kam vor. An meinem 21. Geburtstag etwa trat ich in Washington auf einer riesigen Party vor 20.000 Gästen als Headliner auf, ich war zu der Zeit mit "The Breaks" die Nummer Eins in den Charts. Doch alle meine großen Hits fielen bei den Leuten durch, sie standen einfach nur da und blickten mich komisch an. Ich rief wie immer "Clap your hands everybody!" - doch die Leute verließen den Saal. Das war ich nicht gewohnt. Also nahm ich für die Washingtoner Gogo-Szene den Song "Party Time" mit vielen Percussion-Instrumenten auf. Das funktionierte.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es etwas, das ihnen heute peinlich ist?

Blow: Definitiv der Song "If I Ruled The World", der 1996 noch mal von Nas und Lauryn Hill gecovert wurde. Ich gebe ihn nur noch auf Konzerten, wo das von mir erwartet wird. Ich stand 1984 ziemlich unter Druck, denn mit "Ego Trip" nahm ich die erste Platte auf, die ich selbst produzierte, ich wollte endlich auf eigenen Füßen stehen. Die Single wurde zwar ein großer Erfolg. Wenn ich heute aber darüber nachdenke, dass ich die Welt beherrschen wollte, wird mir ganz schlecht. Nur der Teufel will die Welt beherrschen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kam es, dass Sie ausgerechnet mit Bob Dylan ein Duett rappten?

Blow: Ich machte gerade Aufnahmen in einem riesigen New Yorker Studio, das 250 Dollar in der Stunde kostete. Plötzlich steckte Bob Dylan seinen Kopf durch die Tür und sagte: 'Hey Kleiner, deine Sängerinnen hören sich gut an - kann ich sie mir kurz ausleihen?' Ich war 22 Jahre alt und völlig von den Socken. Bob Dylan! Ich sagte also 'Okay. Aber wenn ich sie für dich singen lasse, schuldest du mir einen Gefallen'. Er willigte ein. Zwei Jahre später rief ich ihn an, er lud mich in sein Haus in Malibu ein und wir nahmen "Street Rock" zusammen auf. An Bob Dylan ist ein Rapper verloren gegangen - ich gab ihm den Text und er knallte das im ersten Take sofort raus. Unglaublich.

SPIEGEL ONLINE: Nehmen Sie heute noch Platten auf?

Blow: Nein. Ich mache aber Radiosendungen bei Sirius Satellite Radio, in denen ich Old-School-HipHop spiele. Außerdem veranstalte ich regelmäßig HipHop-Gottesdienste in einer Kirche in Harlem und bringe Jugendlichen in musikalischen Predigten bei, was in der Bibel steht, in einer Sprache, die sie verstehen - in der Sprache des HipHop. Gott hat mir die Kraft gegeben, mich von einem Sünder zu einem Christen zu wandeln, wie Saulus zum Paulus. Diese Erfahrung will ich weitergeben.

Das Interview führte Carola Padtberg



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