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Rap-Star Asher Roth: Ein Weißbrot kriegt's gebacken

Von Jonathan Fischer

Der Mittelstand muckt auf: Asher Roth revolutioniert das von Ghetto-Mythen und Gewalt dominierte HipHop-Genre mit spaßigen Texten über Yoga und Studentenpartys - und könnte Eminem als weiße Rap-Ikone ablösen.

Sie haben die gleiche Hautfarbe, rappen mit ähnlich nasalem Timbre. Doch hier enden auch schon die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden weißen HipHop-Stars. Vielleicht würde Eminem genau so texten wie Asher Roth, hätte er nur eine glückliche Kindheit in einer Vorortvilla mit Gartenpool verbracht - als Grundschulpädagogik studierender Sohn einer Yogalehrerin und eines Design-Unternehmers.



Denn der phänomenale Erfolg des Asher Roth in den vergangenen Monaten wurzelt gerade in seinem ganz und gar ungefährlichen Humor. Dies belegt etwa seine gefeierte Single "I Love College" - eine Satire auf die typische Fraternity-Fete, mit Studenten in Tiermasken, mit Joints, Bierflaschen und halbnackten Mädchen.

Offensichtlich konnten sich viele junge Amerikaner darin wiederfinden: Der Song verkaufte sich bisher über eine Million Mal, kletterte bis auf Nummer zwölf der "Billboard"-Charts und wurde auf der MySpace-Seite des Rappers 35 Millionen Mal abgerufen. HipHop-Größen wie Jay-Z, Busta Rhymes und Andre 3000 lobten die Reimkünste des Newcomers. Roths Konterfei zierte gar das Cover der HipHop-Bibel "XXL".

Den Erfolg gebacken kriegen

Ja, es muss etwas verdammt Faszinierendes dran sein an dem irre grinsenden, linkisch Mädchen anmachenden, aber ansonsten völlig harmlosen Weißbrot, wie milchgesichtige Durchschnittsamerikaner gerne von der schwarzen Community genannt werden. "Asleep In The Bread Aisle" - schlafend im Brotregal: So nennt sich denn auch Roths Debüt-Album. Und lässt mit entsprechendem Cover keinen Zweifel daran, dass die dazugehörige Bäckerei in einem amerikanischen Vorort mit weiß gestrichenen Gartenzäunen steht.

Einen gewissen Mut kann man Roth nicht absprechen: Wer hat schon mal ein ganzes Rap-Album mit Themen wie Joghurt, College-Moden, Che Guevara, Umweltschutz und dem - ach so geordneten - Leben der liberalen weißen Mittelklasse gefüllt? Zumal der Kleinbürger-Rapper ungeniert zu seiner Herkunft steht: "Ich bin mit einem ganz und gar gesunden Lebensstil aufgewachsen", hat Roth einem Reporter erklärt. "Doch als HipHop-Fan habe ich noch nie jemand darüber rappen gehört."


Tatsächlich vermag der Vorstadtjunge etwa aus einer Lappalie wie einer Marihuana-Zigarette mittels origineller Reime und Metaphern einen Song zu schmieden, der eher witzig als lächerlich wirkt. Der 23-Jährige verfügt über genügend Selbstdistanz, um sich selbst zu karikieren und entwickelt einen bisweilen an Woody Allen erinnernden Humor.

So rappte Roth in einer Fernsehshow minutenlang über die Vorzüge gesunder Ernährung, bekennt sich zu regelmäßigen Yoga-Übungen und vergleicht sich in einem Song gar mit seinem erfolgreichen Unternehmer-Dad: "My dream is his dream/his dream is my dream". Kann man sich noch deutlicher von Eminem unterscheiden?

Witz statt Wumme

Wenn der Detroiter Skandalrapper mit verbaler Leichenzerstückelung provoziert, setzt sich Roth in genau umgekehrter Richtung über Tabus hinweg. Er bricht mit den ungeschriebenen Gesetzen des Rap als "Battle Music", als Kampfmusik. Den Aufstieg aus prekären Verhältnissen, die Selbstbehauptung gegen die Autoritäten und das aggressiven Einfordern von Respekt: Nichts davon scheint das weiße Popwunder zu interessieren.

Natürlich hat es schon vor Asher Roth Rapper aus der Mittelklasse gegeben: De La Soul etwa, die Beastie Boys oder Kanye West. Aber noch nie ist jemand derart offensiv mit dem vermeintlichen Makel umgegangen.

Während Eminem etwa in dem semi-autobiografischen Film "8 Mile" einen schwarzen Konkurrenten aussticht, indem er ihn als Bürgersöhnchen entlarvt, schämt sich Asher Roth nicht für seine Privilegien: Tatsächlich kommt er aus Morrisville, einer Kleinstadt mit einer der niedrigsten Kriminalitätsraten von Pennsylvania. Allein dieser Hintergrund hätte ihm vor 15 Jahren - als Eminem den schwarzen Rap als Minderheitenmusik umarmte - jede Menge Steine in den Weg gelegt.

Aufstieg aus der Mittelklasse

Roth aber gehört zu einer Generation von Vorort-Jugendlichen, die mit HipHop als Grundnahrungsmittel aufgewachsen ist. Und der die ethnischen und politischen Aspekte des Genres viel weniger bedeutet als der Spaß, den man aus der begleitenden Mode ziehen kann.

So verdankt sich die Rap-Karriere des Grundschullehrers Roth ein wenig dem Zufall: Als Teenager schlurfte er zwar zum Missvergnügen seines Vaters stundenlang rappend durch das elterliche Haus, aber gab es nicht Tausende weiße Kids, die das auch praktizierten? Letztlich hat ihn wohl gerade seine akzentuierte Mittelklasse-Ästhetik aus der Masse herausgehoben; sein ruhiger, unaggressiver Erzählstil; der Slapstick-Charakter seiner Vorstadt-Vignetten.

Scooter Braun, ein Partypromoter aus Atlanta, hatte Roth via dessen MySpace-Seite kontaktiert: "Ich war mir sicher, in ihm die Formel für den nächsten großen weißen Rapper gefunden zu haben: Behütet und bekennend bürgerlich." Er vermittelte Roth an Steve Rifkind, dessen Plattenfirma Loud in den frühen neunziger Jahren den Wu-Tang Clan oder Mobb Deep groß gemacht hatte.

Im letzten Sommer kam dann ein erstes Mixtape auf den Markt: "The Greenhouse Effect". Roth glänzt darauf mit gedrechselten Sätzen über alle Obsessionen weißer wohlhabender Kids, die Eishockey spielen, die Schule schwänzen und Videogames spielen.

Umgekehrter Outsider-Status

Für das Album wurde auch das musikalische Design dem Inhalt angeglichen. Oren Yoel, ein 25-jähriger Jazzpianist ohne besondere HipHop-Verdienste, übernahm die Produktion: atmosphärische Keyboard-Riffs, zurückgelehnte Beats. Understatement.

Gerade diese Easy-Listening-Beigaben haben Asher Roth geholfen, auch ein weißes Publikum jenseits der HipHop-Klientel zu erschließen. "What do I know? I'm just a white kid", kokettiert er etwa in "Roth Boys" mit seinem umgekehrten Outsider-Status. Und fährt dazu mit festgezurrtem Sicherheitshelm auf seinem Fahrrad.

Ob Roths Nerd-Nabelschau wirklich genug hergibt, um eine ganze Karriere darauf zu gründen? Zumindest kann ihm niemand das Verdienst nehmen, HipHop aus der Phantasiewelt imaginärer Drogen-Ghettos abgeholt und sauber vor der väterlichen Doppelgarage geparkt zu haben. Wie rappt er in seinem Stück "The Lounge": "Muss denn jeder, der Rap macht, unbedingt verhaftet werden?"


Asher Roth: "Asleep In The Bread Aisle" (Universal)

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