Von Tobias Rapp
Eminem zu treffen, hat etwas von einer Audienz bei einem König. Nicht nur, weil er in einem Schloss untergebracht ist, dem Luxushotel Schloss Bensberg in der Nähe von Köln. Es stellt sich ja auch die Frage: Wie redet man ihn an? Guten Tag, Herr Mathers? Ist mir eine Ehre, Eminem? Wie geht's, Slim Shady?
Auch gilt es einige Hindernisse zu überwinden, bis man vorgelassen wird. Das fängt Tage vorher an, mit endlosen Verhandlungen über die Modalitäten des Gesprächs. Wie lange? Worüber darf gesprochen werden? Worüber nicht?
Es gibt Themen, erfährt man, die man besser nicht streift: seine Mutter, seine Ex-Frau, seine Tochter, Politik, sein toter Freund Proof, was er im Allgemeinen über HipHop denkt, was er im Speziellen über den Rapper Asher Roth denkt (ein neuer Künstler, der seine erste Platte veröffentlicht und oft mit Eminem verglichen wird). Und es gibt ein Thema, über das man reden darf: sein neues Album.
Der Hindernis-Parcours setzt sich fort, wenn man erst mal im Schloss ist: Dort hat sich nämlich Eminems beeindruckende Entourage in dem Saal vor den Interviewräumen aufgebaut; ein halbes Dutzend schwarzer Hünen in Trainingsanzügen, die Pommes essen, die sie sich aus dem Hotelrestaurant haben bringen lassen. Und die Auszubildenden des Hotels, die das Essen servieren, und sich gegenseitig anrappen, wenn gerade keiner guckt.
So sieht sie aus, die bizarre Welt des globalen Superstars. Alle kennen dich - und deswegen musst du dich vor allen verstecken. Und damit du dich überhaupt noch mit jemandem unterhalten kannst, musst du deine Freunde überall hin mitnehmen.
Eminem lebt in dieser Welt, und er kann von ihr erzählen wie kein anderer Rapper. Von ihren Abgründen, von den Phantasien, zu denen sie einlädt, von der Einsamkeit vor dem Fernseher, vom Hass und Selbsthass, die das Celebrity-Dasein bestimmen. Vier Alben haben ihn zu einem der größten Stars der Nullerjahre werden lassen. Und das ist er immer noch, auch wenn das letzte Album schon 2004 erschienen ist, "Encore", Zugabe.
Eigentlich fiel damit der Vorhang.
Nun also "Relapse", der Rückfall. Das neue Album. Was hat ein Rapper noch Neues zu erzählen, dessen ganzes Schaffen ein riesengroßes, dialogisch strukturiertes autobiografisches Happening ist? Von dem man alles zu wissen glaubt?
Wo er in den vergangenen fünf Jahren war, zum Beispiel. Auf Drogen nämlich. Zu Hause, in der Klinik, im Studio - also fast überall. Das ist die Geschichte dieser Platte. Und Eminem erzählt diese Geschichte in fünfzehn Stücken gewohnt brillant.
Die gute Erzählung ist das Betriebsgeheimnis von Eminem. Die "Slim Shady LP" machte 1999 den Anfang, eine brillant-düstere Platte, für die Eminem sein Alter Ego Slim Shady aus dem Hut zauberte: einen schlecht gelaunten Springteufel, der den hemmungslosen Drogenkonsum predigt, seine Mutter beschimpft und seine Frau zum Teufel wünscht. Der Trick: Wann immer man Eminem auf irgendetwas festlegen wollte, wich er aus. Ich war's nicht, Slim Shady ist's gewesen!
Diese Kunst perfektionierte er mit der "Marshall Mathers LP". Nicht nur mit dem umwerfenden Stück "The real Slim Shady", mit dem er sich über das Bedürfnis lustig macht, ein echtes Gegenüber haben zu wollen. Dadurch, dass er seinen bürgerlichen Namen in den Titel hob, zog er die Authentizitätsschraube gleichzeitig an.
Endzeit-Visionen eines Pillenjunkies
Damit war das Feld umrissen, aus dem Eminem dann aus zwei Platten noch einmal riesigen Bühnen gestaltete: Sowohl "The Eminem Show" wie "Encore" waren Dialogplattformen, auf denen er mit den Reaktionen spielte, die er selbst ausgelöst hatte. Und wenn mal zwischendurch Ruhe war, wurde einfach ein neuer Prominenter beleidigt - und das Spiel ging von vorne los.
So was geht natürlich nie lange gut: Wer die Welt zur Bühne hat, bricht irgendwann zusammen. So war das auch bei Eminem. Er brach seine Welttour 2005 ab und verschwand. Dass sein bester Freund Proof 2006 erschossen wurde, stürzte ihn in eine tiefe Depression.
Ernste Frage: Wie will man als Eminem neue Freunde finden? Über Facebook etwa?
Denn Eminem ist ja nun einmal ein König. Und so sitzt er auch vor einem. Alle Probleme sind weggewischt, man hat seine Minuten, man kann reden. Er ist schmal, hat die geistige Klarheit und intellektuelle Geschwindigkeit des frisch aus der Drogenabhängigkeit entkommenen Ex-Junkies.
Dazu passt seine manische Arbeitswut, im Spätherbst soll "Relapse 2" erscheinen, sagt er. Trotz all der geballten Vernunft, mit der er spricht - einmal blitzt trotzdem der Slim-Shady-Charakter auf, als von draußen Polizeisirenen in den Raum geweht werden. Eminem springt auf, ruft: "Ficken, ficken" (auf deutsch). Und setzt sich dann wieder, um das Gespräch ganz normal weiterzuführen. Denn Eminem ist nun einmal auch sein eigener Hofnarr.
Ob es ihm mit "Relapse" noch einmal gelingen wird das große Eminem-Theater aufzuführen? Ausgerechnet die neuen Kommunikationsmöglichkeiten dürften das größte Problem sein, das dem Funktionieren von "Relapse" im Wege steht. Wenn man es für ein paar Stunden zu weltweiter YouTube-Berühmtheit bringt, weil man originell gestolpert ist, stößt das Konzept Prominenz an seine Grenzen. Und damit auch das Konzept Promi-Hass. So zuckt man denn auch ein wenig mit den Achseln, wenn Eminem sich für sein neues Album Jessica Simpson, Sarah Palin oder Mariah Carey nebst Ehemann Nick Cannon vorknöpft.
Die düsteren Momente des Albums hingegen sind brillant wie eh und je. "3 a.m.", ein gespenstisches Stück über die Endzeit-Visionen eines Pillenjunkies, der ein paar Tabletten zu viel geschluckt hat, ist ein Song, dem man Ärger wünscht: Darüber, ob man den dazugehörigen blutigen Videoclip wirklich im Fernsehen zeigen kann. Das wäre eines dieser Dialogfenster, die man Eminem wünscht - und die er braucht.
Dass die ganze Platte von Dr. Dre produziert ist und sich auch genauso anhört, gereicht ihr nicht zum Nachteil. Der technoide Funk, den diese Beats haben, hat in den vergangenen fünf Jahren nichts an Macht und Faszination verloren.
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