Rap-Thema Crack Surfen auf der Drogenwelle

Schluss mit den weichen R&B-Chören der neunziger Jahre. Ausgerechnet Crack, die aggressivste der harten Drogen, hat in den schwarzen Ghettos Amerikas auf einmal nostalgisches Potential: Immer mehr HipHopper feiern den Drogendealer als romantische Figur.

Von Jonathan Fischer


Gute Nachrichten aus den schwarzen Inner Citys Amerikas: Die Kriminalität sinkt. Dank aggressiven Polizeieinsatzes und der Verlagerung des Drogenhandels weg von der Straße ist die Crackwelle abgeebbt. Die Mordrate hat sich innerhalb eines Jahrzehnts sogar halbiert. Vielleicht ist es ein Euphemismus, von "Befriedung" zu sprechen. Doch zumindest haben die Ghettos heute kaum noch etwas mit den blutrünstigen Kriegsspielplätzen zu tun, die HipHop-Filme wie "New Jack City" Anfang der neunziger Jahre präsentierten. Eher dämmern sie heute wie Besatzungszonen dahin, wo Haftentlassene, Welfare-Mothers und vaterlose Kinder sich weitgehend selbst überlassen bleiben. Ein Ort der Armut und Depression.

Nur der Gangster-HipHop suggeriert etwas anderes: Hört man die neuen Alben von Obie Trice, Chamillionaire, The Game oder M.O.P, rauscht man mitten hinein in eine fantastische Abenteuerwelt, wo die Crack-Küchen dampfen, sich Dealer mit Sporttaschen voller Geld mit halbnackten Girls amüsieren und Drive-By-Shootings zum Freizeitvergnügen gehören.

Keepin’ it real: Eine Lieblingsfloskel jedes Gangsta Rappers. Doch wie realistisch ist das Genre wirklich? Wenn N.W.A. mit ihrem Album "Straight Outta Compton" 1989 den Rap revolutionierten, indem sie die mörderische Aggressivität der Ghetto-Gangs eins zu eins in Musik umsetzten, dann hatten viele ihrer Nachfolger das Problem, hart mit noch härter kontern zu wollen.

Doch der Wind begann sich zu drehen. Die weichen Töne, die Ende der Neunziger mit R&B-Chören, Tanzanimationen und Frauengesängen über HipHop-Beats eine neue Ära der Mäßigung einläuteten, waren Gift für die Gewalt-Sagas des HipHop. Wie authentisch machten sich da noch die akustischen Uzi-Salven im Intro? Wer glaubte noch an drogenschwangere Zombies und Polizei-Shoot-Outs? Die meisten Ghettobewohner mochten angesichts ruhigerer Zeiten aufatmen - den Krimis der Gangster-Rapper aber gruben sie das Wasser ab.

Schneller Reichtum, tödliche Gefahr

Auf welchem HipHop-Album aber hörte man von der Armut, den miserablen Schulen und der Rassendiskriminierung, die ein Großteil der schwarzen Bevölkerung nach wie vor tagtäglich erlebt? Sozialkritik war im Rap schon immer die Domäne einer politisch bewussten Minderheit, weil sich letztlich nicht die positivsten, sondern die krassesten Geschichten verkaufen. Wen wundert es da, wenn viele Rapper den Blick rückwärts richten und nur allzu gerne die Zeiten beschwören, als schneller Reichtum und tödliche Gefahr noch Hand in Hand gingen?

Ausgerechnet Crack, die aggressivste und zugleich billigste der harten Drogen, hat auf einmal nostalgisches Potential. Mit ein bisschen Witz und jeder Menge Dichtung lässt sich der Dealer und sein gesetzloser Kampf um die Krone der Straße auch heute noch als Heldengeschichte inszenieren.


Wie der Zuhälter genießt auch der Drogendealer in der schwarzen Folklore spätestens seit den Blaxploitation-Filmen der siebziger Jahre zumindest heimliche Bewunderung. Als romantische Figur wird der "dope man" in zahlreichen HipHop-Tracks gefeiert. Nicht zufällig, so glaubt der afroamerikanische Kulturkritiker Robin D.G. Kelley, tauchen Zuhälter und Dealer immer dann als Identifikationsfiguren auf, wenn das schwarze männliche Amerika in der Krise steckt.

Im Ghetto bietet er oft das einzig sichtbare Vorbild für materiellen Erfolg und Selbstbestimmung - die Fähigkeit, seine Umgebung zu kontrollieren, gilt immer noch als Beispiel schwarzer männlicher Autorität. Erst recht wenn man ihn der realen gesellschaftlichen Ohnmacht junger schwarzer Männer entgegenstellt: Sie gehören zur am schlechtesten verdienenden, am meisten diskriminierten und am häufigsten im Gefängnis anzutreffenden Bevölkerungsschicht Amerikas.

Ökonomie des Crack

Es ist erst gut zehn Jahre her, da gab es das Kokain des armen Mannes an jeder Ghettostraßenecke zu erstehen: Zu zwei Dollar das Glasröhrchen. Mit der Billigdroge bekamen viele Ghettobewohner die Möglichkeit, ihre Probleme zumindest zeitweilig zu benebeln. 1983 warnte der erste Rapsong vor Crack und den Folgen: "White Lines" von Grandmaster Flash & The Furious Five. Zwei Jahre später beschrieb Toddy Tee in "Batterram" einen Mini-Panzer, mit dem die Polizei versuchte, Crack-Häuser niederzureißen.

In der Folge kommentierte und feierte die HipHop-Kultur den Drogenkonsum derart hymnisch, dass Kritiker sie für die Eskalation der Crackwelle mitverantwortlich machten. Doch wer die Drogen-Raps verstehen will, muss die Ökonomie des Crack begreifen: Zu Herstellung, Verpackung und Verkauf wurden Scharen von Teenagern angestellt und damit in den Ghettos jede Menge neue, wenn auch illegale Arbeitsplätze geschaffen. Allein in New York sollen 1992 rund 150.000 Menschen in der Crack-Industrie gearbeitet haben. Das Wohlergehen ganzer Bevölkerungsschichten hing also direkt oder indirekt an den Einkünften der Dealer.

Der Preis für die Untergrund-Ökonomie war hoch – nicht nur in Form von Polizeirepression und überfüllten Gefängnissen: "In der Folge des moralischen Verfalls", schreibt etwa der afroamerikanische Journalist Greg Tate, "ersetzte der Materialismus die Spiritualität als Maßstab für den Wert des Lebens (...) Der Markt für Crack generierte Millionen und weckte einen gewaltigen Appetit auf Güter – aber nicht Güte".

Rapper wie Tupac Shakur, Ice-T oder KRS-One gaben sich einerseits als Chronisten eines gewalttätigen Lebensstils, versuchten aber andererseits noch die Reste der "Black Power"-Ethik für sich zu reklamieren und Politik anstelle von Drogenkonsum zu setzen. Der Ghetto-Nihilismus von Südstaaten-Rappern wie den Geto Boys oder Master P fegte schließlich auch das hinweg: Sie feierten das Crack-Business als schwarze Selbstermächtigung - schließlich kam durch die Drogen das Geld, mit dem dann die Platte über das Drogendealen finanziert wurde. So geschehen bei N.W.A. und Ice-T oder bei dem heute gefeierten DefJam-Boss Jay-Z.

Immer härtere Kicks

Auch wenn sie längst von Kriminellen zu respektierten Geschäftsleuten aufgestiegen sind – auf Platte versilbern sie nach wie vor ihre Ghettojugend. Kriegsberichterstattung mit den Zutaten Pimps, Dealer, Huren und Knarren verkauft sich eben immer gut. Besonders in den biederen weißen Vororten, wo das Gros jugendlicher Gangsta-Rap-Konsumenten nach immer härteren Kicks verlangt.

Wohl auch deshalb greift Ice Cube auf seinem neuesten Album "Laugh Now Cry Later" auf den alten Crack-Mythos zurück: "They give us guns and drugs/ then wonder why in the fuck we thugs". Sie geben uns Drogen und Gewehre – kein Wunder, dass wir Gangster sind. Doch hat das noch etwas mit Ice Cubes wirklichem Leben zu tun? Wer nimmt es einem gestandenen Unternehmer, Hollywood-Schauspieler und Familienvater ab, über Drogenkriege, Drive-Bys, und Gangsterehre zu dozieren? Ein verschenktes Vorbild mehr.

Andererseits kann "Crack Nostalgia" durchaus dichterisch beflügeln. Ghostface Killah etwa siedelt die Geschichten seines neuen Albums "Fishscale" in einem fiktiven Crack-Milieu an, in dem sich surreale Straßenkrimis, Traumsequenzen und Pulp Fiction mischen. In "Kilo" etwa lässt uns Ghostface – mit dem von einer weiblichen Soulstimme gesungenen Refrain "1000 grams are a kilo" - beim Herstellen, Verpacken und Verticken des Pulvers zuschauen. Doch das Drogengeschäft hat hier keinen Glamour: Statt Ruhm produziert es Familienstreit und Schussverletzungen.

In dieser Ambivalenz wachsen Ghostface Killahs Geschichten weit über die plumpe Selbstdarstellung der meisten Gangster-Poseure hinaus. Auch was die Drogen betrifft: "Ich habe seit zwei Jahren keinen Joint mehr geraucht" - wahrscheinlich das Geheimnis hinter dem genialen Crack-Opus. Schließlich kennt Ghostface die Realität und ihre Kosten nur allzu gut: Sein Wu-Tang-Clan-Kollege Ol’Dirty Bastard war erst 2004 an einer Überdosis Kokain gestorben.



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