Rap-Wunderkind Lil Wayne Marsianer vom Mississippi

Alles nur Hype? Von wegen! Lil Wayne löst mit "The Carter III" Heilsversprechen ein: Der als Erlöser des HipHop verklärte Rapper aus New Orleans liefert ein Album voll wahnhafter Wortstrudel ab, das in den USA spektakuläre Verkaufserfolge erzielt.

Von Jonathan Fischer


Der meistzitierte Rapper unserer Zeit kommt nicht aus dem klassischen Mekka New York oder der Gangsta-Rap-Metropole Los Angeles. Nein, Lil Wayne ist an der Mündung des Mississippi aufgewachsen. Nun darf er nicht mehr nur von sich behaupten, die größte Hoffnung seiner Heimatstadt New Orleans zu sein, gleich die gesamte HipHop-Welt soll er retten: Sein neues Album "The Carter III" gehörte zu den sehnlichst erwarteten Neuerscheinungen einer nach Originalität dürstenden Rap-Gemeinde. Wie groß diese Sehnsucht war, zeigen die aktuellen Zahlen: Bereits in der ersten Woche nach Erscheinen verkauften sich von dem Album in den USA mehr als eine Million Exemplare. Diese Marke hatte zuletzt 50 Cent genommen; allerdings im Jahr 2005, zu einem Zeitpunkt also, als der CD-Verkauf noch nicht so schlecht lief wie heute.

Ausnahmsweise sind sich also alle einig: Nicht nur haben die Experten von MTV den manischen Erzähler mit den "Fear" und "God"-Tattoos auf seinen beiden Augenlidern zum heißesten MC der Gegenwart gekürt - vor Jay-Z, T.I. oder The Game. Auch der sonst ganz und gar egomanische Kanye West hat Lil Wayne zum König des Rap ausgerufen, während New-Orleans-Kollege Baby seinen Schützling gar für die "Reinkarnation von Tupac" hält.

Alles nur Hype? Oder steckt etwa mehr hinter dem Mythos vom Rap-Wunderkind? Tatsächlich sind Parallelen zwischen Lil Wayne, dem lebenden HipHop-Erlöser und Tupac, dem verstorbenen Heiligen, offensichtlich: Beide hatten als sensible und kunstsinnige Kinder unter ihrer Umwelt zu leiden, wuchsen vaterlos auf, mit Müttern, die ihnen keinen Halt geben konnten. Und beide suchten im Rap, in den surrealen Geschichten der Straßenpoesie, die Erlösung von der eigenen schmerzhaft surrealen Lebenssituation. Und noch etwas hat Lil Wayne mit Tupac gemein: Seine Verse sind geballte Emotion, jede Phrase jagt einem Selbstbild nach, das sich dauernd im Widerstreit mit sich selbst befindet. Das macht den 25-jährigen MC aus New Orleans zum psychischen Zentrum des Identitäts-Theaters HipHop: "We are not the same - I'm a Martian" rappt er. Und sieht sich nicht nur als Außerirdischen, als Marsianer, sondern auch als Schlachtfeld, auf dem sich Gott und Teufel bekriegen.

Anders als Tupac aber kommt er nicht aus einem Black-Panther-Umfeld, ist seine Sozialisation vor allem durch die Armut von Uptown New Orleans geprägt - und dem Ethos des Ghettos, sich selbst zu helfen, wenn es an moralischen Vorbildern fehlt. Tatsächlich wäre ein Typ wie Lil' Wayne ohne seine Kunst wohl schon längst im Knast oder der Klapsmühle gelandet: Davon zeugt schon seine bizarre, emotional verzerrte Sprache: "See the devil in my features... see the Cita in my features," rapt er in "World Of Fantasy" an die Adresse seiner Mutter Jacida "Cita" Carter: "I'm her voice and the world is my speaker."

Der als Dwayne Michael Carter Jr. geborene Rapper ist praktisch von seiner Großmutter großgezogen worden. Seine eigene Mutter dagegen fühlte sich von der außerordentlichen Phantasiewelt und Intelligenz ihres Sohnes überfordert. Bekannten gegenüber stellte sie Lil Wayne stets als Sonderling vor: Ein verrücktes Kind mit jeder Menge Flausen im Kopf. Obwohl der kleine Carter zu den besten Schülern gehörte, nahm sie ihn in der 10. Klasse aus der Schule. "Das" sagt Lil Wayne heute, "besiegelte meine Einsamkeit. Ich wuchs alleine mit einem Fernseher in meinem Zimmer auf."

Das Gefühl, ein Alien in einer fremden Galaxie zu sein, hat ihn seitdem nicht verlassen. Mit elf Jahren hatte ihn sein Stiefvater ins Drogengeschäft eingeführt. Kurze Zeit später überlebte Lil Wayne eine Schusswunde in die Brust. Mit 15 wurde er Vater. Als Baby, der Chef von Cash Money Records, den Rapper unter seine Fittiche nahm, konnte der Junge bessere Geschichten erzählen als die meisten Erwachsenen. Er tourte mit Cash-Money-Künstlern und schloss sich Ende der neunziger Jahre der Rap-Truppe The Hot Boys an.

Manische bis missmutige Eruptionen

Doch die eigentliche Feuertaufe bestand Lil Wayne 2004 mit seinem vierten Album "Tha Carter". Seit Notorious B.I.G. und Tupac hatte kaum ein Rapper ähnliches Charisma entwickelt, dem Absurden überzeugender seine Stimme geliehen. 2006 konsolidierte "Tha Carter II" den Erfolg und machte ihn endgültig zum Hoffnungsträger des Genres. Inzwischen läuft Lil Waynes unverwechselbares, heiseres Krächzen auf allen Rap-Kanälen: Jede Woche scheint er ein neues Mixtape zu veröffentlichen oder noch ein Gastspiel zu geben. Nur das neue eigene Album wurde immer wieder geschoben.

Möglicherweise hat der Erwartungsdruck mit dazu geführt, dass "The Carter III" nicht ganz das Versprechen einlöst, das Mixtapes wie "Da Drought 3" gegeben haben. Und trotzdem dürfte das Opus locker auf den Bestenlisten dieses Jahres landen: Nicht nur weil Top-Produzenten wie Kanye West einige ihrer besseren Beats beigesteuert haben, sondern vor allem weil Lil Wayne die Hörer in einen hypnotischen Wortstrudel hineinzieht. Scheinbare Zusammenhanglosigkeiten in den manischen bis missmutigen Eruptionen des New Orleanians nehmen ganz neue Bedeutungen an.

So glänzen Lil Waynes Songs in ihren besten Momenten durch labyrinthische Stream-of-Consciousness-Raps, in denen er Angeberei mit Selbstironie paart. In "Help" liefert er über einem Beatles-Loop gar so etwas wie ein Bekenntnis zur eigenen Abgründigkeit: "So sick, need a doc yes/ a creature, monster, like the Loch Ness..." . Angsteinflößend. Das ist das häufigste Adjektiv, das Lil Wayne angehängt wird.

Möglicherweise aber erforscht der tätowierte Rapper mit den traurigen Augen auch nur seine eigene Verfassung. Schließlich hat Lil Wayne inzwischen seinen Schulabschluss nachgeholt und eine Zweitberufung neben dem HipHop gefunden: An der Universität von Phoenix, Arizona, studiert er zurzeit Psychologie.



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