Rapper Brother Ali Heilung vom weißen Straßenprediger

Gangsta-Klischees, Sexismus, platte Reime: HipHop scheint künstlerisch am Ende. Doch wer Brother Ali hört, schöpft wieder Hoffnung: Ausgerechnet ein weißer, fast blinder Musiker aus Wisconsin gibt der Rap-Musik den Soul zurück.

Von Jonathan Fischer


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Brother Ali: Heilung. Ehrlich!
Typen wie Brother Ali hat kein Talent-Scout auf dem Zettel. Weil sie nicht real im Sinne der etablierten Ghetto-Ästhetik sind. Wie lässt sich schon ein korpulenter, fast blinder, weißer Albino aus dem mittleren Westen vermarkten - ganz ohne das Aussehen oder die Coolness, die junge HipHop-Stars heute scheinbar zwingend benötigen? Welches HipHop-Lifestyle-Magazin würde so einen schon aufs Cover hieven?

Also musste Brother Ali seine Karriere selbst in die Hand nehmen. Eines Tages, im Jahre 1998, spazierte der Rapper uneingeladen in die wöchentliche HipHop-Sendung von Radio K in Minneapolis. Er brachte ein Demo-Tape mit. Und hatte danach ein Dutzend neue Rapperfreunde und den Host der Show als seinen DJ gewonnen.

Zwölf Jahre später gilt Brother Ali nicht nur als das Rap-Wunder des mittleren Westens. Dem 25-Jährigen gehört auch eine der originellsten Stimmen des gesamten HipHop. Seine Predigten sind unbequem und seine Außenseiter-Wahrheiten eine Erinnerung an das verlorene Potential des Genres.

Wir-Gefühl statt Ego-Posen

Kaum verwunderlich also, wenn ausgerechnet Polit-Rap-Veteran Chuck D von Public Enemy Brother Alis neues Album "Us" eröffnet. Zu schrillen Bläserfanfaren und sattem Funk schlägt er das schwarze Geschichtsbuch auf: Und da spielt Brother Ali - trotz oder gerade wegen seines Pigmentmangels - heute eine wesentliche Rolle.

Wer hatte das Bekenntnis zum Miteinander schon einmal so persönlich formuliert? "I started rhyming just to be somebody/ Found out I already was/ Cause can't nobody be free unless we're all free/ There's no me and no you/ It's just us." Niemand kann frei sein, wenn wir nicht alle frei sind: Das kannte man bisher aus alten Soulsongs von Curtis Mayfield oder dem Gospel eines Solomon Burke.

Brother Ali hat deren Musik als Inspiration genommen, um mit E-Gitarren, Blues-Chören, Brassbands und schweren Bässen eines der überzeugendsten Alben der vergangenen Jahre einzuspielen - musikalisch wie lyrisch. Seine Fans haben dem Rapper den Titel "Street Preacher", Straßenprediger, verliehen. Und Brother Ali wird ihm mehr als gerecht.

Schließlich ist der HipHop-Zirkus längst übersättigt von Gangstern und plappernden Party-Animatoren. Darin liegt schließlich die Krise des Genres: dass fast nur noch konsumfreundliche Images vermarktet werden. Dies hat zu einer ästhetisch-politischen Beliebigkeit geführt, in der Rapper kaum noch eigene Inhalte formulieren - ein paar kalkulierte Knalleffekte tun es doch auch.

In diese selbstverliebte Szenerie platzte Brother Alis Debüt "Shadows On The Sun" vor sieben Jahren wie ein Raumschiff hinein. Der Mann traute sich, politisch zu werden. Und er gab Selbsterkenntnisse zum Besten, die andere Rapper nicht einmal ihrem Tagebuch anvertraut hätten.

In einer Zeit, in der kritische Kommentare zu Schwulenfeindlichkeit, Rassismus und Islam nicht gerade als verkaufsfördernd gelten, blieb Ali ganz bei seiner eigenen Lebenswirklichkeit. In seinen Texten trennt er nicht zwischen Privatleben und Gesellschaftskritik. Etwa in "Rainwater", das vom Krebstod seiner Mutter und dem Selbstmord seines Großvaters handelt. Weitere Songthemen: seine zeitweilige Obdachlosigkeit, der Stolz auf eine neue Ikea-Einrichtung und der Kampf um das Sorgerecht für seinen Sohn Faheem.

Pigment- und andere Störungen

Brother Alis radikale Sinnsuche erklärt sich aus seiner Geschichte: Der bürgerlich Jason Newman getaufte Rapper wurde 1985 in Madison, Wisconsin, geboren und zog während seiner Schulzeit fast jedes Jahr mit seinen Eltern in eine neue Stadt. Dort wiederholte sich immer wieder dasselbe Drama: Der Neue wurde auf dem Pausenhof als "fetter Albino" gehänselt, wobei die weißen Mitschüler besonders bösartig gewesen sein sollen. Jason suchte deshalb die Gesellschaft von Schwarzen. Studierte die Reimkunst des HipHop. Und forderte bald die besten Rapper der jeweiligen Schule zum Duell. Er gewann jedes Mal.

Später änderte er seinen Namen in Brother Ali, schloss sich den Black Muslims an und übernahm dort die Führung einer Jugendgruppe. Schließlich fühlte sich der Albino hier erstmals von Grund auf akzeptiert.

Seine Religiosität unterfüttert auch sein Album "Us" - als Glaube an ein gottgewolltes Mitgefühl. Wenn Chuck D HipHop einst als CNN des Ghettos propagierte, schreibt Ali den Auftrag nochmals um. Auf seinen letzten Alben hatte er noch wütende Anklagen gegen den Irak-Krieg und die Macht der Konzerne formuliert. Nun aber reicht es ihm nicht mehr, mit dem Finger auf die Missstände zu zeigen, vielmehr möchte er für all die Namenlosen, Andersartigen und Ausgegrenzten sprechen - und die gemeinschaftsstiftende Kraft des HipHop wiederbeleben.

"I don't know" rapt er auf "The Preacher", "but I got this feeling/ These people need some healing". Manchmal klingt die Wahrheit eben doch besser als jede noch so coole Realness.



insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
Haio Forler 06.03.2010
1. .
Zitat von sysopGangsta-Klischees, Sexismus, platte Reime: HipHop scheint künstlerisch am Ende. Doch wer Brother Ali hört, schöpft wieder Hoffnung: Ausgerechnet ein weißer, fast blinder Musiker aus Wisconsin gibt der Rap-Musik den Soul zurück. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,679426,00.html
Eine Studie - jüngst in den USA - ergab. daß Rapper uinterdurchschnittlich intelligent sind, um bis zu 30%.
marvinw 06.03.2010
2. Müll
---Zitat--- Gangsta-Klischees, Sexismus, platte Reime: HipHop scheint künstlerisch am Ende. ---Zitatende--- Und ist auch hoffentlich am Ende. Den Müll den man als Kultur bezeichnet, haben wir genug.
adirose 06.03.2010
3. Helden des Forums
Hier gibt es ja bisher grandiose Kommentare von hoher sprachlicher Virtuosität. Es ist toll, immer wieder leuchtende Beispiele der deutschen Hochkultur zu finden im Forum zu finden, vor allem mit Hinblick auf Grammatik, Satzbau und Rechtschreibung. Respekt! Und bitte einmal den Link zu dieser Studie posten, ich finde solche Aussagen ohne jeglichen Beleg immer ein bisschen schwierig nachzuvollziehen. Finde ich die auf bild.de oder auf pi-news.net oder ähnlichen Seiten?
saiid 06.03.2010
4. HipHop ist nicht am Ende
Seit gefühlten 10 Jahren hört man immer wieder, dass HipHop am Ende sein soll. Bei Nas hieß es ja dann auch "HipHop is dead" (den Kommentar von Huss&Hodn, dass HipHop für Nas wohl schon tot war als er angefangen hat Tracks mit Jennifer Lopez zu machen, greife ich jetzt mal nicht wieder auf). Fakt ist, dass HipHop immer noch eine sehr kreative Kultur hat, sich ständig verändert und doch seit Jahrzehnten auf den gleichen Grundsäulen steht. HipHop ist nicht nur Bushido, Gangster-Glorifizierung oder Pornorap - sondern ein sehr differenziertes und individuelles Musikgenre. Und dafür mal etwasüber einen anderen Aspekt von HipHop zu lesen, bin ich dem Autor mal wieder sehr dankbar.
Ben86 06.03.2010
5. HipHop ist also am Ende? Soso...
Zitat von sysopGangsta-Klischees, Sexismus, platte Reime: HipHop scheint künstlerisch am Ende. Doch wer Brother Ali hört, schöpft wieder Hoffnung: Ausgerechnet ein weißer, fast blinder Musiker aus Wisconsin gibt der Rap-Musik den Soul zurück. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,679426,00.html
Sowas kann nur jemand sagen dessen musikalischer Horizont nicht über Sido, Bushido und Massiv hinausgeht. Es gibt in allen Ländern, egal ob in den USA oder in D, sehr guten Rap. Und vor allem grade die Medien tragen dazu bei, dass nicht dieser Rap sondern nur mit "Gangsta-Klischees, Sexismus, platte Reime(n)" gefüllte Rap von der Masse wahrgenommen wird. Brother Ali ist ohne Zweifel ein guter Rapper. Jedoch dienen diese Aussagen wohl eher als Demonstration für das "musikalische Wissen" des Autors. Das geht anders besser!
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