Skandal um Bushidos Proll-Video Stress mit Grund

Provokation geglückt: Nachdem der Rapper Bushido Politiker beschimpft und ihnen den Tod gewünscht hat, reagieren Klaus Wowereit und andere mit juristischen Schritten. YouTube löscht das Video, und der Rapper lacht sich ins Fäustchen.

DPA

Von Torsten Landsberg


In der Kindererziehung kann systematisches Nichtbeachten von unerwünschtem Verhalten recht erfolgreich sein. Diese Maßnahme wäre aktuell auch bei Rapper Bushido naheliegend, doch in der Welt der Erwachsenen ist Ignorieren keine Option. Weil das so ist, darf sich der Musiker über große öffentliche Anteilnahme freuen - auch wenn diese mit Ärger vor Gericht einhergehen dürfte.

Im Stück "Stress ohne Grund" seines Kollegen Shindy wünscht Bushido nun also dem FDP-Politiker Serkan Tören und der Grünen-Chefin Claudia Roth den Tod; die Homosexualität von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit nutzt er für einen recht witzlosen Reim - und bestimmt mit dieser Grenzüberschreitung seither die Schlagzeilen. Am Samstag berichteten die "Tagesthemen" über das Lied, es war der zweite Beitrag der Sendung.

Wowereit hat eine Strafanzeige angekündigt und erwägt eine Klage auf Unterlassung und Schmerzensgeld. Roth lässt juristische Schritte prüfen, Tören erkennt in dem Titel den Aufruf zum Mord und will Bushido ebenfalls anzeigen. Die Berliner Staatsanwaltschaft ist bereits aktiv geworden.

Unfassbar leicht erzielte Resonanz

Ziemlich viel Wirbel um ein fast schon plump provokatives Lied, dessen Video erst vor drei Tagen auf YouTube veröffentlicht wurde. Angesichts des Echos muss sich Bushido wundern, wie unfassbar leicht es gegangen ist mit der Provokation und ihrer erhofften Resonanz. YouTube hat das Video inzwischen gelöscht, trotzdem tauchen immer wieder Kopien auf.

Das erinnert an die Anfangstage des Rappers. In der aktuellen Debatte spielt auch die künstlerische Herkunft, die musikalische Heimat Bushidos eine Rolle: das Berliner HipHop-Label Aggro Berlin. Beim 2009 eingestellten Indielabel war Provokation ein Teil des Systems, der Tabubruch von Beginn an Basis des Konzepts. Anfang der Nullerjahre tauchte so eine Handvoll Rapper auf, die für damalige Verhältnisse ungewohnt harte, sexistische, gewaltverherrlichende Texte in die bis dato eher harmonische deutsche Rap-Landschaft transportierten.

Provokation war ein Mittel zum Zweck, das harte Image verschaffte den Aggro-Rappern Aufmerksamkeit - allen voran Sido und eben Bushido. Einige Titel landeten auf dem Index, was bald zur größtmöglichen Auszeichnung wurde. Denn der Reiz des Verbotenen war ein Werbemittel von unschätzbarem Wert. Das Löschen des "Stress ohne Grund"-Videos trägt nun vergleichbare Züge. Auch die Indizierung des Titels wird bereits diskutiert, Berlins Polizeipräsident lässt die Möglichkeit gerade abklären.

Ein Level, das sich schwer ignorieren lässt

Viele Rap-Titel sind in der Vergangenheit medial unnötig zu Skandalen aufgebauscht worden - auch, weil die verbalen, teils missverständlichen Codes der Szene nicht hinterfragt wurden. In der aktuellen Debatte sind die Dinge jedoch anders gelagert, hier geht es nicht um das häufig reflexhafte Skandalisieren einer Bagatelle. Auch wenn der Tabubruch als Instrument eindeutig ist, kanzelt Bushido seine Kritiker hier nicht in ausgefeilten, gar originellen Rap-Zeilen voller Wortwitz ab - er wünscht ihnen den Tod.

Damit erreicht Bushido ein Level, das sich schwer ignorieren lässt. Es stellt sich die Frage nach dem Warum. Der 34-Jährige hatte sich einen Platz in der deutschen Entertainment-Industrie erkämpft, auch durch Fernsehauftritte, bei denen er reflektiert vernünftige Sachen sagte - so, als sei der Rapper in ihm eben nur eine Kunstfigur, die mit einem Mikrofon in der Hand böse Dinge tut.

Seit im April bekannt wurde, dass Bushido dem Abou-Chaker-Clan nahesteht, einer der Justiz wohlbekannten palästinensisch-libanesischen Großfamilie, hat das mühsam erarbeitete Saubermann-Image Schaden genommen. Ist die aktuelle Grenzüberschreitung eine Reaktion darauf, eine Rückkehr zu den Wurzeln, die dem Mainstream-Rapper wieder die Authentizität früherer Tage verleihen soll?

Bushido wird die möglichen rechtlichen Folgen seiner Zeilen in "Stress ohne Grund" vor der Veröffentlichung abgewogen haben. Die Erfahrung hat ihn gelehrt, dass ein paar tausend Euro Strafe gemessen am Werbeeffekt Peanuts sind.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 164 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mk70666 14.07.2013
1.
Zitat von sysopDPAProvokation geglückt: Nachdem der Rapper Bushido Politiker beschimpft und ihnen den Tod gewünscht hat, reagieren Klaus Wowereit und andere mit juristischen Schritten. YouTube löscht das Video, und der Rapper lacht sich ins Fäustchen. Rapper Bushido provoziert erfolgreich mit "Stress ohne Grund" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/musik/rapper-bushido-proviziert-erfolgreich-mit-stress-ohne-grund-a-911052.html)
...und die Musik-Käufer fallen auf den Marketing-Trick des prolligen Pseudo-Gangsters und Möchtegern-Gangsta-Rappers herein. Selber schuld.
blitzunddonner 14.07.2013
2. wenn geldstrafen und schmerzensgeld höher wären, als der gewinn ...
Zitat von sysopDPAProvokation geglückt: Nachdem der Rapper Bushido Politiker beschimpft und ihnen den Tod gewünscht hat, reagieren Klaus Wowereit und andere mit juristischen Schritten. YouTube löscht das Video, und der Rapper lacht sich ins Fäustchen. Rapper Bushido provoziert erfolgreich mit "Stress ohne Grund" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/musik/rapper-bushido-proviziert-erfolgreich-mit-stress-ohne-grund-a-911052.html)
wenn geldstrafen und schmerzensgeld höher wären, als der gewinn durch provokation, würde sich der nichtsnutz kaum noch ins fäustchen lachen. viel schlimmer ist allerdings, was bushido oder andere seiner art bei jugendlichen anrichten. der schaden durch negative vorbildfunktion ist AUCH finanziell da, aber schlimmer sind die psychosozialen folgen.
andersdenkende 14.07.2013
3. Sowas passiert eben...
... wenn man solche Menschen zu lang hofiert. Der Mann ist total abgehoben und meint, er kann sich alles erlauben. Hat man ja schon bei seinem dreisten Musikklau erlebt. Da dachte er sich ja scheinbar auch "Hey, ich bin Bushido und die Franzosen kennt schließlich keiner." Falsch gedacht. Und das war ja auch nicht das erste Mal, daß er sich dreist bedient hat. Nun meldet sich das ehemalige "Skandalkind", von dem alle glaubten, er wäre nun ehrbarer Familienvater, zurück und hat schon wieder die Aufmerksamkeit der versammelten Medien. Mission geglückt.
PapperlaPapp 14.07.2013
4. ....und SPON ist ganz vorne mit dabei....
"...doch in der Welt der Erwachsenen ist Ignorieren keine Option. " da bin ich aber froh, dass die redaktion des SPON da auch keine aussnahme macht und bei dieser "geglückten Provakation" auch wieder ganz vorne mit dabei war, damit der bushido sich auch wirklich ganz doll ins fäustchen lachen kann
Das Grauen 14.07.2013
5. Der lacht bald nicht mehr...
...wenn er dafür in den Knast kommt! ---Zitat--- § 241 Bedrohung (1) Wer einen Menschen mit der Begehung eines gegen ihn oder eine ihm nahestehende Person gerichteten Verbrechens bedroht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft. ---Zitatende---
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.