Rapper Ice Cube Schau heimwärts, Gangsta

Vom Gangster-Rapper zum Spaßvogel und zurück: In den letzten Jahren ist Ice Cube mehr als Schauspieler in Disney-Komödien denn als Musiker aufgefallen. Jetzt läuft der 39-Jährige mit neuem Album zu alter Form auf – und gibt HipHop den politischen Kampfgeist zurück.

Von Jonathan Fischer


Die Kamera zoomt auf tränenbefleckte Gesichter. Und man hört Vater, Mutter und Tante des 17-jährigen Jamiel Shaw Jr. vom Moment erzählen, in dem sie hörten, dass der Junge einem Mordanschlag zum Opfer fiel, ihn tödliche Schüsse eines Unbekannten vor seinem Elternhaus niederstreckten.

Der Junge wäre wohl nur ein weiterer sinnloser Toter auf den Straßen von Los Angeles, wäre da nicht dieses Video zu Ice Cubes Single "Why Me?". Der einst als düsterer Gangster-Rapper in Erscheinung getretene HipHopper benutzt da die Wucht dokumentarischer Bilder, schneidet die Trauer von Jamiels Verwandten mit erschreckenden Fotos Dutzender Verbrechensopfer zusammen, um die Folgen der menschenverachtenden Gewalt im Niemandsland der schwarzen Ghettos vor Augen zu führen.

Getragener Rhythmus, Klaviermelodie und der "Why Me?"-Chorus von Gastsänger Musiq Soulchild tun das Übrige, dem Zuschauer die Verzweiflung nahe zu bringen, die mit dem Tod eines geliebten Menschen einhergeht. "Eine tragische Geschichte", erklärt Rapper Ice Cube. "Überall in der Welt sterben junge Menschen auf diese Weise. Und es mutet immer wieder abscheulich an".

"Fuck Tha Police"

Das sind nicht die Worte, die man aus dem Munde eines Gangster-Rappers erwartet – eine Rolle, die Ice Cube während seiner HipHop-Karriere mit einiger Bravour spielte. "A nigger you love to hate" taufte er sich einst selbst. Und schrieb, gerade mal 18 Jahre alt, während er als Architekturzeichner die Schulbank drückte, bereits radikale Rap-Hymnen wie "Fuck Tha Police".

Es war sein lyrisches Talent, das Gangster-Rap weltweit populär machte und die Blaupause für das Schaffen solcher Figuren wie Tupac oder Notorious B.I.G. lieferte: gewalttätige, unflätige und beiläufig sozialkritische Geschichten, die aus der Perspektive des nihilistischen und um jeden Preis nach oben strebenden Kleinkriminellen erzählt wurden. Allerdings ist dieser Teil von Ice Cubes Persona im letzten Jahrzehnt etwas in Vergessenheit geraten: Eine junge Generation von Amerikanern kennt den bärbeißigen Typen mit dem Afro vor allem als Schauspieler in Disney-Komödien, wo er mal den grimmig-witzigen Familienvater, mal den knuddeligen Bösewicht gibt.

Von Compton ins Villenviertel

Auch wohnt Ice Cube längst nicht mehr im gefährlichen Ghetto, das 1989 seinem ersten Longplayer mit der Rap-Combo N.W.A. seinen Namen gab: "Straight Outta Compton". Stattdessen residiert der O'Shea Jackson getaufte Rapper und Schauspieler mit seiner ihm seit 20 Jahren anvertrauten Ehefrau und vier Kindern im Villenviertel Encino, parkt einen weißen Porsche Cayenne in der Doppelgarage und hat vor allem Hollywood-Filmstars als Nachbarn.

Wer allerdings dachte, aus dem Rapper sei ein zahnloser Tiger geworden, wird mit seinem letzten, selbst verlegten Album "Raw Footage" eines besseren belehrt: Nach Jahren der Irrelevanz hatte sich Ice Cube 2006 erstmals in den HipHop-Charts zurückgemeldet. "Laugh Now Cry Later" kam zwar nicht an einstige Meisterwerke wie "AmeriKKKa’s Most Wanted" oder "Death Certificate" heran. Aber es erinnerte ein jüngeres Publikum zumindest daran, warum ihre älteren Geschwister, Väter und Onkel den Namen Ice Cube mit solcher Ehrfurcht in den Mund nahmen.

Nun aber ist der Mann mit einem Video zurückgekehrt, das noch einmal die Schauplätze seiner Jugend aufsucht: "Gangster Rap Made Me Do It". Ein in jeder Hinsicht schlagkräftiges Werk – nicht nur wegen der inzwischen mehr als viereinhalb Millionen YouTube-Aufrufe. Nein, Ice Cube erinnert nach all den Strip-Club-Hymnen und Lollipop-Anmachen, die seit Jahren den HipHop-Äther verstopfen, dass Rap als gesellschaftlich relevante Kunstform noch längst nicht tot ist. Er immer noch Ärger, Schock und politische Kontroversen auslösen kann.

"Wenn ich ein bisschen Crack verkaufe", rappt er etwa zu einem von Pianofiguren umspielten Dampfwalzen-Beat, "dich als kraushaarige Hure beschimpfe oder mich wie ein Tier benehme – ich kann nichts dafür, Gangster Rap hat mich dazu angestiftet". Ein Angriff auf Versuche konservativer Meinungsführer, Gangster-Rap für alle gesellschaftlichen Übel Amerikas von Armut bis zu Amokläufen verantwortlich zu machen – und damit Ursache und Wirkung zu verkehren.

Eazy-E diniert mit Bush Senior

Das Video zeigt dazu Bilder aus dem Krieg in Irak, von Regierungsskandalen und Rassismus in den Medien. "War Compton vor Gangster Rap eine Idylle? Ist Afroamerika selbst an seiner Misere schuld?" Ice Cubes Fragen sind natürlich rhetorisch. Am Ende lädt er die Schuld an Gewalt, Amoral und Dritte-Welt-ähnlichen Inner Citys – mit zynischem Unterton - auf die eigene Schulter: "Blame Me!"

Angeblich hat sich Ice Cube von Marvin Gayes Soul-Klassiker "Inner City Blues" inspirieren lassen. Und von der Hoffnung, die er in einem Mann sieht, der jung genug ist, um mit HipHop aufgewachsen zu sein: Barack Obama.

Ice Cube hat Politik immer ernst genommen: Auf seinem Album "Death Certificate" sagte er die Unruhen voraus, die 1992 auf den Freispruch weißer Polizisten für die Misshandlung des Afroamerikaners Rodney King folgten. Und er verstieß seinen ehemaligen N.W.A.-Kollegen Eazy-E nachdem dieser an einem 1500 Dollar-Wahlkampf-Dinner für Präsident Bush sen. teilgenommen hatte.

Fatale Nebenwirkung einer Erfolgsgeschichte

Dass diese Radikalität heute von so wenigen HipHop-Stars geteilt wird, hält er für eine fatale Nebenwirkung der eigenen Erfolgsgeschichte: "Meine Generation war nahe dran zu sagen: 'Vergiss Amerika und seine Gesetze.' Aber dann haben wir einen anderen Weg eingeschlagen, weil wir plötzlich eine Industrie unterhielten, HipHop ein höchst lukratives Geschäft wurde."

Nun sieht er die Krise der Plattenindustrie als inhaltliche Chance. "Hood Mentality" heißt einer seiner neuen Songs – und erzählt davon, wie die Ghettomentalität seine Landsleute ins Verderben geführt habe: "Solange sie ihre Geschichten verkauften, wollten sie nicht aus dem Ghetto raus. Aber schau mich an: Ich komme aus dem Ghetto, doch ich bin es nicht." Für ihn sei deshalb nicht das Wort "Nigger" das größte Problem, sondern "Menschen, die ihr erstes Buch im Gefängnis lesen".

Und was den Gangster-Kult betrifft: "Biete ihnen ein anständiges Leben, eine Ehefrau, Kinder, ein Haus mit Zaun drum und einen anständigen Job. Kaum einer würde diese Option ausschlagen".


Ice Cube - "Raw Footage", erschienen bei Edel Records

Korrektur: In einer früheren Fassung dieses Artikels wurde Ice Cube als "Original Gangster" bezeichnet. Ein Irrtum unsererseits. Es war der abenfalls aus Los Angeles stammende Rapper Ice-T, der sich mit diesem Attribut schmückte.

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