Hip-Hop-Aufsteiger RIN Eine Million Kisten Bier, echt jetzt!

Hirnrissige Texte, große Gefühle, fragwürdige Posen: Auf "Eros" polarisiert Shootingstar RIN noch stärker als zuvor. Genau das macht ihn derzeit zu einem der spannendsten Deutsch-Rapper.

RIN auf dem Splash-Festival, bekleidet natürlich mit der Lieblingsmarke
DPA

RIN auf dem Splash-Festival, bekleidet natürlich mit der Lieblingsmarke


An einem Samstagnachmittag Anfang Juli sieht man in der Schweizer Provinz nichts als Staub. 5000 Leute springen auf dem hochsommerlich verdorrten Boden des Frauenfeld Open Air Festivals im bassschwangeren Takt. Auf der Bühne vor ihnen rappt ein Typ mit auffälliger Flechtfrisur belanglose Zeilen: "Es ist 12 Uhr, ich kauf' mir Supreme" - und alle drehen durch.

Ein paar Minuten später werden fünf Zuschauer im kollektiven Rausch kollabiert und keine Fragen mehr offen sein. Außer einer: Was ist hier eigentlich los?

Auf den ersten Blick scheint die Sache klar: Ein junger Rapper mit kroatischen und bosnischen Wurzeln hat in Stuttgarts Speckgürtel aufmerksam amerikanischen und britischen Rap studiert - und alles, was darin gerade angesagt ist, geschickt ins Deutsche übersetzt.

Im Video: Ein Ausschnitt aus dem Auftritt beim Frauenfeld Open Air

Zuckrige Refrains, schillernde Persönlichkeit, kein Interesse an Rap-Traditionen. Alles da. Musikalisch klingt das verdächtig nach Baukastenprinzip: Eine Wagenladung Bass trifft auf glattgebügelte Marimba-Beats und ausgebremsten karibischen Dancehall - der kanadische Superstar Drake und seine unzähligen Wiedergänger lassen grüßen.

Die Texte? Bewegen sich zwischen juvenilen Beichten und Sittengemälden im Snapchat-Format: "Kauf dir 20 Stangen Kippen und dann rauch mit mir", leiert die von Autotune begradigte Stimme einmal. Oder "Der 430 bringt mich nach Hause, kein Ticket, kein Problem." Obendrauf gibt es kostenlosen Nachhilfeunterricht in Sachen angesagter Modelabels. Gefühlt in jeder zweiten Zeile stößt man auf das New Yorker Street- und Skatewear-Label Supreme. Auch Palace aus London und der einflussreiche russische Jungdesigner Gosha Rubchinskiy bekommen ihre kostenlose Werbung.

Uff. Leicht verdauliche Musik für den Alkopop-getränkten Sommer auf der örtlichen Parkbank also? Ein Klang gewordenes Selfie mit reichlich Filtern drauf?

Kein Nachname, kein Alter

"So sehen das wohl Leute, die es nicht verstehen", sagt der Mann von der Schweizer Bühne einen guten Monat später und versucht dabei erfolglos, seinen schwäbischen Zungenschlag zu kaschieren. RIN, der bürgerlich Renato heißt und weder sein Alter noch seinen Nachnamen in der Presse lesen will, sitzt vor einer halbleeren Packung Marlboro Gold und einem übervollen Aschenbecher im mit den obligatorischen Vitra-Nachbaustühlen eingerichteten Büro seiner Berliner Video-Produktionsfirma. Und gibt sich erst gar keine Mühe, seinem Satz eine Erklärung folgen zu lassen.

Was man also genau verstehen müsse? RIN überlegt einen Moment und grinst. "Dass meine Musik echt ist", sagt er. Alles klar. Aber erklärt das auch, warum sein kommenden Freitag erscheinendes Debütalbum schon vier Wochen vor Erscheinen auf Vinyl ausverkauft war und die fünf ersten Singles auf YouTube innerhalb weniger Wochen zusammen 15 Millionen Klicks gesammelt haben? Dass "Bianco", sein im Frühjahr 2015 erschienenes Koks-Duett mit dem Wiener Rapper Yung Hurn, schon siebeneinhalb Millionen Mal auf der Streaming-Plattform Spotify gehört wurde? Und er in dessen Folge innerhalb weniger Monate zum wohl größten Deutschrap-Hype seit Cro und Casper wurde?

"Sicher", sagt er unbeeindruckt. "Darum geht es in der Kunst. Man muss ein Gefühl rüberbringen, sonst wird der fetteste Song kein Hit." Und tatsächlich: Auf "Eros" untermauert jede der 51 Minuten Musik seine These.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: RIN bewegt sich dabei stellenweise jenseits der Peinlichkeitsgrenze, etwa, wenn er damit prahlt, sich "Eine Million Kisten Bier" zu kaufen und "20 Stangen Kippen" zu rauchen. Oder es in drei Minuten "Dizzee Rascal Type Beat" tatsächlich schafft, 16 Mal Supreme zu sagen. Der Name des britischen Rap-Stars Rascal war in der ersten Version des Songs übrigens ebenfalls falsch geschrieben.

Langeweile, Musik, Alkohol

Ein Witz? Augenzwinkerndes Stilmittel? Selbstironie? Mitnichten. RIN meint jeden der 15 Songs auf "Eros" todernst. Und folglich jeden grammatikalischen Fehler und jede noch so ungelenke Zeile. Und schafft damit etwas, was gerade in Deutschland die Wenigsten für sich verbuchen können: Mit seinen assoziativen Allerweltstexten und den sedierten Beats evoziert er ein Gefühl von Jugend, wie sie eben ist. Kein linearer Narrativ, sondern eine in sich brüchige Verdichtung des Selbst.

Für RIN ist das allerdings bloß ein Nebenprodukt. Er mache schlicht Musik über sich und seine Freunde aus seiner Heimatstadt Bietigheim-Bissingen, sagt er. Über Leute also, deren Kitt Langeweile, Musik, Alkohol und eine in der Provinz fast alternativlose Freundschaft ist. Die zusammen rauchen, trinken, kiffen und sich durch Liebeskummer und andere Wirrungen schlagen.

Dass Millionen Jugendliche das nachfühlen könnten, sei im Grunde Zufall: "Auf dem Album sind 15 verschiedene Facetten meiner Persönlichkeit zu hören", sagt RIN und klopft sich zum Beweis auf die Brust. "Nichts ist erfunden, alles ein Produkt der Lebensrealität dieser Stadt. Man könnte es fast Heimatmusik nennen."

Heimatmusik? RIN weiß um den Beigeschmack des Begriffs. Er legt eine kurze Denkpause ein: "Mein größter musikalischer Einfluss sind slawische Balladensänger aus den Achtzigern", sagt er schließlich. "Und eben Heimatlieder des Balkan." Politisch seien die natürlich oft zweifelhaft, aber ihre Gefühlsduselei habe ihn früh tief beeindruckt. Und ihn nicht zuletzt ermutigt, in seiner eigenen Musik voll auf Herz und Schmerz zu setzen - bis zum Äußersten: "Gefühl ist für mich alles. Ich gebe in meiner Musik in jedem Moment alles von mir." Was andere davon halten? Ihm schnuppe.

"Ich möchte niemanden mit Scheiße füttern"

Dass er das überhaupt tun kann, liegt für RIN jedoch wieder an seiner Heimat rund 30 Autominuten nördlich von Stuttgart: "Bietigheim-Bissingen hat mir den Raum zur freien Entwicklung gegeben", erklärt er. "Ohne diese Stadt hätte ich niemals diesen Sound gefunden."

Zwar gibt es in dem 40.000-Einwohner-Städtchen eine vergleichsweise aktive Szene, die mit Shindy und Bausa noch zwei weitere bekannte Rapper hervorgebracht hat. Doch er sei dort eben außerhalb der gängigen Filterblasen aufgewachsen, sagt RIN. Und damit für ihn außerhalb negativer Einflüsse: "In Berlin beispielsweise bestimmen die Klamotten und anderer Unsinn viel zu oft die Musik. Bei mir war das umgekehrt", sagt er. "Und ich kam nie auf die Idee, mit irgendwelchen Ablenkungsmanövern über schlechte Musik hinwegzutäuschen."

ANZEIGE
RIN:
eros

DIVISION; 11,71 EUR

Das sei ohnehin das größte Problem im deutschen Rap dieser Tage: "Die Leute wollen mit gestelltem beef, provokanten Interviews und irgendwelchen Deluxe-Ausgaben ihrer Alben Aufmerksamkeit erreigen", teilt er aus. Dem wolle er entgegenwirken: "Ich sehe mich als Musiker und nicht als Entertainer", sagt er. "Das bedeutet, dass ich mich nur auf meine Musik konzentriere - und nicht auf den Mist drumherum."

Man kann vieles an RIN ablehnen: die Posen, den Gesang, die Texte. Aber in einer Szene, die seit Jahren zwischen gestählter Gangsterbrust, blumiger Weltverbesserei und Gefühlen mit doppelndem Boden feststeckt, ist er mit seiner unverstellten Gefühligkeit und dem teils nervtötenden Jargon das frische Blut, das Deutschrap dringend braucht.

"Nach 'Eros' werden mich sicher noch mehr Leute hassen, weil ich darauf noch softer bin", sagt er. "Aber zumindest habe ich ein Album gemacht, das keine Kompromisse eingeht." Eines hat er damit schon geschafft: Eine Jugendkultur zu vertonen, der auch die heutige, mit Hip-Hop aufgewachsene Elterngeneration mit Unverständnis begegnet. Das ist wichtig - für Kinder und Eltern.



insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ulisses 03.09.2017
1. Hilfe, ich werde alt.
Ich merke, dass ich alt werde. Mit solcher "Musik" kann ich einfach rein gar nichts anfangen. Texte sind mir relativ egal. Aber wenn die dann auf deutsch sind und man dann alles ungefiltert sofort versteht, dann höre ich schon hin. Und dann würde ich dieses spießige Getue um den eigenen Konsum als ziemlich klein geistig empfinden. Aber das gilt jetzt als cool, dufte oder hipp. Vielleicht ist da eine ironische Note dabei, die ich nicht verstehe? Oder muss man einfach sagen, dass "die heute Jugend" einfach die Musik bekommt, die sie verdient? In meiner Zeit müsste man Metal und Hard Core Punk hören, wenn man als Halbstarker dazu gehören wollte. Das ist für wahre Musiker sicherlich auch keine musikalische Meisterleistung, aber immerhin muss man dazu noch Finger an richtigen Instrumenten bewegen. Im Speedmetal gab es sogar echte Virtuosen an der Gitarre. Die Texte sind brutal aber sie drehen sich nicht nur um das, was im Umkreis von zwei Kilometern um die eigene Wohnung oder in der eigenen "Hood" passiert. Die Klamotten und der Stil sich auch nicht als Zurschaustellung von Modelabelsgeeignet. Erklär mir einer
dbrown 03.09.2017
2. Musik
ist das keinesfalls. Höchstens Sprechgesang von Proleten mit 1-Ton-Geräuschkulisse.
voiceecho 03.09.2017
3. Rap?!
Nein! Es ist leider symptomatisch, dass jeder mit belanglosen provokanten Texten zu monotoner Musik sich in Deutschland "Rapper" nennen! Im Mutterland des Raps würde man diese Typen allesamt auslachen, denn Rap ist nicht irgendwelche Texte unter der Gürtellinie gepaart mit Möchtegerne "Gangsta" Image zu zitieren! Deutschland hatte und hat bis jetzt keinen ernstzunehmenden Rapper! Der Erfolg einiger "Künstler" beruht nur auf provokanten Texten, die von pubertären Jugendlichen mit wenig Lebenserfahrung und weniger Englischsprachkenntnisse als eine Art "Rebellion" gegen die Gesellschaft konsumiert werden!
hansistyle2 03.09.2017
4.
es gab zeiten da hatten rapper charisma (Big-L), ausstrahlung (Rakim), Skillz (Ras Kass, Ludacris), punchlines (BIG), diversen flowpatterns (Nas), storyteller (slick rick, Nas und etc) und exotische-markante stimmfarben (Prodigy, Sean Price etc). heute scheint davon nichts mehr nötig zu sein, aber auch garnichts(!) und der ganze ''erfolg'' is auch noch gekaufter hype...peinlich.
quorthon 03.09.2017
5. Populäre Musik
Zitat von ulissesIch merke, dass ich alt werde. Mit solcher "Musik" kann ich einfach rein gar nichts anfangen. Texte sind mir relativ egal. Aber wenn die dann auf deutsch sind und man dann alles ungefiltert sofort versteht, dann höre ich schon hin. Und dann würde ich dieses spießige Getue um den eigenen Konsum als ziemlich klein geistig empfinden. Aber das gilt jetzt als cool, dufte oder hipp. Vielleicht ist da eine ironische Note dabei, die ich nicht verstehe? Oder muss man einfach sagen, dass "die heute Jugend" einfach die Musik bekommt, die sie verdient? In meiner Zeit müsste man Metal und Hard Core Punk hören, wenn man als Halbstarker dazu gehören wollte. Das ist für wahre Musiker sicherlich auch keine musikalische Meisterleistung, aber immerhin muss man dazu noch Finger an richtigen Instrumenten bewegen. Im Speedmetal gab es sogar echte Virtuosen an der Gitarre. Die Texte sind brutal aber sie drehen sich nicht nur um das, was im Umkreis von zwei Kilometern um die eigene Wohnung oder in der eigenen "Hood" passiert. Die Klamotten und der Stil sich auch nicht als Zurschaustellung von Modelabelsgeeignet. Erklär mir einer
Mir geht es genauso. Immer öfter schalte ich von Radio Fritz zu Radio 1, wenn RIN oder noch schlimmer Ufo361 und Konsorten gespielt werden. Aber es ist auch ein angenehmes Gefühl, wenn man Jugendpopkultur nicht mehr versteht. Als sich abgrenzender Senior kann man beruhigt der Rente entgegensehen. Trotzdem: diese Musik is Kacke.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.