Rapper The Game Einsam hinter goldenen Gittern

Trotz Millionen verkaufter Alben und Superstar-Status: The Game kann das Ghetto nicht verlassen. Auf seinem neuen Album "LAX" beschwört der Rapper das Elend seiner Vergangenheit - und behauptet sich als der größte HipHop-Tragiker der Gegenwart.

Von Jonathan Fischer


Selbst wenn Jayceon Taylor nicht als The Game den derzeit erfolgreichsten Star des Westküsten-HipHop darstellen würde: Sein neues Album "L.A.X" könnte einen hervorragenden Filmplot untermalen. Da wäre einmal die rührselige Aufstiegsgeschichte vom verwahrlosten Ghettojungen zum rappenden Großunternehmer – mit allen genreüblichen Zutaten, vom abgebrochenen College über Drogendeals bis zur lebensgefährlichen Schussverletzung. Dem gegenüber stünde die tragische Lebenshaltung des Hauptdarstellers. Denn Happy Ends sind in The Games Skript eher die Ausnahme.



So viele Auszeichnungen Jayceon Taylor auch seit seinem spektakulären Debüt "The Documentary" (2004) gesammelt haben, so viele Magazincover der Mann mit dem tätowierten roten Stern auf der Backe seitdem geschmückt haben mag: Der Thronfolger und legitime Erbe des einst von NWA und Ice Cube beherrschten Westcoast-Rap ist nicht glücklich. Leidet eigenen Angaben nach unter Depressionen. Und vergießt im Interview mit der amerikanischen HipHop-Zeitschrift "XXL" echte Tränen.

Es scheint mehr als eine Presse-Inszenierung zu sein: Das Drama um den Übervater Dr. Dre, der ihn einst in den HipHop-Himmel hob und ihm dann die kalte Schulter zeigte, beschäftigt The Game selbst noch auf seinem dritten Album. Er droht bei dem ehemaligen Gönner einzubrechen, schließt mit einem Vers die Reihen seiner Gang, während er im nächsten vermeintliche Verräter beschimpft.

Seine Beats mögen da auch noch so kraftvoll und perfekt durchgestylt klingen: The Games Lamentos hinterlassen bisweilen einen anderen Eindruck. Hier beschwert sich eine verunsicherte, psychisch instabile Existenz, nicht genug anerkannt zu werden; schimpft ein verletztes Kind, sucht ein verlorener Sohn nach Anerkennung.


Wie passt das zur Gangster-Figur, die The Game bis heute durch seine Musik verkörpert? Wie zu seinen – in Zeiten der HipHop-Rezession umso erstaunlicheren - Multi-Platin-Verkäufen? Warum kann er sich nicht über seine millionenteure Villa am Stadtrand von Los Angeles freuen, über den gerade gekauften Nachtclub, seine Nebenjobs als Schauspieler und Designer einer eigenen Modelinie?

Jayceon Taylors persönliche Tragödie hat wenig mit seiner Blitzkarriere zu tun. Vielmehr leidet der 28-jährige Rapper an seiner Familiengeschichte. Einer Geschichte, die durchaus stellvertretend ist für das Schicksal so vieler junger schwarzer Männer aus dem Ghetto, für ihre Vaterlosigkeit, ihr Streben nach Anerkennung und ihre Zerrissenheit zwischen Selbsthass, adaptierten Macho-Posen und versteckter Sensibilität.

Vom Dealer zum Rapper

Jayceon Taylors Jugend könnte das Update eines Dickensschen Romans sein: 1979 als Kind zweier Gang-Mitglieder in South Central geboren, die junge Mutter überfordert, die eigene Schwester vom Vater missbraucht, in der Folge Unterbringung im Jugendheim. Später dank des älteren Bruders Big Fase zur berüchtigten Bloods-Gang gestoßen.

Zwar hat Jayceon da noch ganz passable High-School-Zeugnisse, erhält dank seines Basketballtalents sogar ein Stipendium – doch bevor er es antreten kann, fliegt er wegen eines Drogendeals von der Schule.

Er macht stattdessen Karriere als Crack-Dealer, bis er 2001 von einem vermeintlichen Kunden mehrfach angeschossen wird, drei Tage im Koma liegt und beschließt, nur noch mit HipHop sein Geld zu verdienen.

Zusammen mit Big Fase gründet er das Label Black Wall Street. Durch Zufall fällt eines seiner Mixtapes Dr. Dre in die Hände: Der Produzent, der ein Jahrzehnt zuvor die Karrieren von NWA und Snoop Dogg in Gang gebracht hatte und unter anderem Eminem und 50 Cent die Beats auf den Leib schrieb, fängt Feuer für die dunkel bellende Stimme des No-Name-Rappers.

Doch wenn das Debüt "The Documentary" 2004 auch dank 2,5 Millionen verkaufter Alben wie ein warmer Regen in der Wüste wirkt und die zur HipHop-Bedeutungslosigkeit reduzierte Westküste plötzlich wieder einen Superstar hervorbringt: Jayceon Taylor will mehr.

Er sucht nicht nur den Erfolg, sondern kämpft um eine neue Familie. Nur so lässt sich das fast schon zwanghafte Name-Dropping anderer Rap-Größen erklären. Nur so gibt das Drama um Übervater Dr. Dre einen Sinn. Nur so versteht man, wie sehr Jayceon Taylor das Zerwürfnis mit dem angeblich auf seinen Erfolg eifersüchtigen Bruder schmerzt.

"Das Geld", sagt der Rapper, "hat einen Graben zwischen mir und all dem geschaffen, was mir früher etwas bedeutet hat." Das einstige Heimkind hat eine neue Villa – und fühlt sich einsam hinter den goldenen Gitterstäben.

Familienbande des HipHop

Da wirkt die Anrufung der HipHop-Ahnen wie die Kompensation der fehlenden Familie. So verneigt er sich auf seinem neuen Album nicht nur bei seinen Vorbildern Eazy-E und NWA, sondern holt sich Kindheitsidole wie Ice Cube und Nas als Gäste dazu. Ähnlich wie beim Vorgänger "The Doctor’s Advocate" besticht The Games Gespür für Melodien und satte, eingängige Beats. Ein weiteres Mal erschafft er – mehr oder minder inspiriert von Dr. Dre – den kraftmeiernden, mythenhubernden Soundtrack für endlose Jeep-Fahrten unter palmengesäumten Alleen.

Am besten gelingt ihm das auf "Cali Sunshine" oder "Dope Boys": ersteres auf einem alten Soul-Sample und der Crooner-Stimme von Bilal schwebend, letzteres von Ex-Blink-182-Schlagzeuger und Produzent Travis Barker mit wuchtigen Live-Beats unterfüttert.

Dazu zitiert The Games in seinen stärksten Momenten Gangster-Storys wie alte Filmstreifen. Doch das Thema ist nicht mehr dominant. So schließt er auf "Letter To The King" – einem großartigen Tribut an Martin Luther King und die Bürgerrechtsbewegung – zu seinem Duettpartner Nas auf und vermittelt eine Ahnung seines bisher viel zu wenig demonstrierten Geschichtsbewusstseins.

Möglicherweise zum letzten Mal: The Game hat angekündigt, in Zukunft nur noch als Produzent arbeiten zu wollen. Und die gewonnene Zeit seinen zwei Söhnen – sie schmücken das Albumcover von "L.A.X." – zu widmen.

"Ich muss besser sein als mein Vater", hat er dem HipHop-Magazin "XXL" erklärt. "Und meiner Familie als Anker dienen".

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