Raver-Schicksal "Bei mir sind die Sicherungen einmal zu oft durchgebrannt"

Wo, bitte, geht’s nach House: Der Mann, der einst den Rave erfand, hätte gerne seine Ruhe und findet sie nicht.

Von Cornelius Tittel


Nightlife weltweit (hier in einem Cancuner Club): "Die Tänzer springen in die Luft und schreien wie am Spieß"
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Nightlife weltweit (hier in einem Cancuner Club): "Die Tänzer springen in die Luft und schreien wie am Spieß"

Schlafen ist reine Zeitverschwendung, schließlich gibt es Mittel gegen alles. Die gegen Müdigkeit sind noch lange nicht ausverkauft, Montag mittags auf Ibiza: Keine fünfzig Meter von der Landebahn des Flughafens entfernt, strecken hundert schreiende Tänzer ihre Arme einer Boeing entgegen, die im ohrenbetäubend lauten Sinkflug ihren Schatten über die Tanzfläche des "Circo Loco" wirft. Wer hier, bei 36 Grad im Schatten, in der Sonne tanzt, hat sein Gehirn längst am Eingang abgegeben. Wer hier, im Angesicht seines literweise fließenden Schweißes, Teil der stampfenden Menge wird, will nur noch eines: radikalen Spaß, ohne Rücksicht auf Verluste.

Rücksprache mit dem Hausarzt hält hier niemand, schon gar nicht die Gruppe zierlicher Spanierinnen, die auf der Tanzfläche ein Fläschchen Lösungsmittel herumreicht, das ursprünglich zur Betäubung von ausgewachsenen Bullen gedacht war. Erlaubt ist, was knallt, und so ist auch Montag abend ein Ende des Wochenendes noch lange nicht in Sicht.

Zehn Stunden später sind die Spanierinnen immer noch nicht im Bett; Sven Väth peitscht sie im "Amnesia" hellwach dem Dienstag morgen entgegen.

"Wir sind anders, wir machen weiter", verkündet eines seiner Stücke, und alle scheinen zu wissen, wo: Um acht Uhr spielt Väth seine letzte Platte, dann geht es tatsächlich weiter, der Autokolonne nach, Richtung "Space". Weiter und immer weiter, bis irgendwann eine Stimme aus den riesigen Boxen flüstert: "Wir waren so weit wie noch nie."

Und da steht er dann, auf der Terrasse des "Space": DJ Alfredo, fünfzig Jahre alt, der Mann, der an all dem Irrsinn schuld hat. Schuld an Rave, dem Buch, wie dem ungesunden Vergnügen, schuld an der Love Parade und nicht zuletzt schuld daran, daß seine Insel niemals schläft. Eine viel zu lange Geschichte, die Alfredo später erzählen wird, sehr viel später, wenn die Sprache zurückkehrt und die Musik nicht mehr als ein dumpfes Echo ist.

"Carry On!" heißt seine Party, denn wenn es einen Konsens gibt auf Ibiza, dann den des bedingungslosen Weitermachens. Ein bißchen was geht immer. Meistens darf es dann aber doch ein bißchen mehr sein: Schon Alfredos erste Platte zeigt verheerende Wirkung, die Tänzer springen in die Luft und schreien wie am Spieß. Jetzt, am Dienstag vormittag, wollen sie es noch einmal richtig wissen; und wer wäre besser geeignet, sie durch einen weiteren Tag zu bringen, als Alfredo. "Es ist mein Job, dafür zu sorgen, daß diese Leute den Spaß ihres Lebens haben", wird er später sehr müde und langsam sagen und dabei traurig aus seinen großen blauen Augen schauen.

Spaß heißt hier Kontrollverlust, heißt, alles abzulegen, was an Vernunft und Erwachsensein erinnert. Und so wirkt seine Party spätestens gegen Mittag wie ein riesiger, psychedelischer Kindergeburtstag, mit vielen bunten Smarties, Konfetti und allem, was dazugehört. Ein Mann steht auf einer der Boxen und spielt Luftgitarre, fünf Stunden am Stück und durchaus konzentriert. Die Spanierinnen mit dem Bullenbetäubungsmittel beginnen eben, eine Gruppe von Tänzern mit Klopapier einzuwickeln. Ein wunderschönes Mädchen läuft strahlend mit einem glitzernden Zauberstab über die Tanzfläche und berührt jeden, der auch nur im entferntesten unglücklich wirkt. Ihr Freund ist komplett in Tennisklamotten gekleidet und ißt Pfirsiche, während er Kniebeugen macht. Andere kommen erst gar nicht mehr hoch: Sie knien andächtig auf der Tanzfläche und weinen vor lauter Freude über Alfredos Musik - Tränen des Glücks.

Ein ganz normaler Werktag also, für Alfredo Fiorito ein Job mit Familienanschluß: Neben ihm steht sein Sohn Jaime, 26, ebenfalls DJ und seit zwei Jahren Alfredos Co-Pilot. Genauso hübsch, die gleichen blauen Augen. Sie wechseln sich ab, schaukeln sich gegenseitig hoch, bis irgendwann alle Hände in der Luft sind. "Als DJ ist man eine Starkstromleitung, an die die Tänzer angeschlossen sind", erzählt Alfredo drei Regenerationstage später. Und: "Manchmal wird die Spannung so hoch, daß alle Sicherungen durchbrennen. Ich glaube wirklich, daß meine einmal zu oft durchgebrannt ist."

Wie er so dasitzt, in einem altmodischen Café in Ibiza-Stadt, und mit seinen riesigen Augen ins Leere starrt, wirkt er unendlich müde. Er redet langsam und brüchig, zieht mit zittrigen Händen an seiner Zigarette und erzählt von früher, als die Energie einer ganzen Generation wie ein langer Blitz nach vorne schoß, als Grace Jones und die Stars von "Dallas" neben englischen Arbeiterkindern, Bhagwan-Jüngern und Transvestiten tanzten, als alles neu und aufregend war, die Drogen, die Musik, einfach alles. Davon, wie er, der verzogene Sohn eines argentinischen Parlamentsabgeordneten vor der Militärjunta nach Ibiza floh und plötzlich, Mitte der Achtziger, hinter den Plattenspielern des "Amnesia" Musikgeschichte schrieb.

Sicher, seine Musikauswahl alleine war es nicht, die Schockwellen bis in den letzten Winkel Europas sendete; die ersten, aus Chicago importierten House-Platten, gemixt mit allem, was zwischen Tears for Fears und Marvin Gaye die richtige Stimmung hatte, um die Tänzer bis tief in den nächsten Tag hinein auf Wolke sieben zu halten. Es war die Mischung des Publikums; und es war nicht zuletzt die Droge, die bis dato niemand in Europa kannte: Ecstasy.

Bhagwan persönlich hatte seinen auf Ibiza versammelten Jüngern nahegelegt, den Wirkstoff MDMA (die Abkürzung für 3,4-Methylendioxymethamphetamin) für Tanz- und Liebesmeditationen zu nutzen; doch nun, wo es solchen Spaß machte, sahen die Sannyasins nicht ein, wieso sie die kleinen Kapseln nicht auch im "Amnesia", dem Nachtclub ihrer Wahl, konsumieren und verteilen sollten. Und da war sie dann, die Formel, die wenig später Erziehungsberechtigte und Aufsichtspersonal in ganz Europa erschreckte: House + Ecstasy = Massenhysterie. "Wild war es, wunderschön und unschuldig", sagt Alfredo heute; es klingt wie eine schüchterne Untertreibung. Sein Freund Danny Rampling, Veranstalter des ersten House-Clubs in London und einer der ersten englischen DJ-Millionäre, erinnert sich genau an seinen ersten Ibiza-Aufenthalt, 1987, mit Kollegen wie Paul Oakenfold, dem heute wohl erfolgreichsten DJ der Welt.

"Wir hatten gehört, daß sich dort etwas ganz Neues entwickeln soll", erzählt er, und während Alfredos Augen in Agonie glänzen, strahlen seine vor Begeisterung. "Doch als wir im ,Amnesia' ankamen, übertraf es alle Erwartungen. Es war, als lebten wir den besten Traum, den wir je geträumt hatten, und immer, wenn man dachte, jetzt wachst du gleich auf, erkannte man, daß es kein Traum war. Wir spürten einfach, daß wir Zeugen von etwas Historischem wurden. So muß es in den Pioniertagen des Rock 'n' Roll gewesen sein. Alfredo war unser Held und Mentor, wir haben seine Ideen importiert. Nichts, was danach passierte, wäre ohne ihn denkbar gewesen."

Kein DJ als Popstar? Kein zweiter Summer of Love 1988 in England? Keine plötzliche Rave-Touristen-Schwemme auf Ibiza? Keine Hysterie in ganz Europa, die irgendwann Mitte der Neunziger in einer Million Menschen rund um die Berliner Siegessäule gipfelt?

"Schon möglich", sagt Alfredo, als wollte er für immer schlafen. "Nur zählt das alles heute nicht mehr. Alles, was ich weiß, ist, daß ich niemals Kapital daraus geschlagen habe, daß ich nie der Geschäftsmann wurde, der ich hätte sein sollen. Ich war blind, als das Ganze zu einem Millionenbusineß wurde. Vielleicht weil ich überwältigt war von meinem Ruhm auf dieser kleinen Insel, vielleicht weil ich mich eine Zeitlang wirklich wie der Mittelpunkt der Welt gefühlt habe."

Es ist eine klassische Geschichte, die er erzählt: eine Geschichte von erst mal genutzten und dann verpaßten Chancen. Und wie immer sind es die verpaßten, die zum Weitermachen zwingen. Die gleichen verpaßten Chancen, die Little Richard auf Oldie-Parties spielen ließen, die Grandmaster Flash zwingen, sein Talent auf Turnschuhpräsentationen zu beweisen: Wer zuerst kommt, malt eben nicht selten zuletzt.

"Mein ganzer Körper und neunzig Prozent meiner Seele sagen mir heute, daß ich diesen Job nicht mehr machen kann. Ich muß aber, ich habe nichts anderes gelernt, als Platten aufzulegen. Wenn ich viel Geld hätte, würde ich weg von hier gehen, eine lange Kur machen, irgendwo, wo es keine Menschen gibt, keine Musik und nichts von diesem Irrsinn." Ein Irrsinn, der ihn und seinen Sohn immerhin über zwei Jahrzehnte hinweg ernährte. Immer sei er süchtig gewesen, sagt er heute, nicht nur nach den Drogen, die ihm eine stärkere Verbindung zum Publikum ermöglichten. Süchtig vor allem nach dem Feedback, nach den strahlenden Gesichtern der Tänzer, die ihm nach einer durchfeierten Nacht für die aufregendsten Stunden ihres Lebens dankten, die niemals nach Hause gehen wollten, selbst dann nicht, wenn die Tanzfläche des "Amnesia" nach einem Wolkenbruch knietief unter Wasser stand.

"Als DJ hat man ähnliche Probleme wie ein Schauspieler", sagt er leise und bestellt ein Wasser: "Es ist schwer, die öffentliche Rolle vom Privatleben zu trennen, wenn man so sehr von den Reaktionen anderer Menschen lebt. Als ich 1990 meinen Job im 'Amnesia' verloren habe und ins 'Pacha' gewechselt bin, konnte ich lange nicht am 'Amnesia' vorbei fahren, weil mir die Erinnerungen so weh taten. Ich dachte damals wirklich, daß ich der 'DJ vom Amnesia' sei, so intensiv war die Beziehung. Therapeuten mußten mir erst erklären, daß ich nicht nur DJ bin, daß ich Alfredo heiße und Probleme habe."

"Immer noch, und es werden nicht weniger", sagt er und zündet sich die nächste Zigarette an. Vor drei Monaten hat er mit dem Rauchen begonnen. Kopfschüttelnd und staunend sagt er es, ganz so, als würde er sich soeben der Tragweite seines neuen Lasters bewußt: "Vor drei Monaten - und ausgerechnet Zigaretten." Dann hustet er leicht und erzählt, daß dies seine letzte Saison sein wird, sein letzter Sommer als DJ. Wie schwer es werden wird, auf ein Publikum zu verzichten, das ihn noch immer liebt. Zu schwer vielleicht, wenn selbst die, die es gut mit ihm meinen, nur eines wollen: Weitermachen. Mit ihm und zu seiner Musik, solange es irgend geht. "Guck mich an", sagt er dann, "sehe ich aus, als würde ich es bis zum Ende des Sommers schaffen?" Draußen zieht eine neue Nacht herauf, die schon jetzt fiebrig riecht.

Ein neues Wochenende, an dem Alfredo achttausend Besucher des "Privilege" an den Rand eines Nervenzusammenbruchs spielen wird, an dessen bitterem Ende er Dienstag nachmittag auf ein riesiges Banner blicken wird, über die Köpfe der tobenden Tänzer hinweg: "Carry On!" wird dort stehen. Weitermachen!

SPIEGEL ONLINE hat den Text mit freundlicher Genehmigung der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" übernommen. Die von der "FAS" gepflegte alte Rechtschreibung haben wir beibehalten.



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