Razorlight-Konzert Britpop mit Klatsche

Mitklatschen ist in: Wenn Bands wie Razorlight den Indie-Rock auf Polonaise trimmen, hat Coolness ausgespielt. Eric Pfeil besuchte ein Konzert der Briten, applaudieren will er aber keinesfalls.


Klatschen, klatschen, immer dem Rhythmus hinterher. So lange, bis der Indie-Rock zur Polonäse wird. Früher verlief die Demarkationslinie der Coolness ziemlich eindeutig zwischen Alternative-Konzerten, auf denen gutgelaunt umhergestanden wurde, und Mainstream-Versammlungen, bei denen Tausende Konzertgänger erbarmungslos die verzweifelte Begeisterungsverlautbarung des Mitklatschens zelebrierten.

Band Razorlight: Schrammeln mit Rockpalast-Appeal

Band Razorlight: Schrammeln mit Rockpalast-Appeal

Eine Überschneidung beider Welten war undenkbar. Anders heute: Wo immer man dieser Tage arglos auf ein Gitarrenkonzert kommt, wird mit emporgereckten Händen im Takt geklatscht, als hätten soeben Cindy & Bert, die Schweinstaler Sauburschen und die Sportfreunde Stiller gleichzeitig dazu aufgefordert. Es ist Bands wie Bloc Party, den Killers, Mando Diao und anderen musizierenden Röhrenhosen zu verdanken, dass die einstmals heimelige Tristesse des Indie-Rock heute sofort munter wegapplaudiert wird.

Alle genannten Bands eint, dass sie erfolgreich eine schluffige Underground-Attitüde mit Großraumhallen-Posen verbinden und zu einem enthemmten Massenereignis für gleichgeschaltete Andersartige werden lassen.

Antanzen zum Abklatschen

Auch die Briten Razorlight gehören zu jenen Bands, die munter einen subkulturellen Habitus auf dem Mainstream-Flohmarkt verramschen: Razorlight spielen eine schrabbelige ungebürstete Musik, die klingt wie Früh-Achtziger-Stadion-Rock, der auf dem Weg ins Stadion die Treppe runtergefallen ist. Wie betont lässiger Heroinkonsum in der Backstage-Kabine beim Klimaschutz-Konzert.

Auf der Habenseite kann die Band ein paar höchst eingängige Songs und ihren größenwahnsinnigen Frontmann Johnny Borrell verbuchen. Borrell ist ein Aufschneider, dem keine hohle Pose der Rockgeschichte zu peinlich ist. Das kann man albern finden. Man kann Borrell aber auch Respekt zollen – und sich von seinen abgeguckten Gockel-Posen einfach unterhalten lassen. Mit letzterer Einstellung käme man wohl am besten durch den Konzertabend.

Als Borrell mit seiner Band gestern um Viertel nach zehn die Bühne der Kölner Live Music Hall betritt, ist die bunte Publikumsschar aus Britpop-Folkloristinnen, hauptberuflichen Biertrinkern, Rock-Traditionalisten und zahlreichen Briten sofort komplett aus dem Häuschen. Zuvor hatten die 2000 Zuschauer tapfer der öffentliche Probe der Vorband Dogs beigewohnt, die sich in etwa anhören wie Sound-Restposten von Pete Doherty.

Wird da nur der Britpop zu Grabe getragen, fragte man sich beklommen, oder ist es doch die gesamte britische Arbeiterklasse, die da gerade akustisch eingeäschert wird? Razorlight hingegen, das machen sie vom ersten Ton an unmissverständlich klar, werden hier und heute keine Gefangenen nehmen.

Zwischen Koma, Klima und Karriere

Zaunpfahlgroß sind Borrells Gesten, so groß, dass man unwillkürlich nach einem Leben hinter der Pose sucht. Genau hier liegt das Problem: "I'm clinging on to the wrong ideas but I never regret anything I've done" singt Borrell mit ganzen Canyons voller Hall auf der Stimme, und er meint die Jugend, den süßen Vogel. Doch der steht unten und klatscht brav im Takt. Nicht weiter schlimm, zu verpassen gibt es nicht viel.

Im zweiten Song dann immerhin ein üppiges Versprechen: "It's a big big world and you can do what you like". Unter der Möglichkeit, dass man alles erreichen kann, fängt Borrell gar nicht erst an. Ein Ziel benennt er nicht, stattdessen: alles geht. Heroin, Klimaschutz und Karriere gleichzeitig.

Spätestens jetzt kommt man nur schwer umhin, die vollkommen humorlose Band schal zu finden: Borrell klagt immer wieder Absolutheiten ein, ist aber einfach nur ein selbstbesoffener Geck, der nichts zu erzählen hat. Er räumt da ab, wo es eigentlich nichts mehr zu holen gibt.

"America", der größte Hit der Band, erklärt in diesem Zusammenhang einiges: Schon die ersten Akkorde lassen den Saal aufjaulen. Dem Song qualmt aus jeder Note eine diffus sentimentale Klassenfahrtsstimmung, alle werfen die Hände in die Luft. Borrell beklagt dazu faszinierend allgemein Werteverluste: "There's nothing on the TV, nothing on the radio, that means that much to me." Interessantes Statement von einem, der als Antwort nur sein eigenes Pathos kennt. Berauscht von seinem Charisma steht er da und lässt sich wirken.

Spätestens jetzt wähnt man sich in einer Rockpalast-Nacht circa 1982 in der Grugahalle. Borrell scheint das ähnlich zu sehen und reißt sich das Hemd vom Leib. Der Abend endet mit "Before I Fall To Pieces". "I wanna kidnap the truth and negotiate", japst Borrell. Seine beste Zeile an diesem Abend. Doch niemand scheint hinzuhören, stattdessen trägt der Saal die Band mit einem letzten Klatschmarsch von der Bühne.



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