Tom-Waits-Songs von Rebekka Bakken im Vorab-Stream Die Diva und der Poet

Die Norwegerin mit der Drei-Oktaven-Stimme: Rebekka Bakken interpretiert Balladen von Tom Waits - zum ersten Mal lässt sich die Sängerin von einer Big Band begleiten. Hören Sie hier das neue Album vorab und in voller Länge!

Felix Bröde

Von Hans Hielscher


Als Türsteher vor einem Nachtlokal im kalifornischen San José lauschte der junge Tom Waits den Gesprächsfetzen der Wartenden - und fand erste Anregungen für seine brüchigen Balladen über die Schattenexistenzen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die Norwegerin Rebekka Bakken lernte das Leben der kleinen Leute kennen, als sie während ihres Gesangsstudiums in New York kellnerte. Seitdem sind Jahre vergangen. Bakken wird als Europas Singer/Songwriter-Diva mit der drei Oktaven-Stimme und der absoluten Intonationssicherheit gefeiert. Aber passen die beiden zusammen?

"Tom Waits ist so einzigartig", sagt die Sängerin, "ich wäre nie auf die Idee gekommen, seine Stücke zu interpretieren." Sehr wohl vorstellen konnte sich das Jörg Achim Keller. Deutschlands bester Big-Band-Arrangeur suchte aus Waits' Riesenrepertoire eine Anzahl von Songs, die er für geeignet hielt und einigte sich mit Bakken auf 16 Titel. Dann schrieb er für die Frankfurter hr-Big-Band Arrangements, die das Besondere von Waits' Musik widerspiegeln. Zum Beispiel erinnern Bariton- und Tenorsaxophon-Passagen an die kratzige Stimme des Komponisten. Vor allem aber ließ Keller für die Vokalistin reichlich Raum. "Ich war völlig frei", sagt Bakken, "auf die Musik und meine eigenen Assoziationen und Gefühle zu reagieren."

"Mädchen vom Lieferservice"

Die 43-Jährige ist glücklich über das Tom-Waits-Projekt. Sie hat gerade ihr erstes Kind bekommen ("Es war höchste Zeit") und freut sich auf Live-Konzerte mit dem 18-Mann-Orchester. Abgesehen von einem Auftritt als Teenager in Norwegen hat Bakken noch nie mit einer Big Band gearbeitet. Sie ist die interessanteste der nordischen Vokalistinnen, die seit den Neunzigerjahren die Jazz-affine Szene beleben. Bakken habe die "einzigartige Fähigkeit, in die unterschiedlichen Rollen zu schlüpfen, die ihre Lieder verlangen", fand schon Joachim Ernst Berendts "Jazzbuch". Es zitiert die junge Künstlerin mit dem Satz: "Sobald es einen Text gibt, geht es ganz um ihn. Wir (Sängerinnen) sind nur die Mädchen vom Lieferservice."

Aus dem Mädchen Rebekka ist eine glamouröse Diva geworden. Auf dem neuen Album fungiert die elegante Bakken irgendwie als Gegenfigur zum verwahrlosten Poeten der Underdogs. Aber natürlich spielt Waits mit seinem Image. "Viele Leute glauben, ich schlafe auf dem Billardtisch, stehe um drei Uhr mittags auf, schütte Whiskey in meine Cornflakes, habe keine Zähne im Mund und immer Laub im Haar", sagte Waits 2002. Und der Mann, der singt "I don't have a drinking problem, except when I can't get a drink", bekannte, dass er seit neun Jahren keinen Alkohol angerührt habe.

Im Booklet zum Album "Little Drop of Poison" sind die Worte der Waits-Songs nachzulesen. Ihnen sei anzumerken, schreibt der Schweizer Musikkritiker Peter Ruedi über Waits' bizarre Texte, "dass sie zwar notiert sind, dass sie aber in der Improvisation zustande kommen, wie Soli von, sagen wir, Lester Young". Bakkens Art, die Songs zu interpretieren, erinnert manchmal an Blues-Größen wie Bessie Smith, manchmal an die Brecht-Weill-Interpretin Lotte Lenya. Die Norwegerin hält nichts von Jazz-Standards und Skat-Gesang. Aber mit dem neuen Album nähert sie sich diesem Musikgenre. Und Tom Waits - das kann man annehmen - wird Bakkens Version seiner Songs mögen.

Prelistening: Rebekka Bakken - "Little Drop of Poison"

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CD:
Rebekka Bakken & hr-Big-Band: Little Drop of Poison. Emarcy Records/Universal Music; 16,99 Euro. Erscheint am 23. Mai.

Konzerte:
Rebekka Bakken mit Eivind Aarset, Gitarre, und Jan Bang, Electronics:
23.5. Hamburg, Elbjazz Festival. Karten über Elbjazz.

Rebekka Bakken sings Tom Waits mit der hr-Big-Band:
19.7. Burg Hayn, Dreieich; 20.7. Nürnberg; 25.7. Rottenburg, und weitere Termine ab 5. November. Infos: Bremme Hohensee.



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insgesamt 9 Beiträge
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klausi9 18.05.2014
1. affirmativer Mist
Ich habe mir das komplette Album nun angetan. An keiner Stelle funktioniert's. Entweder der pseudolebensfrohe öffentlich-rechtliche Bläsersound sülzt den Song derart affirmativ zu, dass einem Wetten dass wie eine revolutionäre Veranstaltung dagegen erscheint, oder, wenn ausnahmsweise das Arrangement wirklich etwas wie Authentizität hören lässt, versucht Bakken, der hörbar die Reife fehlt, die tatsächlich lebenssatte Verworfenheit von Tom Waits nachzumachen - was aber nicht gelingt. Musikalisches Kasperletheater. Von Lotte Lenya usw., wovon die SPON-Kritik hier fabuliert, keine Spur. Und jetzt gehe ich zu iTunes, kaufe mir irgendwas von Tom Waits und spüle mir erstmal die Ohren frei von diesem klebrigen Müll.
sonorian 18.05.2014
2. Langweilig
Noch so eine langweilige Vokalistin! Tom Waits wird viel interessanter von Holly Cole interpretiert - viel Spasz auf der DuTube!
freddykruger, 18.05.2014
3. Waits
Tom Waits Songs will ich von Tom Waits hören, nicht von Cole oder Bakken. Warum überhaupt? Sind die beiden so inovationslos das sie sich Songs anderer bedienen müssen?
twaddi 18.05.2014
4. Freude
Gute Songs werden durch gute Interpreten noch besser und die Songs von Waits sind sehr gut. Aber Bakkens Interpretationen sind Mist. Eine wirklich tolle Version von Broken Bicycles gibt es von der fantastischen Mathilde Santing !!!
freddykruger, 18.05.2014
5. @twaddi
ich denke hier irrst du dich ein bischen. Gute Songs von "guten" Interpreten müssen nicht zwangsläufig besser werden. Bezieht sich natürlich auf Coversongs. Ist aber auch egal. Tom Waits zu Covern geht gar nicht. Die Songs funktionieren nur mit seiner kaputen räudigen Stimme. Beim hören am besten noch ein Buch von Charles Bukowski lesen, dazu ein Tetrapack billigsten Aldi Rotwein und was noch dazu gehört. Würd ich gerne näher erläutern aber dann werd ich schon wieder von SPON zensiert. Das soll mich aber nicht davon abhalten in der version von M. Santing mal reinzuhören.
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