Vinyl-Boom in Deutschland Back in Black

Die Schallplatte boomt. Erstmals erscheint jetzt wieder eine Top 20 der meistverkauften Vinylalben in Deutschland. SPIEGEL ONLINE präsentiert sie exklusiv.

Von

Nikolaus Brade

Wer hätte gedacht, dass sich Noel Gallagher, der verdiente Recke der einstigen Brit-Pop-Helden Oasis, im Jahre 2015 noch mal als unumstrittene Nummer eins feiern lassen könnte? Aber es stimmt: Als am Montag die meistverkauften Titel in Großbritannien im ersten Quartal 2015 bekannt gegeben wurden, war Gallagher vorn - bei den Alben und den Singles. Als wären wir in den Neunzigern!

Die Erklärung ist so simpel wie entlarvend: Es geht um die Titel, die auf Vinyl am meisten verkauft wurden. In Großbritannien soll es zukünftig wöchentliche Vinyl-Charts geben. Zur Präsentation dieser neuen Hitparade für das alte Medium wurde das vergangene Quartal bilanziert (wie auch das ganze laufende Jahrzehnt). Und da zeigte sich, dass Englands Vinylkäufer in der Mehrheit auch im Sound auf Bewährtes setzen.

Dafür werden sie immer mehr, nicht nur in England, sondern auch in Deutschland. Hier hat der Bundesverband Musikindustrie für 2014 1,8 Millionen verkaufte Schallplatten registriert, so viele wie seit 1992 nicht mehr, woraus sich ein Umsatzplus von 33,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr ergibt. Der Marktanteil des Vinyls an allen Musikverkäufen sieht hingegen bescheidener aus: 2,6 Prozent.

Der Rock-Kanon dominiert

"Das ist zwar ein Wachstum in der Nische", sagt der Verbandsgeschäftsführer Florian Drücke, "dennoch ist die Dynamik bemerkenswert". Zu ausgewiesenen Vinyl-Charts hat sich die deutsche Musikindustrie zwar noch nicht durchringen können, aber "mit Blick auf den Record Store Day 2015 haben wir als Testballon eine Top-20-Bestsellerliste erstellen lassen", so Drücke.

SPIEGEL ONLINE präsentiert die Liste der meistverkauften Vinyl-Alben im ersten Quartal 2015 vorab. Auch hier dominiert der Rock-Kanon. Die Nummer eins ist das 1975 erschienene Album "Physical Graffiti" von Led Zeppelin, auch die Wiederveröffentlichung von "Led Zeppelin IV" hat es unter die besten 20 geschafft. Viermal vertreten sind Pink Floyd, nicht nur mit dem 2014 erschienenen "Endless River", sondern auch mit drei älteren Werken.

Neue Alben von altbekannten Künstlern wie Mark Knopfler, Neil Young und den Scorpions unter den Bestsellern lassen ebenfalls auf ein eher gesetztes Publikum schließen, das Schallplatten nicht erst im momentanen Boom kennengelernt hat. Ein Schwerpunkt liegt auf Rock in allen Spielarten von Metal (Blind Guardian) über Punk (Donots) bis zu Prog (Steven Wilson). Überraschender sind da schon die Platzierungen des Berliner HipHop-Duos Audio88 & Yassin oder der Jazz-Sängerin Diana Krall.

Top 20 Vinyl-Bestsellerliste

1 Led Zeppelin Physical Graffitti
2 Deichkind Niveau Weshalb Warum
3 Pink Floyd The Endless River
4 Mark Knopfler Tracker
5 Diana Krall Wallflower
6 The Prodigy The Day Is My Enemy
7 Neil Young Storytone
8 Pink Floyd Dark Side of The Moon
9 Bilderbuch Schick Schock
10 Blind Guardian Beyond The Red Mirror
11 Scorpions Return to Forever
12 Marilyn Manson The Pale Emperor
13 Led Zeppelin Led Zeppelin IV
14 Donots Karacho
15 Audio88 & Yassin Normaler Samt
16 Steven Wilson Hand.Cannot.Erase
17 Pink Floyd The Wall
18 Nirvana MTV Unplugged in New York
19 Björk Vulnicura
20 Pink Floyd Division Bell

© GfK Entertainment GmbH

Das typische Indie-Milieu, in dem das Vinyl-Comeback schon früher begann, spiegelt sich in der Liste natürlich auch wider, mit dem Album der Österreicher Bilderbuch etwa. In dieser Welt ist schon seit Längerem der Record Store Day (RSD) ein Feiertag, da es bei dessen Einführung 2007 hauptsächlich Indie-Labels waren, die mit exklusiven Veröffentlichungen die Aufmerksamkeit auf die unabhängigen Plattenläden richten wollten. Seither freuen sich die in der Mehrzahl kleinen Geschäfte am dritten Samstag im April auf einen Andrang wie sonst nur vor Weihnachten.

In Deutschland wirbt in diesem Jahr Olli Schulz dafür, am 18. April mal wieder beim Plattenhändler des Vertrauens vorbeizuschauen. Der Entertainer holt in Videos auf der deutschen RSD-Website die emotionale Keule heraus und stellt dem flüchtigen "David-Guetta-Download" den bleibenden Wert Schallplatte entgegen.

Auf der Liste der Exklusiv-Erscheinungen finden sich von Jahr zu Jahr mehr große Namen, 2015 zum Beispiel Bruce Springsteen oder a-ha, deren erster Hit "Take on Me" als Picture-Disc herauskommt - "eine tolle Pop-Single, die man aber auch beim Charityshop um die Ecke kriegen dürfte". So lästern die Macher von zwei britischen Indie-Labels, die bei dem Spektakel nicht mehr mitmachen wollen. Noch ein Beispiel? "U2 haben ihr Album schon in unser iTunes hineingeschissen, warum sollten sie nun noch die Presswerke der Welt damit verstopfen?"

Engpässe in den Presswerken

Damit sprechen Howling Owl Records und Sonic Cathedral ein Problem an - und das ausgerechnet in den Kreisen, die dem Vinyl in den schlechten Jahren die Treue gehalten hatten: Techno-Labels klagen, dass sie nicht mehr die schnellen, kleinen Auflagen für DJs pressen können wie früher. Wo es in den Nullerjahren vier Wochen dauerte, bis eine Indie-Band ihr Album aus dem Presswerk bekam, sind es nun manchmal drei, vier Monate - womöglich zu spät für den lukrativen Verkauf auf Tour.

Die Engpässe in den Presswerken werden durch die immer zahlreicheren Wiederveröffentlichungen der Major-Labels verstärkt, die ihren Katalogbestand nun zum dritten Mal (nach den Originalen auf Vinyl und den CDs in den Achtzigern und Neunzigern) wieder verkaufen wollen. Spezielle Sondereditionen, die den Sammlerwert noch steigern sollen, helfen auch nicht gerade.

Da beim Pressen von Vinyl-Schallplatten teure und seltene Maschinen, aber auch viel Handarbeit und Know-how gebraucht werden, ist nicht mit einer kurzfristigen Verbesserung der Situation zu rechen, wie der Journalist, Musiker und Labelbetreiber Thaddeus Herrmann in einem äußerst erhellenden Blogbeitrag erklärt.

Die Sonderschichten für den Record Store Day sind aber nun schon geschafft, die Plattenläden hoffen auf Unterstützung, auch wenn Labelmacher von "Schnickschnack" sprechen und Rock-Heroen den Vinyl-Boom als Mode-Erscheinung abtun. Manche glauben ja schon an die Musikkassette als Ausweg - wobei es bis zu Kassettencharts noch ein weiter Weg sein dürfte. Aber Vorsicht: Es gibt schon einen Cassette Store Day!



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Seite 1
spon-453-7coi 16.04.2015
1. Schallplatten sind sinnlicher und wertiger,
trotzdem würde ich heute nur noch eine CD/DVD-A, BRD-Sammlung aufbauen, da die Auswahl an Sondereditionen (zB die King Crimson Boxen, Klassik-Boxen, Miles Davis-Editionen und und und ...) wesentlich höher ist. Auch ist die Hardware einfach billiger, um das gleiche Klanglevel zu erreichen.Das sage ich als in den 70ern groß gewordener boring old fart mit einem fast fünfstelligem LP-Bestand und einem sehr, sehr guten, optimal eingestellten Plattenspieler. Aber natürlich: das Herausholen der schwarzen Scheibe aus der Hülle, das sorgsame Auflegen, die Knistergeräusche: all das ist pure Sinnlichkeit, die eine Silberscheibe nun mal nicht bieten kann. Klanglich haben die Silberscheiben seit den 2000er Jahren dramatisch aufgeholt. Also: weiter die alten Scheiben hören, die besser klingen, als man damals dachte und die neuen Editionen als Silberscheibe besorgen.
Here Fido 16.04.2015
2. Also ehrlich
Also ehrlich, ich kann diesen Vinyl Boom nicht verstehen. Wer meint, dass Vinyl besser klingt als CD, hat was mit den Ohren wenn nicht gar mit dem Kopf. Ich weiß noch genau wie ich die ersten CDs hörte - Klavier- und Orchestermusik und wie begeistert ich war von der Klarheit des Klangs, der Dynamik und überhaupt war eine Pause eine Pause und nicht das leise zu vernehmende Geräusch der Nadel in der Rille. Mal ganz abgesehen vom höheren Bedienkomfort, viel, viel weniger Reklamationen. Ich habe ein paar tausend LPs. Die werde ich auch behalten aber neu angeschafft wird Vinyl nicht.
Andraax 16.04.2015
3. Überleben der Platten-Labels
Im Prinzip geht es für die Platten-Labels ums Überleben in Zeiten ungebrenzter kopierbarkeit von digitalen Datenträgern - Vinyl hat halt den Kopierschutz automatisch eingebaut. Der "Boom" von Hardcopies in Vinyl und Special-Sonderitionen mit Metal/Holz/Leder Verpackung und Gimmick sind ein Ausdruck dieses Überlebenskampfes. Bin zwar auch ein eifriger Sammler solcher "Sondereditionen", aber ich frage mich schon manchmal, was ich da eigentlich bezahle - die künstlerischen Ergüsse der Musiker oder die Marketingstrategie der Labels. Inzwischen achte ich darauf, ob die besondere Hardcopy-Edition die Handschrift der Künstler trägt, oder nur nach Vermarktung aussieht. Ich denke, es wird dahin gehen, dass die Künstler ihre Arbeit holistischer Betrachten, und nicht nur bei der Musik kreativ sind, sondern auch tangible Dinge wie Graphiken und generelle Aufmachung in ihr Konzept integrieren, damit sie und die Labels die Hardcopies mit Sinn erfüllen können, und sich damit einen Markt erschaffen.
ir² 16.04.2015
4.
Die richtigen freaks, so ab 25.000 € Anlagenpreis aufwärts, haben niemals auf die digitalen Tonträger gewechselt. Nur analoge Tonträger garantieren den optimalen Hörgenuss, so die Aussage.
blurps11 16.04.2015
5.
Zitat von spon-453-7coitrotzdem würde ich heute nur noch eine CD/DVD-A, BRD-Sammlung aufbauen, da die Auswahl an Sondereditionen (zB die King Crimson Boxen, Klassik-Boxen, Miles Davis-Editionen und und und ...) wesentlich höher ist. Auch ist die Hardware einfach billiger, um das gleiche Klanglevel zu erreichen.Das sage ich als in den 70ern groß gewordener boring old fart mit einem fast fünfstelligem LP-Bestand und einem sehr, sehr guten, optimal eingestellten Plattenspieler. Aber natürlich: das Herausholen der schwarzen Scheibe aus der Hülle, das sorgsame Auflegen, die Knistergeräusche: all das ist pure Sinnlichkeit, die eine Silberscheibe nun mal nicht bieten kann. Klanglich haben die Silberscheiben seit den 2000er Jahren dramatisch aufgeholt. Also: weiter die alten Scheiben hören, die besser klingen, als man damals dachte und die neuen Editionen als Silberscheibe besorgen.
Hm, wenn ich daran denke, was in den letzten 30 Jahren so an Generationen Digitaltechnik an mir vorübergezogen ist, bezweifle ich das ehrlich gesagt. In einen Plattenspieler muss man nur einmal vernünftig investieren und hat dann ausgesorgt. Meine gut 20 Jahre alten Technics werden mich wahrscheinlich überleben.
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