Reggae-Boom Rauchschwaden gegen Babylon

Dank erfolgreicher Künstler wie Gentleman und Nosliw ist der jamaikanische Reggae-Sound auch in Deutschland zum Pop-Phänomen geworden. Während sich die Szene in Traditionalisten und Reformer spaltet, zeigt die erhitzte Debatte um homophobe Songtexte, dass sich das Genre dem Mainstream öffnet.

Von Uh-Young Kim


Traditionalist Gentleman: Etablierte originale Reggae-Praktiken
DDP

Traditionalist Gentleman: Etablierte originale Reggae-Praktiken

Der Sommer der Massenevents ist diesmal noch bunter in Köln. Zwischen den schwul-lesbischen Paradiesvögeln vom Christopher Street Day und den erwarteten Millionen junger Christen zum Papstbesuch trifft sich die Reggae-Szene beim "Summerjam" in der Domstadt. Das größte Reggae-Festival Europas feiert 2005 sein 20-jähriges Jubiläum. Über 20.000 Besucher werden an diesem Wochenende erwartet, wenn sich die Insel auf dem Fühlinger See in ein Biotop aus Rauchschwaden und Basswummern verwandelt. Nicht zuletzt wegen des "Summerjam" gilt Köln als Hauptstadt der deutschen Reggae-Szene. Eine Städtepartnerschaft zwischen Köln und Kingston, dem internationalen Reggae-Zentrum in Jamaika, ist derzeit in Planung.

Für Ingo Rheinbay vom lokalen Pow Pow Movement hat der "Summerjam" als Treffpunkt die heutige Szene mitbegründet. Neben seinem Sound System - einem der dienstältesten und international renommiertesten Reggae-DJ-Kollektive aus Deutschland - wird auch der wichtigste deutsche Reggae-Sänger Gentleman dort auftreten.

Sound Systems in jeder Stadt

Verglichen mit HipHop ist Reggae in Deutschland ein eher junges Phänomen. Erst seit Mitte der Neunziger hat sich eine Subkultur heraus gebildet, die die exotistische Rezeption als Soundtrack zu Lagerfeuerromantik und Kifferklischees überschreitet. Heute sei Reggae einfach normaler geworden, meint Gerd Gummersbach, Redakteur beim Szene-Magazin "Riddim", das sich seit 2001 der Reggae-Kultur auch in ihren historischen, sozialen und politischen Dimensionen auseinandersetzt. Sound Systems sind inzwischen in jeder Stadt zu finden. Gentleman und die Berliner Band Seeed zählen zu den erfolgreichsten einheimischen Pop-Acts überhaupt. Von Leipzig aus pflegt das Germaican Label produktive Kontakte nach Jamaika. Und viele Newcomer und Anhänger - auch ohne Rastazöpfe - machen die deutsche Szene zu einer der größten und blühendsten Europas.

Reggae-Kollektiv Seeed: Aufgewachsen mit dem Geist von HipHop

Reggae-Kollektiv Seeed: Aufgewachsen mit dem Geist von HipHop

Dabei ist Deutschland ein Spätzünder. Lange Zeit schienen die Barrieren zu hoch für den Massengebrauch, der bei Bob Marley und "Sunshine Reggae" aufhörte. Während die Musik, die in den Sechzigern als Hybrid aus karibischen Elementen und nordamerikanischem Soul entstanden war, in den U.S.A. und England von ehemaligen Exilanten überliefert wurde, mussten sich deutsche Fans alles selbst aneignen. Zudem spielt sich die musikalische Entwicklung auf 7-Inch-Singles ab, deren genrespezifische Nuancen bei Mengen von 100 neuen Titeln pro Woche schwer zu fassen sind. Rituale wie beispielsweise der Wettkampf von Sound Systems im sogenannten Sound Clash oder die Lesart von Songs als politische Kommentare erfordern oft ein Spezialwissen über die landestypischen Eigenschaften Jamaikas.

Mit dem Siegeszug der Dance Culture kamen - über den Umweg England - Reggae und seine Sprösslinge Dub und Dancehall Anfang der Neunziger in der deutschen Popkultur an. Heute liegt gerade auch im Spezialistentum der Reiz an der Reggae-Kultur. Während HipHop längst vom Mainstream einverleibt wurde, wenden sich immer mehr Kids den unbesetzten Identifikationsmöglichkeiten von Reggae zu. Herrschaftskritische Motive und die Rückbesinnung auf soziale Werte sind mittlerweile ebenso global anschlussfähig wie der treibende Offbeat und die Obsession für Bassfrequenzen, die die Inhalte verbreitet haben.

Traditionalisten gegen Reformer

Musikalisch koexistieren zwei Künstlergenerationen in Deutschland. Die Veteranen der Szene stehen für eine Eins-zu-Eins-Übertragung von Reggae auf hiesige Verhältnisse. Seit 15 Jahren betreibt das Pow Pow Movement als Kollektiv aus DJs, MCs und Produzenten die Etablierung originaler Reggaepraktiken in Europa. Bei den Partys von Pow Pow hat der Aufstieg von Tillmann Otto zum größten deutschen Reggae-Star begonnen. Als Gentleman singt Otto auf Patois, der jamaikanischen Sprache, und nimmt seine Musik in Kingston auf.

Wieviel Potenzial in der Hingabe zur Authentizität liegt, hat 2004 sein drittes Album bewiesen. Mitten in der leidigen Diskussion um die deutsche Popquote schoss "Confidence" - als erstes Reggae-Album überhaupt - aus dem Stand an die Spitze der Charts. In Jamaika laufen die Stücke des Sängers seit seinem Debüt von 1999 ebenfalls im Radio. Durch seine jüngste Kooperation mit dem türkischen Popstar Mustafa Sandal hat Gentleman darüberhinaus die völkerverbindende Qualität von Reggae auch für die entgegengesetzte Himmelsrichtung unter Beweis gestellt.

Newcomer Nosliw: Weniger Berührungsängste

Newcomer Nosliw: Weniger Berührungsängste

Parallel zum Erfolg der originalgetreuen Veteranen wächst eine neue Generation heran, die vielleicht nicht alle Klassiker kennt, aber mit dem offenen Geist von HipHop aufgewachsen ist. Statt eines um Authentizität bemühten Transfers begibt sie sich mit Ausnahmekünstlern wie dem Neo-Folk-Singer/Songwriter Patrice auf die Suche nach einer eigenen Identität. Eric Wilson, der sich Nosliw nennt, zählt zu den talentiertesten unter ihnen: "Die neue Generation hat weniger Berührungsängste. Inhaltlich gehen wir neue Wege, indem wir deutschsprachige Texte haben und regionale Themen einbinden. Ich kämpfe nicht nur gegen Babylon, ich kämpfe auch gegen den Staat." In dem Song "Es ist an der Zeit" nimmt Wilson, der auch Teil der Antirassismus-Initiative Brothers Keepers ist, Bezug auf ausländerfeindliche Vorurteile und torpediert das mangelhafte Bildungssystem.

Auffällig politisch korrekt

Dass sich auf dem langen Weg von Reggae über den Atlantik Missverständnisse und Konflikte ergeben, ist Wilson bewusst. Einer authentischen Adaption steht er deshalb skeptisch gegenüber. So äußert er sich - wie auch der Großteil der Szene - kritisch zu den vielfach gescholtenenen homophoben Tendenzen des Genres: "Reggae-Sänger können nicht behaupten, wir seien alle gleich, um dann Homosexuelle zu verdammen."

Die Debatte um Homophobie im Reggae ist vor einem Jahr entbrannt. Schwulen- und Lesbenverbände liefen gegen schwulenfeindliche Äußerungen von jamaikanischen Sängern Sturm, die auf dem "Summerjam" aufgetreten waren. Inmitten der von Unwissenheit geprägten Diskussion über das komplexe Thema meldete sich der britische Kulturwissenschaftler Paul Gilroy im Interview mit "Riddim" weniger aufgeregt als Aktivisten und Politiker zu Wort: "Wenn Jamaikaner ihre Musik im Multikulti-Geschäft verkaufen wollen, dann müssen sie sich nach bestimmten Spielregeln richten. Und wenn diese Regeln sagen: keine Homophobie, dann müssen sie damit umgehen." Gleichzeitig warnt er vor Einschränkungen der Meinungsfreiheit: "Ich glaube nicht, dass irgend jemand, einschließlich der Schwulenbewegung, von weiteren Beschränkungen profitiert."

Dieses Jahr ist das Programm des "Summerjam" auffällig politisch korrekt ausgefallen. Einzig der jamaikanische Sänger Sizzla hätte für Kontroversen sorgen können. Vor einer Woche musste dieser aber seinen Auftritt absagen, da französische Homosexuellenverbände seine Europa-Tour verhindert haben. Der Stimmung auf dem Festival wird das keinen Abbruch tun. Neben jamaikanischen Urgesteinen setzen die Veranstalter voll auf die einheimischen Stars: Seeed und Gentleman sind als Headliner gesetzt.



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