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Dancehall-Kollektiv Seeed: Rumpfschütteln statt Rumlabern

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Die Dancehall-Caballeros sind wieder da. Nach dem Soloerfolg von Sänger Peter Fox ist das Reggae-Kollektiv Seeed wieder vereint. Gesellschaftspolitische Statements vermeiden die Berliner auf ihrer neuen Platte. Warum eigentlich?

Seeed: Comeback der Dancehall-Caballeros Fotos
Warner Music

"Willste noch'n Kaffee?" Na klar. "Jut, ick mach mal noch einen. Mit Milch?" Sicher. "Musste aber Zucker reinmachen, dit is Sojamilch, schmeckt sonst nicht." Im Kreuzberger Hauptquartier von Seeed, fußläufig vom Görlitzer Bahnhof erreichbar, herrscht sehr entspannte Stimmung. Der eine schnippelt sich eine Mango, der andere sucht im Kühlschrank nach den Erdbeeren, die er zu seinem heißen Hirsebrei verzehren will. "Magste probieren"? Nee, danke.

Dabei sollte eigentlich Stress herrschen: Proben stehen an, in wenigen Tagen erscheint die neue CD der Band, ein paar wenige Interviews werden auch noch gegeben. Elf Musiker rüsten sich für das Comeback eines der erfolgreichsten deutschen Pop-Acts der Nullerjahre. Wie populär die Band ist, lässt sich allein daran ablesen, dass der Videoclip zur neuen Single "Beautiful" kürzlich vor der "Tagesschau" in der ARD Premiere feierte. Staatstragend könnte man das nennen.

Mit Songs wie "Dickes B" oder "Aufstehn'" und aufwendigen Live-Shows eroberten Seeed ab 2001 zunächst ihre Berliner Heimat. Spätestens mit ihrem Sieg bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest (mit der Single "Ding" im Jahr 2006) waren die elf Musiker mit ihrem schwingenden Reggae-Sound auch im Mainstream angekommen. Ausgerechnet auf der Höhe ihres Erfolgs verordnete sich die Band eine Pause. Um durchzuschnaufen. Und um den drei Sängern, Peter Fox, Demba Nabé und Frank Dellé, die Gelegenheit zu geben, ihren geplanten Soloprojekten nachzugehen. Pierre Baigorry alias Peter Fox wurde mit seinem Album "Stadtaffe", 2008 erschienen, sogar noch populärer als Seeed, gewann vier Echos und illustrierte mit Songs wie "Alles neu" und "Haus am See" ein irgendwie leichteres deutsches Lebensgefühl.

2009 kündigte Baigorry jedoch an, seine Solokarriere gleich wieder zu beenden, weil ihm der Rummel um seine Person zu groß geworden sei. Der Weg für ein neues Seeed-Album schien frei. Doch wie weitermachen? Und mit welchem Sound, welcher Message? Müsste man den Auftrag, Klassensprecher einer ganzen Pop-Generation zu sein, nicht annehmen, Verantwortung übernehmen? "Eigentlich war klar, wir machen weiter, aber dann haben wir doch erst mal mit nicht ganz so viel Druck weitergemacht", sagt Baigorry. "Es gab immer wieder Pausen, wir mussten uns rantasten."

Der Erfolg von Peter Fox habe kaum Spuren hinterlassen, sagen Seeed, und doch war es ihnen wichtig, dass Baigorry kein Interview alleine gibt. Es sollte mindestens einer aus der Band dabei sein. Und den Artikel möchte man doch bitte nicht mit einem Bild aus Pierres Solozeit aufmachen. "Wir haben halt schon die Erfahrung gemacht, dass Artikel aufgemacht werden mit 'Peter Fox' neue Band'. Uns gibt es ja aber schon viel länger, und es soll jetzt um Seeed gehen, nicht um mich", sagt der Sänger.

Aber natürlich geht es zwangsläufig um ihn, vor allem, wenn einer dann doch mal sagen muss, wie sich die Band anhören soll. Regelmäßig trifft man sich in voller Mannstärke zu Debattenrunden. Es herrscht Basisdemokratie bei Seeed, wenn es um Plakatmotive, Merchandise-Artikel oder Artwork geht. Musikalisch jedoch hatte Baigorry von jeher großen Einfluss, da er die Alben der Band zumeist auch produzierte. Dennoch haben Seeed ein ähnliches Problem wie die Piratenpartei: Alle sind gleichberechtigt, aber was passiert, wenn einer den Kopf herausstreckt und sagt, wo es langgehen soll?

"So lange es geht, sind wir ein demokratisches Unternehmen", sagt Saxofonist Moritz "Mo" Delgado. "Aber wenn wir in eine Situation kommen, in der es musikalisch stockt, dann sagt Pierre, wo es langgeht. Ich habe das Gefühl, dass das jetzt, mehr als noch beim letzten Album, von allen erwünscht ist. Es leiden ja auch alle drunter, wenn fünf Meinungen im Raum stehen und man einfach nicht weiterkommt."

Diskussionen gab es darüber, ob man nicht mal ein rein deutschsprachiges Album machen sollte. Delgado sagt, er hätte das "echter" gefunden. Baigorry windet sich. Die Vielzahl von Einflüssen mit drei Sängern, von denen zwei Englisch singen, das sei ja auch ein Alleinstellungsmerkmal von Seeed. "Wenn eine andere Band das machen würde, würde ich wahrscheinlich auch sagen: Ey, entscheidet euch mal." Für ihn, so Baigorry, sei dieses Alles-muss-möglich-sein manchmal auch problematisch.

Baigorry: "Immer dieses Gemecker, das hasse ich"

Ein bisschen weltoffener, ein wenig internationaler, breitwandiger klingen Seeed nun auf ihrem vierten Album, das am Freitag erscheint. Die Single "Beautiful" überrascht mit Big-Band-Feeling, schnelle Songs wie "Waste My Time" oder "Augenbling" pflegen den sich ranschmeißenden Weltmusik-Pop, der die Band berühmt gemacht hat. Im Grunde ist alles wie immer, der deepe Bass, der gutmütige Rumpfschüttler-Beat: Es geht um Liebe und das Leben, besonders das schöne. Man guckt den Mädchen hinterher, wiegt sich im Reggae-Takt und freut sich, wenn die Sonne scheint. Politik, Euro-Krise oder einfach nur die bandinternen Debatten über Ausrichtung und Identität? Davon ist kaum etwas zu hören in der auf Hochglanz polierten Musik. Das ist schade, vielleicht aber auch konsequent.

Nur ein Song, das von Baigorry geschriebene Stück "Deine Zeit", beschäftigt sich mit einem gesellschaftlichen Dilemma, die allen, die wie Seeed auch um die Vierzig sind, bekannt vorkommen dürfte: "Die Nachrichten sind schlecht, du schießt dich weg/ Wartest ab, bis irgendwas passiert, erwartest, dass der Messias kommt/ Doch diese Zeit/ Ist deine Zeit/ Du meinst, du bist noch nicht so weit/ Doch jeder Tag/ Ruft deinen Namen/ Du weiß, du hast keine Wahl", heißt es darin.

"Das Lied ist entstanden, um mir selber in den Arsch zu treten", sagt Baigorry. "Das war ein Thema, über das ich mir einige Gedanken gemacht habe: Was könnte ich jetzt mit der Popularität anfangen? Er hasse "dieses Schimpfen über Politiker, weil ich immer denke: Mach's doch selbst. Dann bewirb dich doch mal, geh doch auf die Bezirksversammlung und erheb deine Stimme. Aber immer dieses Gemecker, das hasse ich, da kriege ich die Krätze." In dem Stück gehe es darum, "dass wir nun mal gerade am Ruder sind, unsere Generation. Und wenn uns was nicht passt, dann müssen wir es ändern, genau wir. Der Messias, der kommt nämlich nicht."

Die Band halte sich aus den Texten weitgehend heraus, sagt Delgado, es sei denn, etwas sei grundlegend "unsympathisch", was in der Band-Historie nur ein einziges Mal vorgekommen sein soll. Baigorry aber tut sich auch alleine schwer genug damit, die richtige Balance zwischen Dancehall-Spaß und wahrgenommener Popstar-Verantwortung zu finden: "Politische Songs zu machen, die mich einerseits emotional berühren und dann auch noch eine Message haben, die mehr als reine Poesie ist, davor ziehe ich den Hut", erklärt er. "Aber ich finde das echt schwer, deshalb gibt es auch dieses Statement von uns, dass über Ärsche zu singen ein dankbareres Thema ist als die Bankenkrise. Das ist ein Thema für eine Talkshow, für Konferenzen oder für die Nachrichten, aber nicht für einen Drei-Minuten-Song."

Entweder Aktivist oder Künstler

Er selbst habe im Zuge seiner Solokarriere beschlossen, dass er die Zerreißprobe zwischen Musiker und Aktivist für sich persönlich nicht hinbekommt: "Einerseits das coole Musikerleben, dann aber auch die Familie und ab und zu mal ein politisches Statement über Twitter, damit bewirkt man nicht viel, glaube ich. Entweder du wirst Aktivist und suchst die Öffentlichkeit, oder du bist der Künstler, der für seine Kunst geliebt wird und sich einigermaßen rar macht - beides geht nicht wirklich gut zusammen."

Das Problem sei, so der Sänger, dass gerade Menschen, die politische Inhalte überzeugend vermitteln könnten, in Deutschland vom Politikbetrieb abgeschreckt würden: "Ich hätte ja auch keine Lust. Allein diese Meetings, die wir als Seeed ständig haben, sind schon irre anstrengend. Da kann ich mir schon vorstellen, was das für ein Hickhack ist, wenn zum Beispiel Die Grünen versuchen, etwas Neues zu beschließen." Deshalb sei er auch vorsichtig damit zu sagen, "die Merkel, die fetzt nicht. So weit musst du erst mal kommen - auch wenn etwas mehr Visionäres schon rüberkommen könnte."

Die Ehrlichkeit und das beständige Grübeln, ob man's wirklich machen oder doch lieber sein lassen soll, all das macht Baigorry und seine Kollegen wohl tatsächlich zu archetypischen Vertretern der aufgeklärten, ökologisch bewussten deutschen Bürgerschicht, die weiß, dass sie sich engagieren sollte, aber sich dann doch im Privaten verstrickt. Sympathisch ist, dass sie keinen Hehl daraus machen, zur Generation Abwarten zu gehören. Am Kreuzberger Küchentisch wird debattiert, aber auf der Bühne wird gerockt. Staatstragend? Scheiß drauf.

Und an diesem warmen, sonnigen Berliner Spätsommervormittag mit Hirsebrei, Erdbeeren und Sojamilch im Kaffee, ist das schon ok.

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1.
dieterdax 30.09.2012
Zitat von sysopWarner MusicDie Dancehall-Caballeros sind wieder da. Nach dem Solo-Erfolg von Sänger Peter Fox ist das Reggae-Kollektiv Seeed wieder vereint. Gesellschaftspolitische Statements vermeiden die Berliner auf ihrer neuen Platte. Warum eigentlich? http://www.spiegel.de/kultur/musik/reggae-kollektiv-seeed-comeback-der-dancehall-caballeros-a-858480.html
Beware, die hat nun wirklich niemand vermisst. Kann mich noch allzu gut erinnern, wie plötzlich jeder zweite Studi angefangen hat sich für "cool & tight" zu halten, weil er mit Peter Fuxens Brachialgehämmer auf seinen 80Euro Creative Boxen den (ungeschliffenen) Parkettboden zum vibrieren brachte. Braucht imo keiner, dann schon lieber Weltmusik, da wird auch getrommelt.
2. Don't Fuck
JollyJumper 30.09.2012
Aus welcher Stadt/Region kommst Du, Dieter? Wie wuerde es Dir gefallen, wenn jemand Eure Hauptkapelle als obsolet und bloed hinstellen wuerde? Seeed ist kein Studentenfutter !
3. ach neee
tobiasberlin 30.09.2012
Mittlerweile finde ich die beteiligten Protagonisten nur noch peinlich, besonders den Herrn Baigorry: 2008 gewann er als "Peter Fox" den BundesvisionSongContest, und als erster und einziger bisheriger Gewinner war er sich zu schade, im Folgejahr (immerhin hatte er die Austragung nach Berlin geholt) seinen Sieger-Titel zu wiederholen, da hatte er nämlich schon seine Solo-Karriere beendet und sein Alter Ego beerdigt. Nun, 2012, hat er keinerlei Skrupe, auf eben dieser Veranstaltung wieder aufzutreten, diesmal mit den Seeed-Kollegen und um ihr erbärmliches Liedchen zu promoten. Jämmerlich!
4. Gut
plattenboss 30.09.2012
Gut das sie wieder da sind. Erneut ein echtes highlight im Bereich Sound und Arrangement. Da verzeihe ich sogar die unsägliche Coverversion von Black.
5.
ehf 30.09.2012
---Zitat--- Gesellschaftspolitische Statements vermeiden die Berliner auf ihrer neuen Platte. Warum eigentlich? ---Zitatende--- Weil es von solchen gelackten Bionadeyuppies lächerlich wäre einen auf "sozial" zu machen?
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