Amtlich

Amtlich Die wichtigsten Metal-Alben des Monats

Von und Jan Wigger

2. Teil: Hier gibt's mehr: Wahn mit Running Wild, Großes von Castle


Running Wild - "Shadowmaker"
(Steamhammer/ SPV)

Außer einem wahrhaftig legendär langweiligen "Making Of" befindet sich auf der "Shadowmaker"-Bonus-DVD noch ein tristes Amateurfilmchen, in dem Rolf Kasparek (Millionen Asiaten und mindestens zehn Malern und Lackierern aus Bottrop-Kirchhellen leider unter dem nom de plume Rock'n'Rolf bekannt) mit sich selbst redet. Kaspareks berühmter Garten wird derweil von seiner jungen Haushälterin und Friseurin Edward Scissorboobs gepflegt, das Wasser des kleinen Teichs mit den japanischen Zierfischen ist klar wie ein Bergkristall und funkelt einsam in der Mittagssonne. Außer Kasparek ist nur Drumcomputer Angelo Sasso im Raum, ein stiller und äußerst genügsamer Weggefährte, der Rock'n'Rolf in all den Jahren noch nie um ein Entgelt, ja nicht einmal um eine warme Mahlzeit gebeten hat. Kasparek, der mir, als Running-Wild-Fan der allerersten Stunde, extra eine unterschriebene Postkarte in die CD-Sendung der Plattenfirma schmuggelte, ist von seinen jüngsten Kompositionen begeistert: "Coole Nummer", "sehr gelungener Song", "ein Song, der zum Mitgröhlen animieren soll", "ein Muss für jede Party", "unglaublich gute Hookline, sehr gelungener Refrain, geile Nummer!", "sehr stampfiger Song, sehr groovend, drückt unheimlich", "wieder einer meiner Favoriten" usw. usf. Aber auch: "Übrigens gibt es keinen Song auf diesem Album, keinen einzigen, an dem ich länger als eine halbe Stunde geschrieben hab'." Say whaaat?

Running-Wild-Chef Rolf Kasparek, bekannt unter dem  nom de plume  Rock'n'Rolf
Steamhammer/ Mirjam Otto

Running-Wild-Chef Rolf Kasparek, bekannt unter dem nom de plume Rock'n'Rolf

Allein schon der Text des De-Höhner-mäßigen Partykrachers "Me & The Boys" bewegt sich doch mindestens auf Joni-Mitchell-Niveau, also da muss Rolfe doch mindestens mehrere Jahre dran gesessen haben! "Time is right, get on the line, just go nuts now/ Stand in pride, take on the night, be wild and free/ Kick the beat, bring on the heat, rock you somehow/ Sing along with our favourite song for the world to see/ Just another night, we are running wild/ Me & the boys, we love that noise/ Me & the boys, we are going crazy/ Me & the boys, we make that noise/ Cause Rock'n Roll is our choice".

Erkennen Sie die sechs verschiedenen Erzählebenen und den augenzwinkernden Verweis auf Dylans "Desolation Row"? Musikalisch ist "Shadowmaker" bedauerlicherweise ein anderer Schnack: "Into The Black" und "Sailing Fire" hätten selbst auf "The Brotherhood" zu den Stinkern gezählt, "Me & The Boys" geht nur, wenn ich besoffen bin, und "Dracula" kann man zumindest bedauernswerten Besitzern sämtlicher X-Wild-Platten als amtlichen Hardrock "aus deutschen Landen" (hihi) unterschieben. Sehr, sehr geil dagegen: Rolfs lilafarbene Frottee-Trainingsjacke. Sicher noch so'n Ding, über das der alte Schnapphahn "aus Erfahrung" nicht mehr redet. (Gesamtwertung 5,5) Jan Wigger

Anspruch: Es allen Zweiflern, die über Freibeuter-Mummenschanz und Aggression im Alter schon vor drölfzehn Jahren nur noch gelacht haben, noch einmal zu zeigen. Note to self: Das wollte Otto Rehhagel auch. (4,5)

Artwork: Darth Vader als Playmobilfigur. Zum Kotzen. (0)

Aussehen: Der Mann, der dir morgens um halb 11 in der Frittenbude immer deine Pommes Schranke brutzelt und Ed-von-Schleck-Eis verschenkt, sich aber viel lieber über Modelleisenbahnen unterhalten würde. Ja genau, das ist Rock'n'Rolf. (7)

Aussagen: "Smoke and fire, run that pyre/ Steam and thunder gonna roll you under/ Rage and fury gonna spell its name/ Locomotive.". Anmerkung 1: Kommt nach "fire" nicht "desire"? Anmerkung 2: Die Deutsche Bahn ist eh immer verspätet, aber wenn Sie Ihr in diesem Monat neuntes Vorstellungsgespräch als Raumpfleger wegen uns verpassen sollten, erhalten Sie gratis "Rheingold" von Grave Digger und einen Gutschein für ein 0,1-Liter-Glas Rotkäppchen Sekt. (6,5) Jan Wigger

Castle - "Blacklands"
(Van Records, erscheint am 28. April)

Gute Nachrichten für Romantiker: Wir haben ein neues Metal-Traumpaar! Nach den zumindest kurzzeitig gesanglich vereinten Udo und Doro, nach Kiske und Hansen, dieser unzerbrechlichen Männer-Hassliebe, verzücken jetzt Elizabeth Blackwell und Mat Davis die Gemüter all jener, deren Herzen nicht vollends geschwärzt sind vom teuflischen Dunkel unserer Tage. Wobei: Unsere Seelen verrußen, genau das wollen Castle ja.

So heißt die US-Band, bei der besagtes Ehepaar Blackwell/Davis sein Klangwerk verrichtet, einen Drummer haben sie noch mit im Familienbetrieb. Das Trio greift vordergründig zu den Stilmitteln du jour, was bedeutet: hier eine Prise Satanismus, etwas Okkultes dort. Zu den Vorreitern der neuen Teufelswelle gehören ja nun bekanntlich The Devil's Blood. Und wem die gehypten Holländer mit ihrer Frontdiva Farida nun eine Spur zu operettenhaft sind, wer die filigranen Gitarrengirlanden nicht zu schätzen weiß, wer aber findet, dass den Frauen in unserem Land endlich mehr Macht zusteht und sie daher gern in vorderster Reihe Verantwortung übernehmen sieht, zum Beispiel am Bühnerand mit einem Mikro in der Hand, der kann mit Castle schöne und gesellschaftspolitisch wertvolle Stunden verbringen. Das ebenfalls beim TDB-Label Van Records unter Vertrag stehende Trio spielt - wie soll ich's sagen? - einen auf diese Art bisher ungehörten Uptempo-Doom-Metal mit Psychedelia-Einschlag, der sich mit eher geringer Riff-Variabilität, aber eher hoher Riff-Intensität in einem elegant mäandernen Strom unwiderstehlich nach vorne schiebt, angetrieben von dem tiefen, strengen und sehr weiblichen Organ der erwähnten Elizabeth Blackwell.

Bereits das Debüt "In Witch Order" gehörte, außer der Erkenntnis, dass auch Guido Westerwelles Karriere sterblich ist, zu den erfreulichen Überraschungen des Vorjahres. Das neue Album übertrifft den Vorgänger nun, selbst wenn es nicht ganz so ausgereift klingt wie erhofft. Songs wie "Corpse Candles", "Venus Pentagram", "Alcatraz" sind großartig, und der Opener "Ever Hunter" zählt zu den besten Stücken, die zu hören mir dieses Frühjahr vergönnt war. Ärgerlich ist allerdings: Ab und an bölkt Elizabeths Gatte Mat ins Mikro, was der Musik eine überflüssige Portion Männlichkeit verleiht, und zwar im Sinne einer Ich-kratz-mir-die-Eier-und-starr-hirnlos-vor-mich-hin-Bräsigkeit, die diesem kleinen Kunstwerk bisweilen den, nun ja, Zauber raubt. Blöder Macho. (Gesamtwertung: 8,5) Thorsten Dörting

Anspruch: Wenn ich jetzt irgendetwas von wegen "heiße Hexe" schreibe, gehört das erstens nicht in diese Unterrubrik und kostet mich das zweitens 6,66 Euro für die ressortinterne Machokasse. Also lasse ich das lieber. (0)

Artwork: Könnte in der Kunsthalle Emden in der Rubrik "Ölgemälde friesischer Meister aus dem 17. Jahrhundert" hängen, ich würd's nicht merken. Irgendeine irre, halbnackte Bauernmagd, die vermutlich was mit einem Ziegenbock hat. Kommt ganz gut. (8)

Aussehen: Ich fürchte mich vor den schwarzen Augen von Elizabeth. Ganz im Ernst. Wer sich mitfürchten will: Video oben gucken. Ausheulen dann aber nicht bei mir! (9)

Aussagen: Ozzy ist 'ne Pussy. Miss Blackwell duldet da keinen Widerspruch, sonst wird sie sehr ungemütlich. (8,5) Thorsten Dörting

Alle bisherigen "Amtlich"-Kolumnen finden Sie hier. Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)



Forum - Amtlich - und Ihre Meinung zum Metal?
insgesamt 517 Beiträge
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Seite 1
Kuechenchef, 05.05.2011
1.
Tides from Nebula habe ich neulich live gesehen, es scheinen recht nette, unprätentiöse Zeitgenossen zu sein. Der musikalische Eindruck war obendrein exzellent. Was aber letztlich nichts daran ändert: postrock ist ja doch irgendwie nur eine Krücke für manche erwachsene Männer, die zwar einerseits auf Pomp, Bombast und Pathos nicht immer verzichten mögen, deren Fremdschämtoleranzgrenze (womöglich verschoben im Laufe der Jahre) aber andererseits deutlich zu hoch angesiedelt ist, um "Gesang" und/oder "Texte" klassischer Metal-Kapellen noch ertragen zu können. Blood Ceremony ist ganz ok, Black Mountain ist mir aber lieber, denn da wird weitesgehend auf Flöten verzichtet. FLÖTEN. Vielleicht das Heavy Metal-Instrument schlechthin, denn zumindest für meine Ohren klingen sie, als kämen sie direkt aus der Hölle. Warum Iren mit verzerrten Gitarren jammern und nölen dürfen, die ohne aber nicht, erschließt sich mir abschließend irgendwie aber trotzdem oder gerade deshalb rein gar nicht.
Volker Paul, 06.05.2011
2.
Zitat von KuechenchefTides from Nebula habe ich neulich live gesehen, es scheinen recht nette, unprätentiöse Zeitgenossen zu sein. Der musikalische Eindruck war obendrein exzellent. Was aber letztlich nichts daran ändert: postrock ist ja doch irgendwie nur eine Krücke für manche erwachsene Männer, die zwar einerseits auf Pomp, Bombast und Pathos nicht immer verzichten mögen, deren Fremdschämtoleranzgrenze (womöglich verschoben im Laufe der Jahre) aber andererseits deutlich zu hoch angesiedelt ist, um "Gesang" und/oder "Texte" klassischer Metal-Kapellen noch ertragen zu können. Blood Ceremony ist ganz ok, Black Mountain ist mir aber lieber, denn da wird weitesgehend auf Flöten verzichtet. FLÖTEN. Vielleicht das Heavy Metal-Instrument schlechthin, denn zumindest für meine Ohren klingen sie, als kämen sie direkt aus der Hölle. Warum Iren mit verzerrten Gitarren jammern und nölen dürfen, die ohne aber nicht, erschließt sich mir abschließend irgendwie aber trotzdem oder gerade deshalb rein gar nicht.
Herr jeh ... fein, fein. Aber die Pentagram-Scheibe finde ich trotzdem gut.
Shiraz, 23.05.2011
3. Frei ohne Titel
Zitat von sysopJan Wigger und Thorsten Dörting besprechen in der neuen Kolumne "Amtlich" aktuelle Metal-Alben - jeden ersten Donnerstag im Monat. Ihre Meinung? Welches sind besten neuen Metal-Werke?
Ich habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
marks & spencer 23.05.2011
4. re
Zitat von ShirazIch habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
Dann bleiben Sie doch lieber bei Ihren Schlagern.
kingofmetal 24.05.2011
5. Nix Versteh
Zitat von ShirazIch habe nie verstanden, warum Metal manchmal in der Kategorie Musik erscheint. Halte das für ein Missverständnis. Eigentlich ist es nur Lärm, vergleichbar einem Presslufthammer oder einem startenden Flugzeug.
Gut, dass Sie zugeben, keine Ahnung zu haben. Metal ist nämlich viel lauter... :-)
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