Von Thorsten Dörting und Jan Wigger
Accept - "Stalingrad"
(Nuclear Blast, erscheint am 6. April)
1. Das 13. Studioalbum von Accept erscheint am 6. April 2012. Bis aufs ergraute Haar genau an jenem Tag feiert die deutsche Reibeisen-Bank Udo Dirkschneider ihren 60. Geburtstag (Herzlichen Glückwunsch, ernsthaft jetzt). Ist das Zufall? Oder ein bösartiges Geschenk der ehemaligen Band-Kollegen an ihren entsorgten Ex-Sänger?
2. Dem Schrei der berüchtigten Stalinorgel (offizieller Name: Katjuscha) steht dem Schrei des "Stalingrad"-Organs (offizieller Name: Mark Tornillo) in nichts nach. Das Tornillo-Modell erweist sich übrigens - erneut - als flexibler einsetzbar als das im Jahr 1986 ausgesonderte (siehe Punkt 2).
3. "Hunde, wollt ihr ewig leben?", Part one. Ja, es scheint so. Accept haben mit "Stalingrad" ein Album aufgenommen, das 41 Jahre nach Gründung der Band so frisch und jung klingt, als sei die Zeit angehalten worden - und zwar zur Hochphase in den frühen Achtzigern.
4. "Hunde, wollt ihr ewig leben?", Part two. Der Mann,der in der gleichnamigen Verfilmung eines Stalingrad-Romans als General die Strategie vorgibt, ist der Schauspieler Paul Hoffmann. Der Mann, der auf "Stalingrad" als Gitarrist die Strategie vorgibt, ist der Musiker Wolf Hoffmann. Bitte nicht verwechseln.
5. Der Mann, der das absolut hörenswerte Hörbuch zu Theodor Plieviers Romanklassiker "Stalingrad" zum Erlebnis macht, ist wiederum Paul Hoffmann. Der Mann, der das absolut hörenswerte Album "Stalingrad" von Accept zum Erlebnis macht, ist wiederum Wolf Hoffmann. Noch einmal: Bitte nicht verwechseln.
6. Dem musikalischen Triumph auf "Stalingrad" ging "Teutonic Terror" voraus. Der militärischen Niederlage in Stalingrad furchtbarerweise ebenfalls.
7. Die Durststrecken in Stalingrad waren weitaus übler, als es die auf "Stalingrad" sind. Doch auch hier gibt es sie. Beispiele: "Hung Drawn and Quartered", "Against The World".
8. Triumphlieder: das hymnische "Stalingrad", das leicht melancholische "Shadow Soldiers", das stampfende Epos "The Galley".
9. Die Kesselschlacht von Stalingrad hat der deutsche Feldherr Friedrich Paulus verloren. Die Kesselschlacht auf "Stalingrad" hat der deutsche Felleherr Stefan Schwarzmann gewonnen.
10. Für Hobbyhistoriker: Die mit den typischen, von klassischer Musik inspirierten Hoffmann-Harmonien leichthändig gegniedelte Gitarrenversion der sowjetischen Nationalhymne, die den Höhepunkt des Titelsongs "Stalingrad" markiert, ist ein Anachronismus. Denn die Sowjetunion bestimmte diese Melodie erst am 1. Januar 1944 zu ihrer offiziellen Hymne - also fast ein Jahr nach dem Sieg von Stalingrad.
11. Die Lyrics von Accept sind schon fast traditionell meist pathetisch bis peinlich. Vor allem bei politisch-historischen Themen.
12. Die Lyrics von Accept sind nicht so pathetisch und peinlich wie die von Günter Grass. Vor allem bei politisch-historischen Themen.
13. Der sehr typisch deutsche Metal auf "Stalingrad" ist genau wie die sehr typisch deutsche Debatte über Günter Grass ein Wiedergänger der achtziger Jahre im leicht neuen Gewand - etwa so wie ein VW Golf halt immer ein VW Golf bleibt, egal ob Modell VI oder I draufsteht. Aber er macht Spaß. Ich meine den Metal, nicht Grass oder Golf.
14. "Dort vorn ist die Hölle los. So etwas habe ich noch nicht erlebt. Und ich bin von Anfang an dabei." Mit diesen Worten wird sich der langjährige Metaller Wolfgang Adam aus Eichen in Hessen später an den Moment erinnern, als er "Stalingrad" erstmals live erlebte.
15. "Dort vorn ist die Hölle los. So etwas habe ich noch nicht erlebt. Und ich bin von Anfang an dabei." Mit diesen Worten wird sich der langjährige Militarist Wilhelm Adam aus Eichen in Hessen später an den Moment erinnern, als er Stalingrad erstmals live erlebte.
16. "Kein Weg ist zu weit, kein Opfer zu groß..." Auszug aus einer möglichen Weihnachtsansprache eines anonymen deutschen Hauptmanns an seine Truppe im Kessel von Stalingrad am 24. Dezember 1942.
17. "Kein Weg ist zu weit, kein Opfer zu groß..." Auszug aus der tatsächlichen Pressemitteilung des Accept-Labels Nuclear Blast zur Veröffentlichung von "Stalingrad" am 6. April 2012.
18. "Stalingrad" und Stalingrad sind zwei Ereignisse, die - in einem größeren historischen Kontext betracht - dieselbe Lektion erteilen: Einen genialen Briten zum Freund zu haben (Produzent Andy Sneap), ist besser, als einen genialen Briten zum Feind zu haben (Politiker Winston Churchill).
19. Das Urteil der Historiker zu Stalingrad? Der erwartbare Untergang des "Dritten Reichs" ist endgültig besiegelt.
20. Das Urteil des Kritikers zu "Stalingrad"? Der überraschende Höhenflug der dritten Wiedervereinigung-Phase der Band hält an. (Gesamtwertung: 8 Punkte) Thorsten Dörting
Anspruch: Zwischen den Generationen vermitteln. Löblich! (9)
Artwork: Rot wie Blut, rot wie die sowjetische Fahne und rot wie der Kopf von Udo, als er hörte, dass seine derzeit wesentlich erfolgreicheren Ex-Bandkollegen ihr neues Album ausgerechnet an seinem 60. Geburtstag herausbringen (siehe oben). Und leider auch so rot wie das Vorgänger-Album. Mal eben die Hand vom "Blood Of The Nations"-Cover weggephotoshoppt, das Geld für den Layouter gespart und dafür Stinkbomben gekauft, um sie in Udo Tourbus zu schmuggeln? Schlingel. So nicht! (5)
Aussehen: Man kann als Mann in diesem Alter auch enden wie Klaus Meine. (8)
Aussage: Sis is tru teutonick stiehl! (8) Thorsten Dörting
Einzig ein stadtbekannter Indie-Rock-Promoter hielt die Platte fälschlicherweise für ein Lebenszeichen von Jutta Weinhold, was er aber zurücknähme, würde er genau in diesem Moment ein aktuelles Foto der Mainzer "Rock-Röhre" ("Black Bone Song", "Ticket nach Memphis", der ZDF-"Fernsehgarten", sie wissen schon) in Händen halten. Christian Mistress (Amerikaner, Bundesstaat Washington) klingen nach: NWOBHM, Dezember 1981 bis September 1982, alten Judas Priest, Iron-Maiden-Twin-Guitars, Seventies-Sumpf-Rock, Saviours, Punk'n Dreck'n Blues und nicht zuletzt nach einer Gesamtattitüde, die heute nur noch ein paar wenige, tapfere Fackelträger des wahren, guten, schönen (und also analogen) Sounds von damals in die verfickte Scheißwelt von heute hinauszutragen imstande sind. Höhepunkt: Der mindestens vierteilige Wahnsinn "There Is Nowhere", der als harmlose, hippiemäßige Halbballade startet und dich dann in kürzester Zeit auffrisst, falls du nicht wissen solltest, wie man glutenfreies Öko-Gemüse anbaut und welchen Gitarrentyp (wir brauchen die exakte Bezeichnung!) Andy Powell auf Wishbone Ashs "Argus" gespielt hat. Der traurige Rest kann sich mal gehackt legen. (Gesamtwertung: 8) Jan Wigger

Christian Mistress: Fackelträger des wahren, guten (und also analogen) Sounds von damals
Artwork: Okkultes Wirrwarr aus Buchstaben, giftgrünen Blättern, Geisteswellen und einer Hand. Ich tippe trotzdem auf Agnostiker. (7,5)
Aussehen: Conny, bist du es? Such dir mal ne neue Band - die Typen mit den White-Trash-Frisuren und den Lynyrd-Skynyrd-Gedächtnis-Schnauzbärten sind nämlich nicht so der Bringer. (6,5)
Aussagen: Fickt euch alle, ihr Pro-Tools-Wichser! Und herzlichen Glückwunsch zum 60. Geburtstag, lieber Udo Dirkschneider! (9). Jan Wigger
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