Kraftwerk in Düsseldorf: Das Lächeln der Roboter

Aus Düsseldorf berichtet

Die Urväter von Techno, House und HipHop sind zurück: Nach umjubelten Shows in New York tritt Kraftwerk in ihrer Heimatstadt Düsseldorf auf. Zur Premiere gab's "Autobahn"-Raserei und eine triumphale Leistungsschau.

Kraftwerk in Düsseldorf: Frisch wie von heute Fotos
DPA

Spätabends steht dann auf der Ratinger Straße plötzlich dieser alte Mann mit weißem Bart vor uns, kregel und aufgekratzt, und ziemlich betrunken. Genau hier, grölt er uns an, genau hier, habe er ja damals mit Polke und Immendorf und Blinky Palermo... Ja, was denn genau? Er weiß es nicht mehr. Wir suggerieren: Sie waren doch sicher zusammen im Ratinger Hof, dem legendären Künstlertreff der siebziger Jahre. Da wollten wir nämlich auch hin, ist jetzt aber eine dubios wirkende Disko, also kehrten wir nebenan in ein lärmendes, aber freundliches Lokal namens De Uel ein, die Eule. Nee, krakeelt der Alte, nicht im Ratinger Hof! In der Currywurstbude daneben! Aber wie hieß denn der noch, der Blinky Shapiro? Heisterkamp, genau! Naja, so konnte man ja nicht heißen, als Künstler. Dann winkt er fröhlich. Und zieht von dannen.

Und wir hatten, mitten im Trubel der Düsseldorfer Altstadt, doch noch eine Ahnung davon bekommen, was hier Mitte und Ende der Siebziger los war, als die Kunstakademie die wichtigsten Talente der Republik versammelte, Künstler wie Joseph Beuys, Sigmar Polke, Frank Heisterkamp, Jörg Immendorf und Emil Schult oder Musiker wie Klaus Dinger, Michael Rother, Konrad Plank, Ralf Hütter, Florian Schneider. Um nur einige zu nennen. Sie alle, wenn sie noch leben, machen heute nicht mehr die Kaschemmen der Altstadt unsicher, sie sind mit ihren Werken im Museum zu besichtigen, sorgfältig kuratiert die bildenden Künstler, mit aufwendigen CD- oder Vinylboxen gewürdigt die Musiker.

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Kraftwerk: Konzertserie in Düsseldorf
Als einem der letzten aus dieser Riege wurde nun auch Ralf Hütter die Ehre zuteil, in den Kunstkanon Düsseldorfs aufgenommen zu werden. Am Freitag startete er mit seiner Band Kraftwerk eine Konzertreihe, die an acht aufeinanderfolgenden Tagen die Haupt-Alben Kraftwerks in Gänze vorstellt. Und weil die Elektronik- und Techno-Pioniere von der etablierten Kunstwelt umarmt werden sollen, findet die schlicht "12345678" betitelte Veranstaltung in den Ausstellungsräumen der Kunstsammlung NRW statt. Wenige hundert Meter weiter, im NRW Forum, zeigt der ehemalige "Spex"-Fotograf Peter Boettcher eine kleine Auswahl seiner Kraftwerk-Fotografien, und sogar ein wissenschaftliches Symposium widmete sich, ebenfalls am Freitag, ganz hochgeistig der Bedeutung dieses Phänomens deutscher Popkultur.

Der Techno-Prophet gilt nicht viel im eigenen Land

Alles schön und gut. Aber Düsseldorf ist spät dran, Hütter, den letzten verbliebenen Original-Kraftwerker, zu adeln, der nun zum ersten Mal seit 22 Jahren wieder an den alten Stätten seines Wirkens auftrat. Um das zu erreichen, musste allerdings erst Klaus Biesenbach, der Direktor des MoMA in New York, auf die Idee kommen, der Band eine Riesen-Aufwartung zu machen. "12345678" wurde nämlich erstmals im April vergangenen Jahres im Kunsttempel an der 53. Straße aufgeführt, vor ausverkauftem Haus, jubelnden Fans und frenetisch lobender Presse.

Im März zieht Hütter mit seiner Konzertreihe weiter in die Tate Modern nach London, wo den Auftritten bereits medial entgegen gefiebert wird. Gemessen an der weltweiten Verbeugung, die Kraftwerk zurzeit nicht mehr nur in der hippen Musikszene unter Sammlern, DJs und Klangtüftlern zuteilwird, sondern auch in seriösen Kunstzirkeln, wirkt die Heimkehr Hütters nach Düsseldorf fast ein wenig bescheiden. Der Techno-Prophet gilt nicht viel im eigenen Land, seit jeher waren Kraftwerk im Ausland berühmter, wurden bewundert, gesampelt, studiert und kuratiert - und gelten heute zu Recht als Wegbereiter der elektronischen Clubmusik, ob Techno, House oder Minimal. Umso mehr dürfte Hütter es genossen haben, auf der Weltbühne New York mit Anerkennung überschüttet zu werden.

Entsprechend entspannt konnte er daher mit seinen drei Bandkollegen im weißgekalkten Ambiente der Kunstsammlung auftreten. Geladen waren mehrere hundert Gäste, das Ticket-Kontingent war streng begrenzt, der Altersdurchschnitt lag, leider, bei 40 plus.

Unter dem Tracksuit spannt sich ein Bäuchlein

Auch Ralf Hütter ist natürlich nicht mehr der Jüngste. Unter dem enganliegenden Tracksuit, den der 66-Jährige wie immer auf der Bühne trug, zeichnete sich eine deutliche Wohlstandswölbung in Bauchhöhe ab, die das leuchtende Gitternetzwerk, das den Anzug überzieht, sanft wölbte. Die vier Männer standen hinter ihren Pulten, drehten an unsichtbaren Knöpfen, verschoben Regler, pumpten mit den Füßen auf Pedalen, wiegten sich manchmal im Groove ihrer Musik, von Zeit zu Zeit schien sogar ein Lächeln über Hütters Gesicht zu huschen, vor allem, wenn die kühle Atmosphäre im Konzertraum von lauten Jubelrufen und enthusiastischem Beifall in so etwas wie ein Rockkonzert verwandelt wurde.

Allerdings eines, bei dem alle Zuschauer weißgerandete 3-D-Brillen aus Pappe tragen mussten, was einerseits bescheuert, andererseits angemessen futuristisch aussah. Denn hinter der Bühne waren, wie bereits in New York, auf einer großen Leinwand Animationen zu sehen, die erst durch den 3-D-Effekt mit den neonilluminierten Pulten der Musiker und deren Anzügen interagierten. Musik und Visualität, das gehört bei Kraftwerk seit langem zusammen.

Seit 1974, um genau zu sein, denn zu jener Zeit erschien mit "Autobahn" das erste der klassischen acht Kraftwerk-Alben mit dem von Emil Schult gestalteten Cover, der schlichten grafischen Abbildung des zugehörigen Verkehrsschilds. "Autobahn" sollte nun am Freitagabend in Gänze aufgeführt werden, und das geschah auch, allerdings in gekürzter, behutsam modifizierter Form. Man könnte nun darüber mäkeln, dass das 22 Minuten lange Titelstück nicht vollständig dargeboten wurde, sondern um seinen noch recht krautrockenden Freestyle-Teil gekürzt wurde. Ebenso das ambiente Schlussstück "Morgenspaziergang", das lediglich als kurzes Zitat angespielt wurde. Vielleicht, weil es Hütter zu ruhig, zu andächtig erschien für die Mitte eines Konzerts. Bereits nach einer knappen halben Stunde nahm der beige VW Käfer auf der Videoleinwand die Ausfahrt und ließ den Heckflossen-Mercedes, mit dem er sich auf der A555 zwischen Köln und Bonn ein lustiges Rennen geliefert hatte, vorbeiziehen.

Triumphaler Streifzug durch die kreative Phase

Die Band wechselte dann in eine Art Best-of-Modus und spielte einen Kanon der einflussreichsten und bekanntesten Kraftwerk-Kompositionen, darunter "Radioaktivität", "Trans-Europa Express", "Mensch-Maschine", "Das Model", "Computerwelt" und "Computerliebe", zum Teil mehr als 30 Jahre alte Elektro-Blaupausen, auf denen nahezu das gesamte Oeuvre von Pop-Acts wie den Pet Shop Boys basiert, wenn sie nicht ohnehin komplette Genres wie Chicago House oder HipHop vordefiniert und entscheidend beeinflusst haben. Das Schöne daran: Zu keinem Zeitpunkt merkt man diesen souverän dahinpuckernden Stücken mit ihren bestechend einfachen Melodien und Hütters per Vocoder eingeworfenen Slogans ihre historische Last an. Wenn es an diesem Abend eine nachhaltige Erkenntnis gab, dann die, dass Kraftwerk-Klassiker auch heute noch frisch und energisch genug klingen, um sie neben modernen Beats in ein aktuelles DJ-Set zu mischen. Und zwar ohne dass es weiter auffallen würde.

Das Konzert, oder besser: der triumphale Streifzug durch die kurze kreative Phase der Band, endete mit neueren Stücken wie "Tour de France" und "Music Non Stop", am Samstag geht es dann mit "Radioaktivität" weiter, Sonntag folgt "Trans-Europa Express". Ralf Hütter wird die Zeit in Düsseldorf bestimmt auch nutzen, um am Rhein Fahrrad zu fahren, seine Passion seit Jahren. Vielleicht wird er auch abends mal durch die Ratinger Straße streifen. Nostalgisch wie der Alte, der von Polke und Palermo phantasierte? Kaum. Schon etwas länger heißt es, ein neues Kraftwerk-Album sei geplant. Und auch erkennen wird man Hütter nicht auf offener Straße. Deutschlands größter Popstar ist eine Stimme aus einer Maschine. Und die steht auch im Museum noch lange nicht still. Und das, obwohl der Düsseldorfer Taxifahrer am nächsten Morgen noch nie etwas von Kraftwerk gehört hat.

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insgesamt 61 Beiträge
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    Seite 1    
1. unsterblich
martin-z. 12.01.2013
es gibt kaum eine band die mehr einfluss hatte und hat. absolute pioniere und helden der musikgeschichte. sehr empfehlenswert ist es übrigens sich die musik mal auf acid anzuhören.....
2. ruckzuck!
mindeloma!§ 12.01.2013
schöner Artikel, allerdings war das erste Album RUCKZUG und nicht AUTOBAHN. Und das war bereits 1969,. Ich hab die alte LP noch, allerdings kann man die Rückseite schon durchhören, so oft hab ich sie gespielt.
3.
tom_tom_berlin 12.01.2013
Peng boing bum chack
4.
irobot 12.01.2013
Zitat von sysopDie Urväter von Techno, House und HipHop sind zurück: Nach umjubelten Shows in New York tritt Kraftwerk in ihrer Heimatstadt Düsseldorf auf. Zur Premiere gab's "Autobahn"-Raserei und eine triumphale Leistungsschau. Rezension: Kraftwerk feiert triumphales Konzert in Düsseldorf - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/musik/rezension-kraftwerk-feiert-triumphales-konzert-in-duesseldorf-a-877152.html)
Ich habe vor ein paar Jahren einem damaligen Kollegen (Mitte 20) "Die Roboter" vorgespielt. Also ich ihm erzählte, dass das Stück von 1978 ist, fiel ihm die Kinnlade runter, weil er das in die 90er eingeordnet hat. Und vor etwa einem Jahr konnte man im Saturn in Köln auf einem Großbildschirm ein Kraftwerk-Konzert sehen. Davor hatte sich eine Schar junger Leute (15 oder 16) versammelt und war begeistert. Diese Musik ist zeitlos und wird auch noch in 30 Jahren gespielt.
5.
irobot 12.01.2013
Zitat von tom_tom_berlinPeng boing bum chack
Falsch: boing bum chack chack chack. boing bum chack peng. ;-)
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