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"Capriccio" auf DVD: Ganz intim mit Richard Strauss

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Wiener "Capriccio" auf DVD: Später Strauss mit frischem Elan Fotos
Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Richard Strauss' letzte Oper "Capriccio" fordert viel von Ensemble und Orchester. Spiel, Gesang und Musik müssen so leicht und kultiviert klingen, wie es irgend geht. An der Wiener Staatsoper konnte man das erleben. Jetzt gibt es diese Inszenierung als DVD.

Turbulent ging es zu bei der Entstehung von Strauss' letzter Oper "Capriccio". Aber seit der Uraufführung 1942 ist klar: Die Diskussionen haben sich gelohnt. Glänzender wurde nie eine Bühnendebatte über Musik, Text, Literatur und Liebe geführt. Die ursprüngliche Idee hatte Stefan Zweig, die abschließende Libretto-Fassung schrieben Richard Strauss und sein Lieblingsdirigent Clemens Krauss gemeinsam. Die gewagte Mixtur aus Konversationsstück und kultivierter Oper reizte Richard Strauss, gerade weil er mit diesem eigenwilligen Spätwerk einen Blick in die stilistische Zukunft des Genres werfen und sich gleichzeitig von der Bühne verabschieden wollte. Dass er diesen avantgardistischen Anspruch ausgerechnet mit dem Rückgriff auf ein romantisiertes Rokoko verwirklichte, erhöht den Reiz eher noch.

In "Capriccio" (übersetzt "Laune", "Schrulle") streiten der Komponist Flamand und der Dichter Olivier um die Gräfin Madeleine, und sie fechten mit ihren Werken. Strauss und Krauss thematisieren die alte Frage, ob der Text oder die Musik wichtiger für den Erfolg eines Bühnenwerks ist. Was bei Strauss natürlich auf die wunderbare Symbiose beider Elemente hinausläuft. Den Beweis dafür trat der Münchner Komponist mit fast seinem gesamten Opernschaffen an, die Diskursform jedoch stellte einen frischen Aspekt in seinem Werk dar. Wie schon in "Ariadne auf Naxos" angedacht, ist die Kunst selbst ein wichtiges Thema, und ihre Grundlagen werden in "Capriccio" verhandelt.

Dass dies eine charmante Angelegenheit sein kann und keine trockene Theorie werden muss, belegt der versierte Regisseur Marco Arturo Marelli, der die Oper 2013 an der Wiener Staatsoper in einer präzisen Besetzung unter dem Dirigat von Christoph Eschenbach auf die Bühne brachte. Die nun erschienene DVD der Inszenierung ermöglicht den intimen Blick auf das Geschehen.

Die Welt ist scheinbar unverwundbar

Die Sopranistin Renée Fleming singt eine metallisch klare Gräfin, und sie spielt die Umworbene ebenso nachdenklich wie kokett - ein idealer Kontrast zur Schauspielerin Clairon, der Angelika Kirchschlager einen weichen Ton gibt. In den Farben der historischen Kostüme (üppig und effektvoll von Dagmar Niefind gestaltet) spiegelt sich die scheinbar unverwundbare äußere Welt wider, in den hohen Räumen das Streben nach Entgrenzung - keine Verrätselung, sondern der direkte Weg zum Text und zur Musik. Der athletische dänische Bariton Bo Skovhus gibt den optimalen Graf zur Fleming-Gräfin, Michael Schades Flamand überzeugt besonders in lyrischen Tenor-Höhen, und Markus Eiches sonorer Bariton gibt seinem Olivier das entsprechend herbe Gegen-Timbre.

Bis zur großen Schlussszene der Gräfin ist die Inszenierung überzeugend stringent, auch die Sprechsequenzen gelingen dem Ensemble mit der nötigen Eleganz und Glaubwürdigkeit. Der kultivierte Komödienton siegt. Natürlich kann man - wie auf jeder zeitgemäßen DVD - das Libretto als Untertitel in verschiedenen Sprachen mitlaufen lassen.

Im Zuge des diesjährigen Strauss-Jubiläums - sein 150. Geburtstag wird gefeiert - erscheinen jede Menge Würdigungen in CD-Form. Wer hören möchte, wie Strauss' Lieblingsdirigent Clemens Krauss die wichtigsten Orchesterwerke seines Freundes (plus ein wenig aus "Salome") mit den Wiener Philharmonikern interpretiert, der sollte zur Box "The Complete Decca Recordings" greifen, die angesichts ihrer Entstehungszeit in den Fünfzigerjahren eine achtbare Klangqualität haben.

Capriccio - Trailer
Krauss dirigierte nicht mit der blitzenden Schärfe eines Fritz Reiner (dessen Aufnahmen mit dem RCA Orchester gelten zu Recht als maßgeblich), sondern eher weich und wienerisch. Man kann sich gut vorstellen, weshalb Strauss diese Kombination von Glanz und Geschmeidigkeit gefiel. Eine Qualität, die übrigens auch Christoph Eschenbach in der DVD-Version des "Capriccio" erkennen lässt: Vom Kammermusikton bis zum opulenten Klangrausch gelingt ihm die ganze Strauss-Bandbreite hervorragend.

Im Wettbewerb zwischen Text und Musik siegt das Gesamtkunstwerk.


Richard Strauss: Capriccio. Mit Fleming, Kirchschlager, Schade, Skovhus, Eiche, Rydl u.a.; Wiener Philharmoniker, Leitung: Christoph Eschenbach; 2 DVDs , CMajor/Unitel Classica; 42,65 Euro.

Clemens Krauss - Richard Strauss - The Complete Decca Recordings. Wiener Philharmoniker, Leitung: Clemens Krauss. 5 CDs, Decca/Universal; 21,99 Euro.

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