Legendäre Pianisten Roll over Beethoven

Der Pianist Swjatoslaw Richter konnte so ziemlich alles. Welche Nuancen er beherrschte, zeigen bisher unveröffentlichte Schubert-Aufnahmen aus Moskau. Genauso genial: der rasend exaltierte Beethoven von Gulda.

Melodiya

Von


Der Titan wurde milde: Als sich Swjatoslaw Richter 1978 im Rahmen eines Konzertzyklus dem Moskauer Publikum präsentierte, zählte er bereits 63 Jahre und galt als Klavierdenkmal. Er hatte fast alles Relevante von Bach und Beethoven bis Liszt und Brahms beispielhaft abgeliefert, verfügte über unfehlbare Technik, beeindruckende musikalische Intelligenz und interpretatorische Autorität. Er musste nichts mehr beweisen.

Trotzdem driftete er nicht in Richtung Skrjabin oder Scarlatti ab, sondern wandte sich Franz Schubert zu, dessen Klaviersonaten in jenen Jahren von Piano-Snobs nicht unbedingt zu den Highlights der Wiener Klassik gerechnet wurden. Zu Unrecht! Und genau diesen Beweis trat Richter an.

Drei CDs mit Sonaten liegen vor, dazu eine weitere mit scheinbaren Kleinigkeiten, denen sich Richter mit der gleichen Intensität und dem gleichen Ernst zuwendet wie den Sonaten. Beim Des-Dur-Scherzo D.593 betont Richter die unvermittelt aufbrechenden Abgründe, ohne sie zu verklären. Richter meidet die Miniatur, fast trocken klingt sein analytisches Spiel, das aber gerade durch das intellektuelle Herangehen nah beim schroffen und tiefsinnigen Schubert landet. Natürlich sind die bekannten Moments musicaux D.780 vertreten, die bis heute von Pianisten gern und häufig in Recitals gespielt werden, bieten sie doch einen guten Rahmen, die Anschlagskultur und den Tongebungsgeschmack des Interpreten auszustellen. Richter entgeht allen wohlfeilen Stimmungsverführungen und Kitschfallen, er bleibt bei seinem sezierenden Schubert-Ton, der dem vermeintlich kleineren Meister neben Beethoven das angemessene Gewicht verleiht.

Abgründe ohne Melancholie

Penibel und beinahe quälend intensiv nimmt Swjatoslaw Richter den mit 25 Minuten schier endlosen Kopfsatz der späten G-Dur Sonate D.894 und erforscht die Verästelungen des Seelentrips in all ihren Farben. Keine Überreizungen und virtuosen Effekte, eine fast coole Darstellung dessen, was Schubert in dieser abgeklärten Wanderung durch ein Schattenreich entdeckte.

Auch in den lichteren Sonaten-Momenten greift der Ernst von Richters Interpretation, indem er Schubert immer in Beethovenschem Licht leuchten lässt, den Anschlag nie verweichlicht und eigene Nuancen schafft: Mit dieser konsequenten Entdeckung Schuberts, konzentriert in dieser Session im Moskauer Konservatoriumssaal, definierte Swjatoslaw Richter auch die Eckpunkte seines eigenen Stils. Hatte er in den Sechzigerjahren schon einmal Schuberts "Wanderer-Fantasie" bezwingend eingespielt, so gelangte er hier schon beinahe zu einer verfrühten Altersweisheit. Schöner, reifer lässt sich Schubert kaum denken und spielen.

Beethoven mit Klimaanlage

Schon 1970 absolvierte ein anderer Pianist ein klassisches Meisterwerk: Friedrich Gulda legte beim Bonner Beethovenfest eine "Hammerklaviersonate" hin, die sich gewaschen hatte. Davon erschien 2011 eine DVD mit der Englischen Suite in g-Moll von Bach, Beethovens "Eroica"-Variationen und eben der "Hammerklaviersonate". Ein Angststück für viele Pianisten, die es hier nicht nur mit technischen Höchstanforderungen (zum Beispiel der Schlussfuge) zu tun haben, sondern auch über die gesamte Länge des Stückes Spannungsbögen und eine schlüssige Dramaturgie entwerfen müssen. Offenbar kein Problem für den coolen Gulda, der mit lockerer Jazz-Hand, überlegenem Intellekt und stoischer Nerd-Miene den späten Beethoven in eine elegante Modernität zwingt.

Schon 1968 hatte er die gesamten 32 Beethoven-Sonaten für das Amadeo-Label aufgenommen und damit ein Referenzwerk abgeliefert. Ein fulminanter Gegensatz zum abgeklärten Richter. Der hob seinen Klassiker Schubert aufs Podest, während Gulda seinen Beethoven in einen zeitgenössischen, hochmodernen Kontext rasender Exaltiertheit und swingender Kraft stellte. Beethoven in der Klimaanlage - aber einer mit reiner Frischluft, ohne Chemie. Das war schwieriger zu schlucken, ist aber aus heutiger Sicht in seiner Konsequenz durchaus mit der unbedingten Schärfe Richters vergleichbar. Spaß macht beides - und beide Male wurden Klassiker und vermeintlich Wohlbekanntes über den Moment hinaus neu definiert.


CD-Angaben:
Richter plays Schubert. Swjatoslaw Richter, Klavier; Melodiya/Naxos; 4 CDs; 25,25 Euro.
Friedrich Gulda plays Beethoven and Bach. Friedrich Gulda, Klavier; classics archive / WDR Fernsehen / euroarts; DVD; 16,99 Euro.



insgesamt 31 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sverris 27.07.2014
1. Schön
DIE Schubert-Autorität ist gleichwohl Brendel.... SPON, warum verlinkt Ihr dann gleich auf Amazon? Es gibt genug andere Läden, die evtl. sogar günstiger sind!
kajoter 27.07.2014
2. "Roll over" - das passt
Für einen Musikjournalisten eine überraschend lesbare Arbeit. Trotzdem bleiben genügend Kopfschüttelmomente wie: Richters "nie verweichlichter Anschlag" oder Guldas "lockere Jazz-Hand" ...... - naja, ein Musikjournalist ohne Schubladendenken oder unsachgemäße Prädikatzuweisung ist natürlich nicht vorstellbar. In den meisten und vor allem in diesen Fällen wünschte man sich, dass der Autor mit wenigstens ein paar Ingredienzien eines professionellen Musikers gesegnet wäre. Aber immerhin findet einmal wieder klassische Musik im SPON statt. Alleine das ist schon jede Zeile wert.
vonwoderwestwindweht 27.07.2014
3. ***
Richter war ein Schüler von Heinrich Neuhaus, und der war ein Meister im Entrümpeln der Stücke von dem ganzen überflüssigen, exaltierten, prätentiösem Schnickschnack. Und seine Schüler wiederum (Richter, Gilels usw.) haben lange die UdSSR-Pianistik geprägt. Davon ist heute absolut keine Rede mehr - der Normalfall ist, dass Schubert so gespielt wird, als ob es sich um eine Art frühen Rachmaninow handele, dem sozusagen etwas "fehlt", der irgendwie unvollständig geblieben ist und dem man etwas "nachhelfen" müsse. Also beispielsweise die charakteristischen harmonischen Rückungen immer groß angekündigt werden (durch Ritardandi beispielsweise oder zunehmende Lautstärke usw..). Das ist in etwa vergleichbar mit jemandem, der sich auf die Bühne stellt und sagt "Gleich werdet ihr eine Riesenüberraschung erleben, ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was das für eine Überraschung sein wird, das wird so überraschend sein, wie ihr es überhaupt noch nie erlebt habt". Dann kommt die "Überraschung" und natürlich ist keiner mehr überrascht. Sowas ist heute unter russischen bsw. ex-UdSSR-Pianisten der Standard und ein kompletter Schnitt zu den früheren Generationen. Richter wusste, dass Schubert seine Wirkung nur "entrümpelt" entfaltet. Das gilt ähnlich auch für Mozart und Bach. Das hat er bei Neuhaus gelernt. Wenn man den hört: er schmeißt alles Überflüssige raus: diese ganzen mit Staccato-Dots, Portatos, Ritardandos, Crescendos übersäten Versionen sind nicht sein Ding: Vier, fünf Sachen, ein bisschen Pedal - that's it, besser geht's nicht, weil nur dann die Musik wirklich in seiner Charakteristik zur Geltung kommt und nicht so klingt wie ein verunglücktes "Rach 3". Gibt allerdings auch heute Pianisten, die das so sehen - die sind allerdings eher selten bei den großen Labeln.
gemihaus 27.07.2014
4. Richters Schubert
ist aus der >Praha
panzerknacker51, 27.07.2014
5. Gibt' auch heute
Zitat von vonwoderwestwindwehtRichter war ein Schüler von Heinrich Neuhaus, und der war ein Meister im Entrümpeln der Stücke von dem ganzen überflüssigen, exaltierten, prätentiösem Schnickschnack. Und seine Schüler wiederum (Richter, Gilels usw.) haben lange die UdSSR-Pianistik geprägt. Davon ist heute absolut keine Rede mehr - der Normalfall ist, dass Schubert so gespielt wird, als ob es sich um eine Art frühen Rachmaninow handele, dem sozusagen etwas "fehlt", der irgendwie unvollständig geblieben ist und dem man etwas "nachhelfen" müsse. Also beispielsweise die charakteristischen harmonischen Rückungen immer groß angekündigt werden (durch Ritardandi beispielsweise oder zunehmende Lautstärke usw..). Das ist in etwa vergleichbar mit jemandem, der sich auf die Bühne stellt und sagt "Gleich werdet ihr eine Riesenüberraschung erleben, ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was das für eine Überraschung sein wird, das wird so überraschend sein, wie ihr es überhaupt noch nie erlebt habt". Dann kommt die "Überraschung" und natürlich ist keiner mehr überrascht. Sowas ist heute unter russischen bsw. ex-UdSSR-Pianisten der Standard und ein kompletter Schnitt zu den früheren Generationen. Richter wusste, dass Schubert seine Wirkung nur "entrümpelt" entfaltet. Das gilt ähnlich auch für Mozart und Bach. Das hat er bei Neuhaus gelernt. Wenn man den hört: er schmeißt alles Überflüssige raus: diese ganzen mit Staccato-Dots, Portatos, Ritardandos, Crescendos übersäten Versionen sind nicht sein Ding: Vier, fünf Sachen, ein bisschen Pedal - that's it, besser geht's nicht, weil nur dann die Musik wirklich in seiner Charakteristik zur Geltung kommt und nicht so klingt wie ein verunglücktes "Rach 3". Gibt allerdings auch heute Pianisten, die das so sehen - die sind allerdings eher selten bei den großen Labeln.
Richtig! Abgesehen von den hier besprochenen Genies höre man der doch sehr lebendigen über 70jährigen argentinischen "Tastenlöwin" Martha Argerich zu, die obenhin noch als eine Schülerin Guldas gilt; beser geht es kaum.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.