Rihanna in Hamburg Abzüge in der Haltungsnote

Wie eine Boxerin im Burlesquelokal: Im Kapuzenmantel gab Rihanna in Hamburg die Antithese zum knallig-bunten Pop-Exzess. Die Presse durfte das nicht fotografieren.

So stellt sich SPIEGEL ONLINE Rihanna in Hamburg vor
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Rihanna verspätet sich. Aber nur ein ganz kleines bisschen, zehn Minuten vielleicht. Anders als 2012 bei der legendären Promotion-Tour, bei der sie mit einer Boeing 777 in sieben Tagen zu sieben Konzerten rund um die Welt jettete. Die Pressemeute konnte nur durch den Ausschank von teurem Champagner von der Rebellion gegen Rihannas ständige Verspätungen abgehalten werden, wie Mitreisende berichteten.

Aber dass dieses Konzert im Hamburger Volksparkstadion in gewisser Weise als Antithese gegen allzu farbigen Pop-Exzess zu verstehen wäre, zeigte nicht nur der fast pünktliche Konzertbeginn, sondern auch der zunächst wenig spektakuläre Bühnenaufbau - alles in Weiß und Beige gehalten, ein paar Podeste hier und da, das wars.

Und auch Rihanna betritt das Stadion in Weiß, in einem sackartigen Kapuzenmantel mit knappem Body darunter strebt sie auf eine Bühneninsel mitten im Zuschauerraum zu - ein Einzug wie der einer Boxerin ins Burlesquelokal (hier ein Überblick über Rihannas aktuelle Bühnenkostüme). Zu hören ist zunächst, auch das quer zur üblichen Konzertaufbaudramaturgie, eine Ballade: "Stay".

"Sex With Me"

"Anti" - so heißt Rihannas jüngstes Album - verweigere sich den offensichtlichen Hits, hieß es. Auf den T-Shirts, die es an den Merchandiseständen zu kaufen gibt, steht das Wort "Role Model", Vorbild, durchgestrichen.

Auf einer gläsernen Brücke stolzierend wird Rihanna dann Richtung Bühne transportiert. Sie singt dabei den Song "Sex With Me", der sei "amazing", heißt es im Text, und sie illustriert das mit eindeutigen Bewegungen auf dem gläsernen Boden - darunter richten sich die Handykameras der Innenraumzuschauer nach oben.

Überhaupt wird viel fotografiert von den gut 30.000 Zuschauern im Stadion, Selfies unter Freundinnen, Posen wie Rihanna, Taschenlampenleuchten für Megan (eine krebskranke Bekannte der Sängerin, von deren Tod sie erfahren hat), gleich zwei Mal wird auf Instagram verwiesen, wo Rihannas Kanal 41 Millionen Abonnenten hat. Beim Rihanna-Publikum fänden die Diskussionen um ein Handyverbot bei Konzerten wohl wenig Zustimmung.

Kein Zutritt für Fotografen

Die professionellen Fotografen mussten allerdings draußen bleiben: Kurz vor Showbeginn wurde den akkreditierten Pressefotografen - darunter auch der von SPIEGEL ONLINE beauftragte Stefan Malzkorn - kurzfristig mitgeteilt, sie dürften keine Fotos von der Show machen.

Inzwischen wird Robyn Rihanna Fenty auf der Bühne von Tänzern und einer Band begleitet, die ausgerechnet Rihannas Durchbruch-Hit "Umbrella" in einer einigermaßen scheußlichen Version spielt - allzu höhenlastig elektronisch. Doch es macht ja nichts, ausgelassen werden die "ella-ella, eh-eh"-Passagen mitgesungen. Die per Ansage geforderte "Partytime" kommt allerdings am meisten bei dem von Calvin Harris produzierten "We Found Love" auf: Hamburgs Stadionpublikum liebt Eurodance-Sounds einfach, das muss das Scooter-Gen sein.

Selbst ist Rihanna nicht die allergrößte Tänzerin unter den großen Popstars, es ist bei ihr meistens so eine Art beschwingtes Schreiten, sehr distinguiert. Anders wird es allerdings bei "Work", dem auf "Anti" ja eben doch befindlichen Hit. Da wird dann aus "Work, work, work, work" unter frenetischem Jubel gleich "Twerk, twerk, twerk, twerk". Doch das Tollste an Rihannas Bühnenpräsenz ist die Mimik, die über die Großleinwand eingefangen wird. Es gibt schöne Momente des Lächelns, noch eindrucksvoller sind aber die genervten Blicke, die sie bei den passenden Textzeilen wirft: Bei "Four Five Seconds" verdreht sie die Augen, bis nur noch das Weiße zu sehen ist.

Hommage an Prince

Die Entsprechung zu diesen Blicken findet sich auch im Gesang, diese tiefen, hingemotzten Stellen, die Rihanna immer ein bisschen mehr nach Straße klingen lassen als ihre Mitbewerberinnen. Eine "Wannabeyoncé" sei die Sängerin aus Barbados zu Beginn ihrer Karriere noch gewesen, schreibt John Seabrook in seinem Buch "The Song Machine" über die Pop-Mechanismen der Gegenwart. Das stimmt heute sicher nicht mehr.

Während Beyoncé immer deutlicher auch politisch Haltung bezieht, verzichtet Rihanna zumindest an diesem Abend in Hamburg darauf: In ihren Ansagen geht es nur darum, wie toll das Publikum sei und wer schon das Album "Anti" besitze. Von dem spielt sie viel, nicht alles ist arg beeindruckend - vielleicht ist Rihanna als Star größer als ihre Songs.

Stark ist aber der "Anti"-Track "Kiss You Better", den Rihannas Band mit einem langen Schlussteil versieht, im Gitarrensolo scheint eine Hommage an Prince und dessen "Purple Rain" auf - und dann winkt Rihanna, geht die Band ab, läuft auf der Videowall ein Abspann. Schluss. Zugabe gibts keine. Auch das wieder ein klitzekleines Anti gegen die Konventionen: Mit dem Ende ist sie pünktlich.

Weitere Konzerte in Deutschland: 17.7. Frankfurt a.M., 28.7. Köln, 7.8. München, 16.8. Berlin

Rihanna-Video


insgesamt 12 Beiträge
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ohmeinsire 10.07.2016
1. Zwiegespalten
Eine große Künstlerin auf der einen Seite, aber leider live echt schlecht.
pommbaer84 10.07.2016
2.
Live aber vermutlich selbst in schlechtester Verfassung immer noch um Welten besser als Katy Perry. Die kann ja nicht mal singen.
5b- 10.07.2016
3. Plastik
Durchproduzierte Laufbandmusik aus der Fabrik. Das muss live nicht gut sein. Das Video muss nicht natürlich wirken und darf auch mal jeglicher Kreativität entbehren. Vor allem muss die Musik an sich nicht gut sein. Es geht bei Star-Musik darum eine Marke aufzubauen und zu vermarkten. Die Musik ist oft in soweit vom "Künstler" beeinflusst wie Star-Parfüm und andere Star-Produkte. Das hat mit künstlerischer Kreativität so wenig zu tun wie visuelle Sinneseindrücke mit Geruch, Sprichwort Modehausparfüm. Da gibt es natürlich schon eine signifikante Übereinstimmung. Chanel macht sein Geld mit Parfüm, nicht mit Klamotten, und wer Scheiße riecht, macht sich leicht davon ein Bild. Erykah Badu, eine sehr gute Sängerin, besang einst den Umstand, dass Sänger auf die "Beats" [der Produzenten] angewiesen seien. Dabei muss das Endprodukt nicht schlecht sein. Es muss nicht Fließband sein. Was hilft ist wenn ein Musiker gut ist. Gut heißt nicht, dass es technisch gut sein muss, sondern, dass ein kreativer Geistesblitz einem Stück Musik eine Seele einhaucht.
LapOfGods 10.07.2016
4. Supermarktmusik
08/15 Discomucke. Musik ohne E-Gitarre ist eh sinnlos.
blitzunddonner 10.07.2016
5. ist doch angenehm, mal ohne durchgestylte peepshow auszukommen
ist doch angenehm, mal ohne durchgestylte peepshow auszukommen. hier bitte: http://img.abendblatt.de/img/hamburg/crop207792635/2602605700-w820-cv16_9-q85/1491B600D2DA6E9D.jpg
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