Neues Rihanna-Video Die Braut trug... nichts

Oh, die ist ja nackt! Und sie schießt! Rihannas neuer Videoclip, gedreht von Kino-Provokateur Harmony Korine, polarisiert: Ist das weibliche Selbstermächtigung oder nur noch leere Pose?

Rihanna im "Needed Me"-Video
Westbury Road Entertainment/ Roc Nation Records

Rihanna im "Needed Me"-Video

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Die Frau kann sich gerade alles erlauben, und das tut sie auch. Rihanna hat soeben die Beatles eingeholt. Mit 14 Singles, inklusive "Work", der aktuellen Nummer eins, stand sie insgesamt 60 Wochen an der Spitze der US-Billboard-Charts, genauso viele wie die Fab Four. Nächstes Ziel: Mariah Carey, die verbucht 79 Wochen auf dem Hitparaden-Thron.

Ihren popkulturellen Hegemonialanspruch zelebriert die 28-Jährige nun erst mal mit einem neuen Videoclip, über den die Internet-Postille "Daily Beast" mutmaßt, er könnte "the most explicit music video in history" sein, das freizügigste Musikvideo aller Zeiten also. Noch so ein Superlativ.

In dem Clip, von Kino-Provokateur Harmony Korine als Quasi-Fortsetzung seines umstrittenen Films "Spring Breakers" gedreht, ist Rihanna gleich zu Beginn fast komplett entbößt zu sehen. Sie steht, umweht nur von einem weißen, wallenden und sehr durchsichtigen Negligé-Gewand, vor einer riesigen Panoramascheibe, im Hintergrund das Meer und die Skyline von Miami.

In der Hand hält sie eine Pistole mit Schalldämpfer. Der Song ist das simmernde "Needed Me" von Rihannas aktuellem Album "Anti" : "Shit, what the fuck you complaining for/ Feeling jaded, huh/ Used to trip off that shit I was kickin' to you/ Had some fun on the run though I'll give it to you", ätzt sie darin in Richtung eines Lovers, der die Gunst der Queen Bee des Pop anscheinend nicht angemessen zu würdigen wusste.

Perversion eines Hip-Hop-Videos

Und schon wird in eine weitaus weniger erhabene, cleane Umgebung geschnitten: eine schmierige Nachtklubhölle, die von Typen mit fiesen Visagen und Kalaschnikows bewacht wird. Drinnen geifern grobschlächtige Typen mit Tattoos auf Stangentänzerinnen mit plumpen Brüsten und dicken Ärschen, die träge und wabbelnd zu einem Beat twerken. Ein Panoptikum, die eher Ekel als Erregung provozierende Perversion eines Hip-Hop-Videoclips, wie er noch vor wenigen Jahren zum Standardrepertoire jedes Möchtegern-Gangstas gehörte.

Rihanna, jetzt in einem etwas züchtigeren, silbrigen Kleid, marschiert, nein, sie schwebt dort hinein wie eine Rachegöttin, ein Bond-Girl, das nicht mehr hübsche Staffage sein will, sondern sich selbst eine Lizenz zum Töten ausgestellt hat. Na ja, und das tut sie dann auch, kaltblütig und cool.

Schön fotografierte Rachefantasie

Daran ist erst einmal gar nichts aufregend, denn explizit illustrierte Rachefantasien inszeniert Rihanna schon seit ihrem mörderischen "Man Down"-Video, zuletzt richtete sie in "Bitch Better Have My Money" ein lustvolles Blutbad an, an dessen Ende sie ebenfalls nackt mit Knarre zu sehen war. "Needed Me" steigert die Exploitation von Popkulturmotiven in eine neue Konsequenz, zitiert wird hier weiblicher Revenge-Porn von "Lady Snowblood" über "Die Braut trug Schwarz" bis "Kill Bill". Und dank Korines perfider, knallbunter Zeitlupenästhetik sieht es auch noch großartig aus.

Das Empörungspotenzial des Clips liegt also nicht in der Nacktheit oder der dargestellten Gewalt, es liegt eher in der Frage, ob Rihanna sich hier noch zur Rächerin der grotesken Männerfantasie-Objekte beim Pole-Dance aufschwingt, also ein hehres, feministisches Motiv der Selbstermächtigung verfechtet und die Ära des "male gaze" symbolisch ins Jenseits befördert, oder doch nur ihren ungleich makelloseren, schöneren Körper inszenieren will - und damit in die Falle der Selbstobjektifizierung läuft.

Vielleicht denkt sie genau über dieses Dilemma nach, als sie am Ende des Clips wieder an der großen Glasscheibe, die ja auch eine Art Leinwand ist, steht und mit der noch warmen Waffe in der Hand plötzlich einsam und verloren wirkt. Fest steht: Kein globaler Mega-Popstar macht sich gerade so furchtlos in der Öffentlichkeit nackig wie Rihanna. Auf der Metaebene medialer Selbstbespiegelung ebenso wie im konkreten, expliziten Sinne. Dafür? Respekt.

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insgesamt 18 Beiträge
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thomas.berlin 21.04.2016
1.
Schon vom Video "Work" gab es eine zweite Version, in der Rihanna splitterfasernackt mit einem angezogenem Drake im Club rumsprang.
dweird 21.04.2016
2. Der Kaiserin neue Kleider...
Ich kann mir nicht helfen, ich finde diese Musik so seelenlos und nichtssagend wie dieses Rumgepose, Waffenhochhalten und nackt durch die Gegend schleichen. No dress, no soul.
maximovie 21.04.2016
3. Eine gute Plattenrezension
Zu echter Musik wäre mir lieber. Solche Videos der Popdamen sind doch austauschbar, alles irgendwie an Table Dance oder Porno angelehnt, bisschen Gewalt, bisschen Provokation... bisschen hier, bisschen da... trallalla.
jujo 21.04.2016
4. ....
Eines ist sicher, was mich angeht. Diese Frau ist für mich wesentlich attraktiver als die gaga Lady Gaga. würde diese nicht fast nackt posieren, würde sie wohl kaum ihre Musik verkaufen können, denn singen kann sie nicht.
ironbutt 21.04.2016
5. Besser und explizit nackter
war Mylène Farmer in so ziemlich jedem Video zwischen 1995 und 2000. Sie ist in Frankreich ein Superstar und konnte in keinem Video ihre Klamotten anbehalten.
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