Ring-Premiere Endspurt zum Wagnis Wagner

Überzogener Kraftakt oder Kulturereignis des Jahres? - Von Karfreitag an inszeniert Regisseurin Christine Mielitz in Meiningen den Opern-Zyklus "Der Ring des Nibelungen" von Richard Wagner.


Generalprobe der "Götterdämmerung": Stephen Ibbotson als Siegfried und Lisa Gasteen als Brünnhilde
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Generalprobe der "Götterdämmerung": Stephen Ibbotson als Siegfried und Lisa Gasteen als Brünnhilde

Meiningen - Es ist ein Opernexperiment der besonderen Art. An vier aufeinander folgenden Abenden werden "Das Rheingold", "Die Walküre", "Siegfried" und "Götterdämmerung" am Staatstheater im südthüringischen Meiningen aufgeführt. Und zwar so, wie es Richard Wagner (1813-1883) in seiner Inszenierung vor 125 Jahren selbst vorgegeben hat - ohne einen einzigen Ruhetag. Musikkenner erwarten mit Spannung diesen fast 17 Stunden dauernden Kraftakt, gelang das Großprojekt bislang doch nur ein einziges Mal, im ersten Jahr der Bayreuther Festspiele 1876.

Die 24.000 Einwohner Meiningens sind im Wagner-Fieber

Zwei Jahre lang hat das Ensemble in Meiningen für diesen musikalischen Marathon geprobt. Für die Aufführung sind die Hauptpartien mehrfach besetzt worden. So wird in der Rolle des Wotan unter anderem Franz Hawlata zu sehen sein. Den Part der Brünnhilde teilen sich Lisa Gasteen und Ursula Prem. Stephen Ibbotson oder Jürgen Müller werden den Siegfried darstellen.

Das Projekt "Wagnis Wagner" steht unter der Leitung der Meininger Theater-Intendantin und Regisseurin Christine Mielitz. Als sie 1998 von der Komischen Oper Berlin nach Meiningen wechselte, hatte sie die Pläne für das Ring-Projekt schon in der Schublade.

Die Akteure haben keine Zeit zum Ausruhen

Regisseurin und Intendantin Christine Mielitz: Ehrgeiziges Großprojekt in Meiningen
DPA

Regisseurin und Intendantin Christine Mielitz: Ehrgeiziges Großprojekt in Meiningen

Im Orchestergraben gibt Kirill Petrenko, der 28-jährige Generalmusikdirektor, sein Wagner-Debüt. Er dirigiert bei den Ring-Zyklen gleich zwei Orchester. Das Meininger Theaterorchester spielt "Rheingold" und "Walküre", die Thüringen Philharmonie Gotha-Suhl den "Siegfried". Die "Götterdämmerung" gestalten Musiker aus beiden Orchestern. Ein Austausch mit Tradition, denn schon 1876 entsandte Georg II. von Sachsen-Meiningen 26 Kapellisten seines Hoftheaters zu den ersten Bayreuther Festspielen.

In ihrem Konzept greift Mielitz vor allem die revolutionären Hintergründe von Wagner auf, der sich am Dresdner Mai-Aufstand 1849 beteiligte. "Ich will das Publikum konfrontieren mit der Kraft, die Menschen aufbringen, um Visionen zu erzeugen", sagt die 51 Jahre alte Regisseurin. In der Geschichte des Mannes, der ohne Geld und Gold ein Gesellschaftsbild entwerfe, spiegelten sich Elemente der Künstlerpersönlichkeit wider.

Das Bühnenbild dürfte auf Wagnerianer anstößig wirken

"Siegfried": Szene von der Generalprobe am vergangenen Donnerstag
DPA

"Siegfried": Szene von der Generalprobe am vergangenen Donnerstag

Diese Aspekte haben auch der Wiener Maler und Bildhauer Alfred Hrdlicka und sein ehemaliger Assistent Jan Schneider optisch umgesetzt. Ein Vorhang, der die Skyline von Frankfurt am Main zeigt, steht für Wagners Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus. Der Wald ist ein schwarz-rot-gelbes Geflecht, das Bett in der Schlussszene von "Siegfried" erinnert an die Dresdner Barrikade. Und wenn Siegfried den Drachen tötet, wird das Ungeheuer dreimal die Gestalt Wagners ausspeien, als Zeichen für dessen Drang nach schöpferischer Selbsterneuerung. Schneider hat die großen Porträts des Bühnenbildes kreiert, etwa den Altar mit Januskopf, der die beiden Konterfeis von Hrdlicka und Wagner zeigt. Die beiden Riesen Fasolt und Fafner haben die Gesichter von König Ludwig II. und Wagner.

Karten für die "Ring"-Aufführungen sind schon weg

Die restlos ausverkauften Premieren werden von einem kulturellen Rahmenprogramm begleitet. Vor den Aufführungen gibt es thematische Einführungen für das Publikum. Bühnenbildner Hrdlicka zeigt von Ostersamstag an in drei Ausstellungen Arbeiten rund um den Komponisten Wagner.

Auch für die im Sommer folgenden drei weiteren "Ring"-Zyklen in Meiningen gibt es nach Angaben des Theaters schon keine Karten mehr.



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