Rio-Rapper MC Gringo Wie der Funk einen schwäbischen Musiker in die Favelas brachte

Er stammt aus Stuttgart, lebt in einer Armensiedlung bei Rio und zweigt seinen Strom vom nächsten Kabelmast ab: Bernhard Weber alias MC Gringo versetzt in Brasilien bitterarme Favela-Bewohner mit harten Beats in Ekstase - die Geschichte einer erstaunlichen Karriere.

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Der Beat hämmert, das Publikum klatscht artig mit. "Eu sou alemão", singt der bleiche Bursche mit Klampfe und Façonschnitt, umgeben von dunkelhäutigen Musikern in weiten HipHop-Klamotten. "Ich bin Deutscher", verstehen die Gäste im Fernsehstudio von Brasiliens bekanntester Late-Night-Show.

"Ich bin der Feind" verstehen die Zuschauer in den Favelas. Denn im Slang der Slums von Brasilien steht "Deutscher" für Feind und "Russe" für Freund. Woher das kommt, weiß MC Gringo auch nicht so genau. Vielleicht, mutmaßt er, weil nach dem Zweiten Weltkrieg so viele Nazis nach Brasilien ausgewandert sind.

MC Gringo heißt mit bürgerlichem Namen Bernhard Hendrik Hermann Weber Ramos de Lacerda. Was ihn in Brasiliens beliebteste Fernsehshow gebracht hat? Da waren die Brasilianer in seiner Band, daheim in Stuttgart-Feuerbach, die ihn nach der WM 2002 eingeladen hatten.

Und dann war da Lidy, ein Fotomodell, heute seine Frau. Ihr verdankt er den lusophonen, also portugiesischen, Wohlklang im Namen. In Minas Gerais, dem Bundesstaat im Südosten, jobbte er zwei Jahre bei Radiostationen. 2004 zog es ihn nach Rio de Janeiro. Und dort kam er zum Funk.

"Der Funk is' a ganz persönliche Sache", sagt MC Gringo, leicht schwäbelnd. "Wer im Funk was werden will, muss das rund um die Uhr machen." Der Funk, das ist der Baile Funk, der Sound der Favela. Ein schleppender Elektro-Beat mit schnappenden Congas und derben HipHop-Texten, ein eckiger Achtziger-Sound, der mittlerweile auch in der internationalen Clubszene als heiße Ware gehandelt wird.

Sound - bretthart und basslastig

"He, Doktor, warum gibst du mir keine Injektion?", ruft die Sängerin Deise Trigrona. "Beim Eindringen tut's weh, aber ich will sie trotzdem!" Jedes Wochenende wuchten die Soundsystems ihre Basswürfel auf die "Cuadras", jene mit Wellblech überdachten Fußballplätze, die die Militärjunta in den Siebzigern zementieren ließ. Und vor den riesigen Boxentürmen tanzen sich Tausende von Favela-Bewohnern besinnungslos - bis zum Morgengrauen.

Der Sound ist bretthart und basslastig, die sanitären Anlagen verwandeln sich meist lange vor Mitternacht in stinkende Kloaken. Ein Mikrofon, ein Drumloop, eine Bühne und ein Arsenal von Reimen im Kopf: Das sind die Werkzeuge der Funkeiros.

Und der Gringo aus Deutschland, "Börni" nennen ihn seine Freunde, ist immer dabei. Oft ist er der einzige Weiße.

Der Weg auf die Bühnen der Baile-Funk-Partys war steinig für MC Gringo. Ein Freund, der als Geldeinsammler auf der Buslinie Rocinha-Botofogo arbeitet, hat ihm gezeigt, wie es geht. Jeden Tag rappte der Schwabe in einer der Buslinien, die in die Zona Norte fahren, für die Passagiere. Oder er klapperte die Dutzenden von kleinen Baile-Funk-Radiostationen ab. Auf den Partys stellte er sich in die Schlange der Sänger, um nach stundenlangem Warten für ein paar Minuten ans Mikrofon zu kommen.

Überleben in der Favela

"Ich habe viel eingesteckt", sagt der Mittdreißiger, aber ins Detail möchte er nicht gehen. Schließlich will er ein positives Bild von Brasilien vermitteln. Nur so viel: Wer im Funk seine Konkurrenten ausstechen will, gibt dem Soundmischer 50 Reales (etwa 20 Euro), damit der den Sound matschig macht. Und man hat ihn auch schon mal einfach aus dem Kombi geschmissen, den Gringo. Morgens um vier, irgendwo in einer Favela, in die Ortsunkundige auch am hellichten Tag keinen Fuß setzen würden.

Es wird mit harten Bandagen gekämpft, denn die Konkurrenz ist groß: Mehr als 30.000 Sänger gibt es im Raum Rio de Janeiro, vielleicht hundert davon sind bekannt. Der Deutsche gehört dazu. "Ich kenn den Funk von ganz unten. Heute kann ich in jede Favela rein, und die Leute sagen: Oh, der Gringo kommt!", erzählt er.

Den Ruhm verdankt er dem "Dança do Gringo", seinem größten Hit, der jetzt auch auf seinem Debütalbum "Gringão" erschienen ist. "Das Lied hab ich auf einen Kumpel aus Berlin geschrieben, der zu Besuch war", so MC Gringo. "Der hat so dämlich getanzt – immer so stroboskopmäßige Bewegungen. Die Schwarzen haben sich halbtot gelacht darüber."

Strom vom Mast, Telefonkabel vom Nachbarn

Heute kann ganz Rio den "Tanz des Gringo" - steif wie die Roboter. Aber der schwäbische Funkeiro gibt auch Kosmetiktipps. "Perninha depilada" – "rasierte Beine" heißt sein Sommerhit. "Letztes Jahr war es hier Mode, dass sich die Frauen die Beine am Strand mit Blondierungspaste einschmieren. Abends hatten alle dann blonde Beinhaare. Der Song ist ein Aufruf, dass sie sich die Beine wieder rasieren sollen."

Und das lassen sich die Carioca-Ladys von einem Gringo sagen? "Na klar, die finden das super. Die stehen auf Polemik."

Mittlerweile lebt MC Gringo selbst in einer Favela. Das Appartment an der Copacabana war zu teuer, die Shows brachten nicht genug ein. Also haben er und seine Frau eine unverputzte Ziegelhütte in der Favela Pereira da Silva im Süden gemietet. Den Strom zweigt er vom Mast unten an der Straße ab, das Telefonkabel hat ihm der Nachbar herübergeschoben.

"Das ist kein Fake", sagt er. "Ich kämpfe halt schon ums Überleben hier."



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