Robbie Williams Verbrannte Teenie-Erde

In seinem neuen Video reißt sich Robbie Williams effekthascherisch die Haut vom Leibe. So viel Aufwand wäre jedoch gar nicht nötig gewesen: Das ehemalige Boygroup-Mitglied hat einen erstaunlichen Aufstieg zum Pop-Superstar hinter sich.

Von Corinne Ullrich


"Rock-DJ"-Cover: Die Haut vom Leib gerissen

"Rock-DJ"-Cover: Die Haut vom Leib gerissen

Irgendwie staunen wir immer noch: Da war einmal dieser fröhliche Junge, der mit einer Boygroup singend und tanzend auf der Bühne stand, der in Interviews immer die frechsten und witzigsten Antworten drauf hatte, Faxen machte und andauernd den Clown spielte. Und gelegentlich - als einziger aus dieser sauberen, braven Boygroup - für Skandale sorgte. Deswegen flog er damals, 1995, auch raus, bei Take That, und alle dachten, jetzt wäre Robbie Williams erledigt. Er tat dann auch einiges, um dieser Einschätzung gerecht zu werden: pumpte sich mit Drogen voll, soff und zog sich auf der Bühne die Hosen runter.

Doch die Wende kam mit seinem erstaunlich guten Album "Life Thru A Lens". Da waren richtige Hits drauf, nein, man möchte fast sagen, Klassiker. Zumindest den Song "Angels" könnte man ganz sicherlich als einen solchen bezeichnen, immerhin war er 1997 der meistgespielte Song auf britischen Beerdigungen. Ein Jahr später legte Williams nach und veröffentlichte sein zweites Solo-Werk "I've Been Expecting You". In seinen Videos verkleidete er sich als James Bond und schminkte sich, als gehörte er zu den Glamrockern von Kiss. Mit der Ballade "She's The One" fiel nebenbei auch gleich noch ein weiterer Klassiker ab.

Und jetzt? Jetzt singt der 26-Jährige auf seiner neuen, musikalisch eher mittelmäßigen Single über "Rock DJs" und sorgt damit erstmals wieder für Skandale, weil er sich im zugehörigen Video die Haut abzieht und die Innereien aus dem Leib reißt. MTV, Viva oder BBC wollen so etwas natürlich nicht zeigen und blenden den publicityträchtigen Clip vorher aus.

Vom Teeniepopper zum Klassiker: Williams
AP

Vom Teeniepopper zum Klassiker: Williams

So viel geschickte Marketing-Strategie wäre gar nicht nötig gewesen. Bei der Plattenfirma EMI genießt der Boygroup-Aussteiger Robbie Williams längst Superstar-Status. Das neue Album "Sing When You're Winning" darf daher niemand vor dem offiziellen Veröffentlichungsdatum am 28. August hören. Erst am 16. August, auf der Musikmesse Popkomm in Köln, wird es vorgestellt: Dort nämlich spielt Robbie - haben die Beatles nicht mit diesem Gag angefangen? - auf dem Dach des Kölner Olympiamuseums.

Doch einiges sickerte natürlich schon im Vorwege durch: Auch wenn Robbie, wie er sagt, privat gerne HipHop hört, so wird sich dies bei seinen eigenen Songs kaum bemerkbar machen. Er bleibt dem britischem Poprock treu und singt auch wieder eine schöne Ballade, "If It's Hurting You", die, wer weiß, vielleicht auch wieder ein Klassiker wird. Er sampelt außerdem die Disco-Hymne "I Will Survive" für sein "Supreme Amour" und tut sich für ein Duett (die funkige Midtempo-Nummer "Kids") passenderweise mit einer weiteren karrieregeschädigten Pop-Ikone zusammen: Kylie Minogue.

Auch sie beherrscht das Aufsteigen aus verbrannter Teenie-Erde perfekt und erkämpfte sich nach frühen Soap- und Starschnitt-Erfolgen ein eindrucksvolles Comeback: Angefangen mit Nick Caves dramatisch-melancholischem Rosensong ("Where The Wild Roses Grow", 1996) bis zu einem aktuellen Nummer Eins-Hit in Großbritannien.



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