Robert Forster in Hamburg Ich, die Rock'n'Roll-Schlampe

Wer nichts vergisst, hat immer was zu sagen. Robert Forster gab sein erstes Deutschland-Konzert nach dem Tod seines Go-Betweens-Kollegen Grant McLennan. Mit fast pedantischer Akkuratesse präsentierte der Australier eine Topographie des Erinnerns: Pop als große Literatur.

Von


Der Dow Jones befand sich den ganzen Tag über im freien Fall, Bankhäuser drohten zu kollabieren. Der Montag, an dem Robert Forster nach Deutschland zurückkehrt, ist schwarz. In der Hamburger Fabrik herrscht trotz erheblichem Andrang eine gespannte Stille - hat der Mann Lösungen und Visionen parat? Und sage jetzt bitte niemand, er sei doch nur Musiker!

Musiker Forster: Popsongs sind für ihn Literatur, keine Sentimentalitäten zum Nulltarif
Stephen Booth

Musiker Forster: Popsongs sind für ihn Literatur, keine Sentimentalitäten zum Nulltarif

Der 51-Jährige - das Gesicht wie aus Stein gemeißelt, der stahlgraue Scheitel perfekt geworfen, die Augenbrauen konzentriert zusammengezogen - sieht an diesem Abend wieder mal aus, als hätte er so ziemlich auf alles eine Antwort.

In die Stille hinein doziert er zur Akustischen über seine ganz persönliche Arithmetik. Die hat allerdings wenig mit den Spekulationsgeschäften an der Börse zu tun. Gleich zu Anfang spielt Robert Forster nämlich den Song "Spirit", den man als Liebeslied, aber auch als gefühlsökonomische Abhandlung zu seiner ehemaligen Band The Go-Betweens lesen kann: Zusammen, so heißt es darin, sei man immer ein Stückchen mehr als die Summe aller Einzelteile.

Dass das so war bei den Go-Betweens, lag natürlich auch am Kollegen und Co-Songwriter Grant McLennan, der 2006 an einem Herzinfarkt starb. Der erste Deutschlandauftritt Forsters nach dem Ende der Go-Betweens handelt also auch immer von der Abwesenheit des Freundes – ohne dass diese ein einziges Mal explizit angesprochen wird.

Solo spielt sich der Australier durch die ersten Nummern des Programms und legt dabei mal wieder diese sonderbar abwartende Haltung an den Tag: So wie das Publikum nach all der Zeit staunend und fragend auf die Bühne schaut, schaut er staunend und fragend zurück.

Wie kaum ein anderer schafft er es auf diese Weise, eine Spannung aufzubauen – die er an heute über knapp zweieinhalb Stunden ziehen wird. Schon am Anfang streut er Go-Betweens-Klassiker wie "Love is a Sign" ein, vermeidet durch die trockene Intonation aber jeden Anflug von Nostalgie.

Doppelbödige Patti-Smith-Hommage

Der Mann ist wachsam, dass die Veranstaltung kein spirituelles Schmierentheater wird. Als er die aufwühlende Hänger-Hymne "Rock'n'Roll Friend" anstimmt, erklärt er dessen Entstehung – nicht dass noch jemand denke, sie handle vom Freund McLennan. 1988, so Forster, habe er in Sydney mit einer Frau zusammengelebt, die einen anständigen Tagesjob hatte, während er sich die Nacht mit der Band um die Ohren gehauen hätte. Für den Song habe er sich in die Freundin hineingedacht, es sei sozusagen ein Selbstporträt aus ihrer Perspektive. Ich, die Rock'n'Roll-Schlampe.

Es ist eine Genauigkeit am Rande der Pedanterie, mit der Robert Forster seine Songs an diesem Abend interpretiert. So was ist im Pop eher selten. Popsongs sind für Forster Literatur, keine Sentimentalitäten zum Nulltarif.

In diesem Sinne muss man auch die gestrige Version seiner doppelbödigen Patti-Smith-Hommage "When She Sang About Angels" verstehen, die sowohl für Fans als für Feinde der Punk-Rock-Ikone stets eine große Freude ist.

Darin merkt Forster sardonisch an, dass Patti lieber über den ihr fremden Nirvana-Sänger Kurt Cobain Lieder sang als über einen ihrer vielen abgelegten Musikerliebhaber. Auch mokiert er sich darüber, wie die Sängerin, die ja inzwischen eine Art Totenkult um alle ihre verstorbenen Freunde pflegt, immer verträumt in den Himmel schaut, wenn sie das Wort Engel in den Mund nimmt.

Pastorales Organ

Nein, so ein Totenkult ist Robert Forsters Sache nicht, und verträumt in den Himmel schaut er an diesem Abend in der Fabrik schon gar nicht. Das Gedenken an den Freund stellt sich automatisch dadurch ein, dass Forster eine Menge Songs der gemeinsamen Go-Betweens-Vergangenheit spielt, darunter "I'm Allright", "Head Full of Steam", "People Say" und der einsame Hit "Spring Rain".

Das alles sind Songs aus Forsters Feder - auf einmal streut er aber auch ein Go-Betweens-Stück von McLennan ein: das sanft pochende "Quiet Heart", in dem er sein pastorales Organ so weich wie nie zuvor werden lässt. Natürlich, den Freund kann er trotzdem nicht ersetzen.

Eine Band wie die Go-Betweens wird es nie wieder geben. So unterschiedlich Techniken und Temperamente von Forster und McLennan anmuteten, sind die beiden doch im Auftrag geeint gewesen: Es ging bei ihnen immer ums Erinnern. Das war bei ihnen allerdings kein altersmilder Reflex, sondern tief im künstlerischen Selbstverständnis begründet. Die Band war ja nie richtig jung gewesen. Das Gegenwartsdiktat des Rock'n'Roll hatte sie schon in frühen Jahren in ihrer Heimatstadt Brisbane ausgehebelt.

Deshalb konnten sie sich nach zehn Jahren Trennung im Jahr 2000 auch wieder vereinigen – und drei höchst dringliche Alben einspielen. Wer nichts vergisst, hat immer was zu sagen.

Auf dem Grund des Vergessens

Gerade Robert Forster hat dabei eine Art Topographie des Erinnerns entwickelt – die nun beim Konzert an diesem Schwarzen Montag besonders zutage tritt. In dieser Form und Fülle hat sich der Weltenbürger aus Australien wohl noch nie durch sein Werk gearbeitet. Alle Stationen seines Werdegangs sind hier präsent.

Und so kehrt er in einer atemberaubenden Version von "Darlinghurst Nights" ins gleichnamige Sydneyer Künstlerviertel der Achtziger zurück, liegt noch einmal im Bett jenes "German Farmhouse’", in dem er sich nach dem ersten aufreibenden Split der Go-Betweens 1990 drei Jahre lang regenerierte, und düst ein weiteres Mal in "Here Comes a City" mit dem ICE durch die bayerische Provinz.

Forster wird immer gelöster während der Show, das Publikum immer euphorisierter. Nach dem Ende der zwei offiziellen Blöcke stimmen die Leute die Melodie aus dem vorher in melodisch funkelnder Pracht präsentierten "Surfing Magazines" als Zugaben-Chöre an. Zu sechs weiteren Songs lässt sich Forster zurückholen.

Im letzten Zugabenteil dieses Konzertes, in dem das Erinnern als zentrale Funktion ähnlich dem Atmen gefeiert wurde, stimmt er schließlich "Dive For Your Memory" an, das Go-Betweens-Stück überhaupt, das all die Dinge besingt, die da auf dem Grund des Vergessens liegen und auf ihre Bergung warten.

Tauchen Sie, Mr. Forster, tauchen Sie tief!


Robert Forster live: 30.9: Frankfurt, Mousenturm / 1.10.: München, Ampere / 2.10.: Dresden, Lukaskirche / 4.10.: Berlin, Passionskirche / 5.10.: Köln, Gloria



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.