Robert Fripp und die Artrockband King Crimson Der Kaninchenzüchter und die Kultband

Seit fast 50 Jahren macht Robert Fripp mit seiner Band King Crimson bestechenden Avantgarde-Rock. Jetzt erscheint eine aufwendige Neuedition des Albums "THRAK".

AP

"THRAK - Was ist das?" stand auf dem Promotionzettel für Medienvertreter. Eine Antwort lautete: "56 Minuten und 37 Sekunden von Musik und Songs über die Liebe, das Sterben, Erlösung und erwachsene Männer, die Erektionen haben." Antwort zwei ging so: "117 Gitarren, die simultan denselben Akkord anschlagen".

So beschrieb Robert Fripp vor gut zwanzig Jahren die Musik des elften King Crimson Albums namens "THRAK".

Der Brite Robert Fripp ist nun auch schon 69 Jahre alt und immer noch einer der großen Exzentriker der Rockbranche. Aber eben auch einer der aufregendsten Könner; Fripp wird auf allerlei Listen der besten Gitarristen aller Zeiten geführt und steht seit 1969 der Artrockband King Crimson vor, deren einziges beständiges Mitglied er ist.

Der Brillenträger, der mehr wie der Chef eines Kaninchenzüchterverbandes und weniger wie ein Rockmusiker daherkommt, ist ein fleißiger Mann, dessen Diskografie mehr als siebenhundert Einträge verzeichnet. Hervorzuheben wären seine Einsätze für David Bowie, dem er unter anderem bei "Heroes" zur Hand ging. Dazu kommen Sessions mit Brian Eno, Peter Gabriel, David Sylvian, Blondie und den Talking Heads.

Bei Wikipedia als "Kultband" geführt

Aber letztlich standen immer King Crimson im Zentrum seines Schaffens. Die begannen Ende der Sechzigerjahre mal mit plüschigem Kunstrock der mit den Jahren brachialer, frostiger und metallischer wurde. Aber auch die wüsteren King-Crimson-Werke lockerte Fripp gern mal mit sanft verdrehten Popsongs auf. Ein großes Publikum haben King Crimson nie gefunden und werden wohl auch deshalb bei Wikipedia als sogenannte "Kultband" geführt.

Fripp und seine Zuarbeiter bewegten sich stets jenseits aller Moden und waren enorm einflussreich. Der Kreis ihrer Verehrer reicht von Kurt Cobain, der insbesondere ihr Album "Red" schätzte, über Bands wie Iron Maiden und Tool bis hin zu Rappern wie Kanye West, der ihren Song "21st Century Schizoid Man" für seine Single "Power" samplete.

Der Blues war für Robert Fripp nie eine Quelle der Inspiration. Sein Interesse galt vielmehr europäischen Traditionen wie Klassik, Jazz, Avantgarde und Folksongs. Bei frühen Konzerten führten King Crimson sogar Auszüge von Holsts "The Planets" auf.

Weil Fripp immer Tausend Ideen auf einmal zu haben schien und überhaupt schnell gelangweilt war, tauschte er regelmäßig das King-Crimson-Personal aus und ließ die Band über längere Perioden immer mal wieder ganz ruhen. Nach 1984 legten King Crimson sogar eine zehnjährige Auszeit ein. Nicht wenige Beobachter vermuteten, dass Fripp das Interesse an der Band völlig verloren hatte.

Improvisation heißt das Zauberwort

Aber dann meldeten sich King Crimson 1995 überraschend mit dem seltsam betitelten Album "THRAK" eben doch zurück. Für diese weitere Neuauflage der Band hatte sich der Strippenzieher Fripp etwas Besonderes ausgedacht: Ein "Doppel-Trio", also zwei Gitarristen, zwei Bassisten und zwei Schlagzeuger. So wollte der experimentierfreudige Künstler mal wieder neue Klangwelten erforschen. Dazu kam seine Faszination für Spielereien mit Elektronik. Das Resultat war ein Triumph. Mit harter Präzision gewittern da die Gitarren so heftig wie selten zuvor. Kombiniert werden diese wüsten Klänge mit fragilen Melodien, die manchmal an Lennon-Balladen erinnern und die stets der zweite Gitarrist Adrian Belew verantwortete.

Eine frisch kuratierte Auswahl der Aufnahmen dieser King-Crimson-Besetzung wurde nun für die "THRAK BOX" aufbereitet. Auf zwölf CDs, zwei Blue-Ray Discs, und zwei DVDs werden Studio- und Konzertaufnahmen und Videos aus den Jahren 1994 bis 1997 geboten.

Darunter diverse Editionen des Albums, plus Demosessions und editierten Konzertauszügen. Dazu kommen Konzertplakate, Bilder und ein ausgiebiges Booklet. Der Kasten im Vinylformat ist auffällig schick designt und der Klang der Tonträger überwältigend. Ebenso eindrucksvoll ist die Substanz der Musik. Insbesondere die Fülle des Materials macht deutlich, wie kunstvoll Fripp und seine Gang ihr Material immer wieder aufs Neue interpretierten, Melodien zerlegten und mit Lust und Laune wieder zusammensetzten: Improvisation heißt hier das Zauberwort.

Diese King-Crimson-Version ist selbstverständlich auch längst wieder Geschichte. Von der "THRAK" Besetzung ist dieser Tage nur noch die Hälfte an Bord: Der Bassist Tony Levin, der Schlagzeuger Pat Mastelotto und selbstverständlich Robert Fripp. Erweitert um vier Neuzugänge sind King Crimson zurzeit wieder aktiv. Für September sind auch vier Konzerte in Deutschland angekündigt. Wie und ob es danach weiter geht, weiß Robert Fripp vermutlich auch noch nicht so genau.

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Seite 1
AndreHa 12.02.2016
1. In the Court......
.....oft the Crimson King. Diese LP mit dem schröcklichen Cover ist es, was mich mit King Crimson verbindet. Es ist auch die einzige, die ich jemals besessen habe. Dafür kenne ich heute noch jede Note auswendig. Vom "Schizoid Man" bis "Epitaph", diese Musik war für mich eine Offenbarung und hat mich für das ganze Leben geprägt. Ein musikalischer Meilenstein und ein Zeitzeugnis.
KingCrimson 12.02.2016
2. Diese Band hat meine Jugend bestimmt ...
... und auch heute finden sich noch Referenzen in meinem Leben ;-)
angst+money 12.02.2016
3. Kein Blues...
das war für mich auch immer der Hauptgrund, Bands wie King Crimson, Van der Graaf undosweiter zu hören. Die Thrak-Box ist übrigens schon seit einiger Zeit veröffentlicht und mir bei aller Liebe zu redundant und teuer, aber schön dass man hier was drüber lesen kann. Trotzdem interessanter: Die angekündigten Konzerte im September.
butzibart13 12.02.2016
4. disziplinierte Undisziplin
Habe mir irgendwann das Album "Discipline" zugelegt, weil auf diesen das o. g genannte Lied vorkommt, aber auch das chaotische "Indiscipline" und das japanische "Matte Kudasai". Insgesamt sehr experimentierfreudige Musik, damals auch noch mit Bill Bruford an der "Batterie". Leichte Kost war King Crimson/Robert Fripp nie.
ambulans 12.02.2016
5. >butzibart (nr. 4, oben),
das album "discipline" - eigentlich wollte r.f. ja die ganze band zu dieser zeit so "umtaufen" - ist m.e. das beste, was er bisher zustande gebracht hat. es gibt einen konzertmitschnitt (glaube "king bisquit hour" ca. '84) mit fripp, belew, levin und bruford, bei dem sie (natürlich) auch das unvergessliche "indiscipline" (i repeat myself when under stress, i repeat ...) spielen. einfach grandios! mfg, dr. ambulans (alle kassen)
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