Festival-Chaos Flop am Ring

Als wir unseren Reporter baten, über das allerletzte "Rock am Ring"-Festival zu berichten, war er begeistert. Bis er versuchte, einen Platz für sein Zelt zu finden.

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Den Ort des Geschehens erreiche ich am späten Freitagnachmittag, ich betrete erwartungsvoll die Lobby des Dorint-Hotels. An der Rezeption hinterliegen wie vereinbart "meine Unterlagen". Ein laminierter Ausweis zum Umhängen, der mich als Journalist ausweist. Und ein Parkschein. Wo ich denn mein Moped abstellen und mein Zelt aufschlagen kann? Keine Ahnung, sagen die Empfangsdamen. Schicken mich zum "Media Center". Dazu müsse ich nur "rechts ums Hotel herum, dann die Straße runter, dort führt eine Treppe auf das Tribünendach, dann über die BMW-Brücke auf die andere Seite der Rennstrecke", dann fände ich das schon.

Ich also rechts ums Hotel herum, dann die Straße runter vor ein verschlossenes Tor. Der dortige Ordner, ähnlich verschlossen: "Kannst dein Motorrad hier ruhig stehen lassen. Wenn du willst, dass es abgeschleppt wird." Ich riskiere es und folge der Treppe zum Tribünendach, dann über die BMW-Brücke auf die andere Seite der Rennstrecke.

Über dem glühenden Beton kreiselt ein aufblasbarer Zeppelin. Unablässig starten und landen Helikopter, sorgen für Rockstar-Nachschub. Von der Terrasse aus habe ich einen guten Blick auf die Hauptbühne, wo leider gerade Mando Diao einen ihrer fürchterlichen Songs spielen. Ich flüchte durchs unklimatisierte Pressezentrum an den Schalter des "Media Center". Die Damen dort, leicht genervt, verstehen meine Frage nicht: "Stellen Sie ihr Zelt doch auf dem Presseparkplatz auf, gleich gegenüber des Hotels." Ja, dann mache ich das doch!

Also los ins Herz der Finsternis

Ich wandere also zurück und fahre mit dem Moped an das Tor von A6, Presseparkplatz. "Parkplatz", betont der Ordner und schaut versonnen an mir vorbei auf den aufgehenden Mond: "Hier dürfen Sie nur parken." Und campen? "Versuchen Sie es mal bei A4 oder A8, die Straße runter, zweiter Kreisel links!" Also Helm auf und die Straße runter, kreiseln. Notarztwagen rasen mit Blaulicht hin und her und überholen aufreizend langsam dahingleitende Polizeiwagen.

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Rock am Ring: Rang und Namen, Kraut und Rüben
Bei A4 oder A8 empfängt mich ein freundlicher Ordner, der auch keine Ahnung hat. "Zelten? Da müssen Sie zu A2, dahinter liegt A5, das sollte gehen!" Helm auf, noch nass vom Schweiß, und weiter zu A2. Der Ordner dort ist auch Motorradfahrer. "Ausnahmsweise" darf ich daher mein Fahrzeug neben seine Kawasaki stellen, um zu Fuß nach A5 vorzudringen, ins Herz der Finsternis.

Unterwegs verlaufe ich mich auf eine grüne Wiese. Hier stehen Zelte im Schatten unter Bäumen in ausreichendem Abstand voneinander und werden von Menschen bewohnt, die noch in geraden Sätzen sprechen können. Sie sagen, ich befände mich auf dem VIP-, Caterer- oder Sponsorenplatz. Wie ich hier überhaupt reingekommen sei? Ob ich hier einen auf dicke Hose machen wolle mit meinem "Media"-Ausweis, hm? Für mich gäbe es gewiss noch Platz auf dem Motorradparkplatz, D11. Hinter der Unterführung, gleich rechts.

"Marek, wir zahlen dir gerne die Rente!"

Dort angekommen streife ich lange über den Platz, stolpere über Halteseile und finde keine freie Ecke mehr, nirgends. Zurück zu A2, wo mir mein Motorradfreund noch einmal geduldig den Weg zu A5 weist: "An den Sanitätern vorbei, an den Dixi-Klos links und dann immer die Geröllpiste runter."

Mir entgegen torkeln wie verzückte Pilger die Freunde zupackender Rockmusik ihren Lieblingsbands entgegen, mit tätowierten Waden und diesem speziellen glasigen Blick, den man nur von warmem Tetrapak-Rotwein bekommt. Hinter der in der Hitze dampfenden Dixi-Batterie erstreckt sich, so weit das Auge reicht, A5. Hügel über Hügel, Zelt an Zelt. Auf einem steht, dem scheidenden Veranstalter gewidmet: "Marek, wir zahlen dir gerne die Rente!"

Zerrissene Planen und zerbrochene Stangen künden von den Exzessen der vergangenen Nacht. Ein Jüngling kühlt sein blaues Auge mit einer warmen Bierflasche, seine Freundin hockt daneben und weint lautlos. Dafür dröhnen Dieselgeneratoren und versorgen was auch immer. Aus überforderten Boxen dringen Akkorde von Slayer, zu denen Langhaarige in Liegestühlen zustimmend nicken. Nebenan erklingen in gleicher Lautstärke die Witze von Mario Barth, denen ein grinsendes Grüppchen ergeben lauscht. Hinter der Nürburg, die sich wie eine "Game of Thrones"-Requisite über der Szene erhebt, setzt ein Heißluftballon zur Landung an. Jetzt senkt sich die rosenfingrige Abendröte gnädig über einer improvisierten Stadt mit 80.000 ambulanten Einwohnern.

Ich bitte um einen Stall und etwas Stroh

Dann wird es vollends dunkel, und die Dunkelheit weckt das Primatenhafte im Menschen. Rufe nach "Helga!" erklingen und setzen sich von Zelt zu Zelt fort. Dort, im Staub zwischen Glasscherben und Erbrochenem und im gleißenden Flutlicht einer Neonlampe, dort könnte ich mich womöglich wirklich niederlassen. Mit dem Shuttle-Bus wäre ich in nur 15 Minuten am Haupteingang!

Ein letzter Anruf bei der Pressefrau. Eine Kollegin geht ans Telefon, sie versteht meine Frage nicht. Volles Verständnis, ich verstehe ja selbst nicht, warum ich um ein Zeltplätzchen betteln muss. Sie meint gereizt, ich solle doch einfach auf den Presse-Campingplatz. A6. Oder war's A7? Wo denn da das Problem sei?

Duldsam schleppe ich mich noch einmal zu A6. Der Ordner sieht aus wie Meister Proper. Ich frage ihn nach einem Stall und etwas Stroh. Er lacht und meint, da würden wir schon etwas finden. Im Schein seiner Taschenlampe stolpern wir gemeinsam über Zeltschnüre und ernten gezischte Todesdrohungen von aufgeschreckten Pressevertretern. Kein Platz. Meister Proper rät mir, es noch einmal auf dem VIP-Platz zu versuchen: "Da musst du einfach einen auf dicke Hose machen!" Oder nochmal "zur Info", einfach rechts ums Hotel herum, dann die Straße runter, dort die Treppe auf das Tribünendach hoch, dann über die BMW-Brücke…

In diesem Moment spüre ich, wie mir die Sicherung herausspringt. Ich lausche. Jetzt müssten die Kings of Leon auf der Bühne stehen, aber der Wind kommt aus der falschen Richtung und trägt einen weiteren Witz von Mario Barth mit sich. Ein Halbwüchsiger brüllt: "Spielen Muse? Warum spielen Muse nicht? Ich habe gedacht, Muse spielen!"

Dazu fällt mir Homers Odyssee ein, erster Gesang: "Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes, welcher so weit geirrt, vieler Menschen Zelte gesehen und Sitte gelernt hat, und auf dem Gelände so viele unnennbare Leiden erduldet…"

Die Heimfahrt war dann noch herrlich.

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Seite 1
skymind 07.06.2014
1.
Und das soll uns jetzt was genau sagen? Dass die Presse unfähig ist, rechtzeitig anwesend zu sein und damit auch einen Zeltplatz zu finden...?
Senf2k 07.06.2014
2.
Super Artikel. Wenn sich der Verfasser auch nur ein kleines bisschen im Vorfeld erkundigt hätte, wäre er einen Tag früher angereist und hätte keine Probleme gehabt. Schade um den verschwendeten Presseausweis.
beggagsell 07.06.2014
3. Wen interessiert's?
ist das von BILD abgeschrieben?
marthaimschnee 07.06.2014
4.
Also ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie klingt das nach diesem Land, wo man am Strand Eintritt zu bezahlen hat und um Gottes Willen nur an ausgewiesenen Plätzchen sein Zelt aufstellen darf, wie hieß es doch gleich ... ach so, Deutschland! PS: aber wenigstens haben Sie eine schöne Geschichte zu schreiben
Pango 07.06.2014
5. Den letzten beißen die Hunde
Sollte doch gerade ein Journalist wissen. Etwas Vor-Recherche hätte ihm die jetzt erlebten Zustände ersparen können. Eine Rock-Festival ist eben kein Incentive-Event mit Hotelschlafplatz und Stadionbesuch per VIP-Loge. Naja, hat ja noch für ein launiges Erzählstück gereicht.
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