Rock and Roll Hall of Fame "Pissfleck"-Schelte von den Sex Pistols

Gehört Miles Davis in die Rock and Roll Hall of Fame? Jury-Mitglied Ahmet Ertegun findet nein. Gegen die Sex Pistols hatte der berühmte Musik-Manager nichts einzuwenden, das machte die Band schon selbst: Sie beschimpfte den Rock-Tempel als "Pissfleck" und ließ sich nicht aufnehmen.


"Ich liebe Miles Davis", sagte Ahmet Ertegun der "New York Times". "Aber ich liebe auch John Coltrane und Jack Teagarden, und für die würde ich auch nicht stimmen." Der berühmte Label-Manager und Vorsitzende der Rock and Roll Hall of Fame würde den Trompeter lieber in der Jazz Hall of Fame des Lincoln Centers sehen.

John Lydon alias Johnny Rotten, Mitglied der Sex Pistols: Preisverdächtig lästern
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Ertegun spricht aus, was vermutlich viele Jazz-Liebhaber denken: Davis ist eine Institution des Bebop, Hardbop und Free; ihn zum Rockstar zu küren, hat eine merkwürdige Note. Tatsächlich zählen zu den legendären Arbeiten von Davis vor allem Jazz-Alben wie "Milestones", "Birth of the Cool" und "Kind of Blue".

Allerdings hat der Musiker immer die Nähe zu Rock und seinen Ausdrucksformen gesucht: Ab Mitte der sechziger Jahre experimentierte Davis ausgiebig mit Rock- und Funk-Ästhetiken, 1970 zitierte er die Gitarrenriffs von Jimy Hendrix in seinen Kompositionen, später auch Stücke von Sly Stone und James Brown. Seine 1969 erschienenes, epochales Album "In a Silent Way" sollte wie Rock klingen, wobei, wie "New York Times"-Kritiker Ben Ratliff schreibt, vor allem der Sound gemeint war, die gesteigerte Lautstärke, die elektrische Instrumentierung, der Beat.

Das Genre-Problem stand für die Sex Pistols hingegen erst gar nicht zur Debatte: Sie schmähten die Rock and Roll Hall of Fame als "Piss-Fleck" und blieben der gestrigen Preisverleihung fern. Verlesen wurde nur ein abschlägiges Fax, in dem sich die Punk-Rocker über die horrenden Eintrittspreise von bis zu 25.000 Dollar lustig machten.

"Wir sind nicht eure Affen", ließen die Sex Pistols schon im Vorfeld auf ihrer Website wissen - ein Affront, der jedoch verpuffte. "Die benehmen sich wie Punkstars", zitiert der "Tagesspiegel" eine Sprecherin der Rock-and-Roll-Hall-of-Fame-Stiftung. "Skandalös. Und genau das ist Rock 'n' Roll."

Ozzy Osbourne, ehemaliger Frontmann der ebenfalls aufgenommenen Heavy-Metall-Band Black Sabbath, ließ die Revolte von vorneherein bleiben: Zwar war der Sänger jahrelang über die Hall of Fame hergezogen, gestern erschien er dennoch artig im Waldorf Astoria, wo die Ehrung mit den Neuzugängen Blondie und Lynyrd Sknyrd über die Bühne ging.

Und Davis, was hätte er zu der ganzen Kontroverse gesagt? Vielleicht etwas ähnlich Provokantes wie 1970, als ihn ein Journalist zur Rock-Musik interviewte. "Was eine Rock 'n' Roll Band ist?", fragte der Trompeter wütend. "Den einzigen Rock den ich kenne ist der aus Kokain."

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