Rock-Emanze Luci van Org "Brüllen finde ich total super"

2. Teil: Kinder in Kühltruhen


SPIEGEL ONLINE: Sie sind vor drei Jahren Mutter geworden. Normalerweise erzählen junge, singende Mütter einem immer, sie seien dank des Kindes viel milder und sanfter geworden.

Van Org: Nee, nee, also ganz bestimmt nicht! Müder, das ja. Kinder stehen halt gern morgens um sechs auf und sind totale Anarchos. Obwohl mein Sohn momentan das Spannendste in meinem Leben ist, bin ich doch froh, dass ich auch noch etwas Anderes machen kann. Mein Sohn soll nicht mal eine verbitterte Mutter haben, die für ihn alles aufgegeben hat. Außerdem ist das doch sowieso ein völlig überkommener Mythos, dass ein Kind nur froh bei seiner Mutter ist. Mütter stecken Kinder schließlich auch mal in Kühltruhen oder legen sie vor Autos. SPIEGEL ONLINE: Sie nennen sich Übermutter - wie soll man sich denn die idealen Eltern vorstellen?

Van Org: Sie geben Liebe. Das können Väter wie Mütter, das können auch schwule oder lesbische Paare tun. Es kann doch nicht angehen, dass ein Berliner Bürgermeister mit seinem Lebenspartner kein Kind adoptieren darf. Pflegekinder, das geht, ja! Am liebsten die schwierigsten, weil Schwule sich ja riesig freuen, wenn sie überhaupt ein Kind bekommen. Aber adoptieren dürfen sie es nur, wenn es Aids hat. Das regt mich total auf! In Bayern ist immer noch die größte Angst eines Vaters, dass sein Sohn schwul wird. Statistisch erwiesen. Und an Berliner Schulen ist "schwul" das meist benutzte Schimpfwort. Zu so etwas muss ich einfach Musik machen, sonst werde ich irre.

SPIEGEL ONLINE: Sie benutzen in Ihren Texten das, was mal als Blut-und-Boden-Vokabular galt – macht es einen Unterschied, wenn man solche Texte als Frau singt?

Van Org: Ja, du provozierst viel mehr. Und das freut mich auch. Warum spielt man mit diesen Klischees? Weil das grausige Mutter- und Menschenbild, das aus dieser Zeit stammt oder zumindest in ihr perfide perfektioniert wurde, immer noch teilweise gilt. Es gibt ein Mutterbuch aus der Nazizeit, "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind", das wurde unter dem Namen "Die Mutter und ihr erstes Kind" noch bis in die Achtziger hier verkauft. Wer mir jetzt sagt, auf meine drastische Art dürfe man sowas nicht anprangern, das könne man doch missverstehen, dem sage ich: Kann man eben nicht, lies dir die Texte doch mal durch! Das sind klare Statements gegen den Totalitarismus und das totale Gegenteil von "Heil!" ist "Unheil!", und so heißt das Album nun mal.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind ja nach fast 15 Jahren im Pop-Geschäft ein Vollprofi. Es war Ihnen natürlich klar, dass Sie mit so einem martialischen Aufzug für die Medien ein gefundenes Fressen darstellen.

Van Org: Na, mal gucken. Ich bin zunächst mal erfreut und auch ein bisschen erstaunt, dass die meisten Medien offenbar verstehen, was ich mache. Bis auf einen Journalisten von der "taz". Der schrieb gleich nach unserem ersten Fernsehauftritt, da sei Luci van Org angekommen mit ihren Blitzkriegmädels und habe Fascho-Rock gemacht. Das alles wegen der Zeile "blitzen soll es wie geleckt". Das finde ich geil, da sehe ich gleich den ewigen Dogmatiker sitzen, der hört Blitz, sieht Frauen in Uniform und – Buäh! Denkt nicht nach und hört nicht zu und macht sich sofort lächerlich. Wenn ich das geschafft habe, ist doch schon was erreicht.

Das Interview führte Stefan Krulle


Übermutter "Unheil!", (Roadrunner/Warner), bereits erschienen



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