Rock-Emanze Luci van Org: "Brüllen finde ich total super"

Als Lucilectric gelang ihr 1994 mit "Mädchen" ein Hit, jetzt kehrt Luci van Org mit "Übermutter" zurück. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt sie, wie sie mit Rammstein-Rock, faschistoider Ästhetik und harschen Texten dem Feminismus auf die Sprünge helfen will.

SPIEGEL ONLINE: Journalisten bekommen zu Ihrem neuen Album "Unheil!" einen Beipackzettel mit Bedienungsanleitung für Ihr neues Image und Ihre neue Musik. Der normale Konsument muss sich selbst einen Reim machen?

Van Org: Naja, das Album hat ja ein Booklet mit den Texten – zumindest für Menschen, die noch Platten kaufen. Aber einen Titel wie etwa "Heim und Herd" gar nicht oder auch nur falsch zu verstehen, da gehört schon einiges dazu. Diese Musik ist mit viel Freude am Sarkasmus und mit viel Humor gemacht worden und sollte im Idealfall auch so betrachtet werden. Wobei es mir trotzdem ziemlich ernst damit ist. Das ist kein Comedy-Projekt.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie glauben, dass das Volk Ironie und Sarkasmus so eindeutig identifizieren kann?

Van Org: Tja, ich kann es, meine Band kann es, viele Leute aus meinem Bekanntenkreis können es auch. Mir reicht das, denn ich will ja auch nur Menschen erreichen, die nachdenken. Alle anderen sind für mich sowieso verloren. Ich will nicht den Idioten weiterhelfen, sondern den Denkenden Mut machen.

SPIEGEL ONLINE: Aber erst einmal kritisieren Sie im Pressetext zu "Unheil!" mit scharfer Zunge einige Kollegen aus der Popmusik. Das gab es vorher nur in den Niederungen des HipHop.

Van Org: Ich bin ja bei einem Label, das auch Slipknot unter Vertrag hat. Und ich wurde oft gefragt, wie ich als Emanze mit denen klarkomme. Aber meine Feindbilder sind nicht die Kerle, die eine Frau auch mal als Bitch anschreien. Mich regen viel mehr überkommene Frauen- und Menschenbilder auf …

SPIEGEL ONLINE: … jetzt sind wir gleich beim Dissen, oder?

Van Org: Richtig. Mit so was bringen uns Leute wie Roger Cicero die verstaubte Fünfziger-Jahre-Piefigkeit zurück. Ein Stück wie "Frauen regieren die Welt" etwa finde ich erbrechenswürdig! Da ist die Tussi im Nerz, die ihm zuzwinkert und er wird dann schwach, aber am Ende macht er, was er will und sie trägt ihm die Pantoffeln hinterher – alles so wie damals bei Erik Ode.

SPIEGEL ONLINE: Roger Cicero ist nicht der einzige, der sein Fett wegkriegt. Frau Schöneberger findet bei Ihnen auch keine Gnade …

Van Org: Ich mag Barbara Schöneberger als Moderatorin, aber wie sie jetzt so pseudo-emanzipatorisch übers Älterwerden singt, nee, da frage ich mich doch, ob es nichts Wichtigeres gibt. Das erinnert mich an Bücher, die gern "Freche Frauen" oder so heißen und wo die Tussi dann mit ihrem Diätjoghurt dasteht und enthemmt kichert. Was lernen wir daraus? Frauen können auch frech sein, in ihrem beschränkten Rahmen halt.

SPIEGEL ONLINE: Und diese feminine Wut vertonen Sie jetzt?

Van Org: Das Album ist aus meiner Wut darüber entstanden, dass plötzlich überall mein Schicksal als Frau diskutiert wird. Ob ich mit genügend Kita-Plätzen ein schönes Leben führen könnte. Und darüber lässt sich dann ein Bischof aus und wird sogar noch ernst genommen.

SPIEGEL ONLINE: Auch musikalisch geht es bei "Übermutter" eher aggressiv zu. Zu Recht behaupten manche, Sie würden auf den Gothic- und Darkwave-Trend aufspringen.

Van Org: Gut, es haben auch gleich wieder einige gesagt: "Huch, ihr habt geklaut!" Bei Rammstein, bei Laibach. Aber was heißt klauen? Welche Musik ist denn heute kein Konglomerat mehr aus allem Möglichen? Es heißt, wenn du als Frau nicht verträumt singst und eine etwas kräftigere Stimme auffährst: Ha, Nina Hagen! Ich rolle auch das "R" nicht so wie Till Lindemann (der Rammstein-Sänger, Anm. d. Red.), trotzdem behaupten das viel Kritiker.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist es denn, auf der Bühne mal so richtig schön schreien und brüllen zu dürfen?

Van Org: Geil! Total super! Ich genieße es auch, mal wieder nur zu singen und nicht Bass zu spielen. Ich war ja als Lucilectric nur für "Mädchen" bekannt, aber sogar die B-Seite war ein heftiges Rockstück mit einem Text von François Villon, erinnert aber keiner mehr. Jetzt bin ich da zurück. Ich habe eine Vier-Oktaven-Stimme und kann die endlich mal ausleben.

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Luci van Org: Eine Frau für jede Spielart
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