Rock'n'Roll-Revolution Popstars gründen Musikerverband

Sie wollen mehr Kontrolle und einen größeren Anteil an den Einnahmen: Britische Stars wie Radiohead, Robbie Williams und Travis haben sich zu einem Interessenverband zusammengeschlossen, wollen sich künftig besser gegen Plattenfirmen durchsetzen.


Die Mitgliederliste der Featured Artist's Coalition (FAC) liest sich wie ein Who-is-Who der britischen Popstar-Oberliga: Robbie Williams ist dabei, Bands wie Radiohead, Travis und die Kaiser Chiefs machen mit und auch Rock-Opas wie Bryan Ferry und David Gilmour sind dabei. Insgesamt rund 60 Rock- und Pop-Millionäre haben sich unter dem Dach der FAC zu einem Interessenverband zusammengeschlossen. Gemeinsam wollen sie gegenüber den Plattenfirmen mehr Kontrolle über ihre Werke durchsetzen, sich einen größeren Anteil an den Erlösen erstreiten.

Bisher ist es typischerweise so, dass die Künstler die Rechte an ihren Werken langfristig an Plattenfirmen abtreten. Die wiederum setzen alle Hebel in Bewegung, um daraus Kapital zu schlagen. Da ihnen die Rechte an der Musik gehören, haben sie die Freiheit, die Aufnahmen auf jede nur denkbare Weise zu vermarkten. Den Musikern wird dabei typischerweise nur ein kleiner Teil der Einnahmen zugesprochen. Unter anderem mit der Begründung, Vermarktung und Vertrieb würden einen Großteil der Erlöse verschlingen.

Das Modell der FAC sieht dagegen vor, dass die Künstler die Rechte an ihren Songs behalten, den Plattenfirmen lediglich einen Nutzung der Musik in Lizenz ermöglichen. Die Vertragslaufzeit soll dabei auf maximal 35 Jahre begrenzt werden. Zudem fordert die Vereinigung von der Musikindustrie, ihre Künstler besser darüber zu informieren, wo und wie ihre Musik genutzt wird. Auf diese Weise soll erreicht werden, dass die Künstler besser an den Einnahmen beteiligt werden. Insbesondere dann, wenn ihre Musik über neue, sprich digitale, Vertriebswege verteilt und nicht in Form von CDs verkauft wird.

Das Radiohead-Experiment

Wie sehr es sich lohnen kann, sich von den Konzernen zu lösen und seine Musik eigenverantwortlich übers Web anzubieten, haben Radiohead im Herbst 2007 vorgemacht, als sie sich von ihrer Plattenfirma EMI trennten und ihr Album "In Rainbows" zunächst ausschließlich als Download anboten. Einen Fixpreis für diesen hatte die Band dabei nicht festgelegt. Stattdessen sollte jeder Fan selbst bestimmen, wie viel er für die Songs auszugeben bereit war. Neugierige konnten die Titel auch kostenlos laden. Das von Industrievertretern als Irrweg angesehen Experiment hat der Band nicht nur reichlich Sympathien von Seiten der Fans eingebracht, es scheint auch funktioniert zu haben.

Angeblich soll das digitale Album mehr als eine Million Mal heruntergeladen worden sein. Fast sieben Millionen Euro soll die Band damit umgesetzt haben - weit mehr, als sie für den Verkauf von ebenso vielen Alben über eine Plattenfirma bekommen hätte. Die Befürchtung, die digitale Verfügbarmachung ohne Kopierschutz könne dazu führen, dass die Platte ein kommerzieller Flop wird, erwiesen sich als unbegründet. Auch nachdem das Album als herkömmliche CD und als Kauf-Download veröffentlicht wurde, verkaufte es sich noch bestens.

Use it or lose it

Der Erfolg solcher Experimente sorgt für Selbstsicherheit auf Seiten der Musiker. "Digitale Technologie gibt den Künstlern die Möglichkeit, Kontrolle über ihre Zukunft zu gewinnen - es ist an der Zeit, diese Chance zu ergreifen", sagte Verve-Manager Jazz Summers. Brian Message, Co-Manager von Radiohead und Kate Nash, pflichtet ihm bei und findet, es sei jetzt notwendig, "dass die Künstler eine gemeinsame, starke Stimme haben und ihre Interessen verteidigen".

So soll die Organisation helfen, Plattenfirmen zu verpflichten, die Aufnahmen der Musiker auch offensiv zu vermarkten. Dazu soll unter anderem eine "use-ist-or-lose-it"-Regelung beitragen. Kommt ein Konzern diese Grundregel nicht nach, soll die Lizenz automatisch verfallen, vom Künstler einem anderen Unternehmen zugesprochen oder selbst genutzt werden können. Damit nicht genug, will die Organisation die Rechte von Autoren, Komponisten und Interpreten gleichstellen, für eine gerechte Verteilung der Einnahmen unter allen Beteiligten sorgen.

Kein Bock auf Abos

Mit ihren Forderungen stellen sich die Musiker indirekt auch gegen Musik-Flatrates wie sie etwa MySpace Music, Napster und Nokias "comes with Music" bieten. Solche Angebote bieten den Kunden die Möglichkeit, sich gegen Zahlung einer Monatsgebühr so viel Musik herunterzuladen wie sie wollen. Die Plattenfirmen, deren Musik auf solchen Plattformen angeboten wird, sind mit einem bestimmten Prozentsatz an den Einnahmen aus dem Aboverkauf beteiligt.

Die FAC sieht die Interessen der Musiker in solchen Geschäftsmodellen zu wenig berücksichtigt. Sie fordert, die Künstler stärker in solche Deals einzubinden, ihnen einen größeren Anteil an den Einnahmen aus solchen Geschäften abzugeben. Vielen Gründungsmitgliedern der Organisation, die am Sonntag ihre Arbeit aufnehmen will, dürfte es freilich nicht notwendigerweise darum gehen, ihr finanzielles Auskommen zu sichern. Etliche von ihnen haben längst Dutzende Millionen Platten verkauft, verfügen über prall gefüllte Bankkonten.

Aber genau das könnte sie tatsächlich zu gewichtigen Fürsprechern der FAC machen. Schließlich müssen sie sich nicht mehr darum sorgen, dass verärgerte Plattenbosse ihnen die Butter vom Brot nehmen.

mak



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.