Rock-Newcomer Kraftklub Alles K, oder was?

Sie gehören schon jetzt zu den wichtigsten deutschen Pop-Newcomern des Jahres: Eingängige Songs mit smarten Texten haben der Chemnitzer Rockband Kraftklub viele Fans eingebracht, jetzt erscheint ihr Debüt-Album "Mit K". Ihr Erfolg ist erstaunlich - kaum eine Band sitzt zwischen so vielen Stühlen.

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"Top Ten wäre schon abgefahren", sagt Sänger Felix Brummer. Die PR-Frau neben ihm checkt im iPad die Vorbestellungslisten und erklärt: gar nicht abgefahren - sondern mehr als wahrscheinlich! Wenn alles glatt läuft, wird "Mit K", das erste Album von Kraftklub, in der kommenden Woche in die deutschen Top 5 der deutschen Charts einsteigen. Aber dafür haben sie ihre Fans auch lange warten lassen.

Seit März 2011 haben Kraftklub an ihrem Debüt gearbeitet. Dass es erst an diesem Freitag erscheint, liegt ironischerweise am großen Erfolg der Band. Zwei Touren - eine im Frühjahr als Support für die Beatsteaks, eine eigenständige im Winter - sowie über 30 Festival-Auftritte im Sommer haben die Chemnitzer im vergangenen Jahr absolviert. So haben sie sich eine bundesweite Fanbase erspielt und traten Ende September als einzige Band ohne fertiges Album bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest an, wo sie einen ansehnlichen fünften Platz erreichten. Trotzdem ist ihr Erfolg eigentlich überraschend. Denn selten hat sich eine Band so beherzt zwischen alle Stühle gesetzt wie Kraftklub.

"Entweder Tocotronic oder die Atzen - solche Kategorien bringen doch nichts", sagt Felix Brummer. Der 22-Jährige schreibt alle Texte der Band und hat dabei tatsächlich einen Mittelweg zwischen poetisch gedrechselt und geradeaus bekloppt gefunden. Mal karikiert er wie im Radiohit "Ich will nicht nach Berlin" Hauptstadt-Hipster ("Meine Brille ist nicht Vintage/Die ist retro!"), dann geht's über Ritalin ("Wenn er sagt er hat Matsch im Kopf/ Dann erhöhen wir die Dosis/ Weil der Junge quatscht ja immer noch"), einer Ex-Freundin ruft er schließlich wunderbar bockig "Ich bin auch nur ganz selten auf deinem Facebook-Profil" hinterher.

"Warum irgendein Gitarren-Gegniedel mitreinnehmen?"

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Newcomer Kraftklub: "Wir machen Popmusik!"
Dass ihre Texte deutschlandweit mitgegrölt werden und sie schon mal zum "Sprachrohr einer Generation" hochgeschrieben werden, finden Kraftklub aber befremdlich. "Unsere Texte handeln eigentlich nur von uns und unserem Chemnitzer Freundeskreis", sagt Felix Brummer. Selbst das Generationensprachrohr-verdächtigste Lied "Zu jung" mit den Zeilen "Ich bin 20, einer ganzen Generation geht es ähnlich/ Pornos, Gruppensex - alles schon mal dagewesen/ Wir haben Philip Roth 10 Jahre danach gelesen" will er streng persönlich verstanden wissen. "Unser Vater", er spricht damit auch für seinen kleinen Bruder Till, den Bassisten der Band, "hat in der DDR in einer Avantgarde-Band gespielt und ist in Kirchen aufgetreten, obwohl das streng verboten war. Wie soll man das denn toppen?"

Die Allgegenwärtigkeit der Einflüsse und Vorbilder - auch damit spielen Kraftklub entschieden unentschlossen. Musikalisch sind ihre Songs einfach bis nahezu öde gehalten. Hives, Strokes, frühe Arctic Monkeys, dazwischen ein bisschen Deutschrap - die Referenzen lassen sich locker an einer Hand abzählen. "Wir haben uns bewusst dafür entschieden, einfache Songs mit zwei, drei Akkorden zu machen", sagt Gitarrist Steffen Israel. "Warum irgendein Gitarren-Gegniedel oder sonstige Spielereien mitreinnehmen, nur um fresh zu klingen?"

Ganz im Gegenteil dazu die Texte: Hier kann man sich vor Pop-Zitaten kaum retten. The Cure und Morrissey, Tocotronic und Die Sterne, Josh Homme und die Gallagher-Brüder: Sie alle tauchen namentlich auf dem Album auf. Am schönsten, weil beiläufigsten funktioniert die Zurschaustellung des eigenen Musikwissens aber bei "Zu jung", in das Brummer eingedeutschte Rockklassiker einstreut: "Hey ho, lass uns gehen!" oder "Das ist der Wind der Veränderung". Mehr Pop war wirklich selten auf einem deutschsprachigen Album.

Keine Berührungsängste beim Kommerz

Auch die Bühnenuniform der Jungs ist letztlich Ausdruck ihrer Pop-Versiertheit. "Ich will nicht noch eine Band sehen, die in ihren Alltagsklamotten auf die Bühne schlurft", sagt Felix Brummer. "Wenn alle das Gleiche tragen, dann ist einfach klar: Jetzt ist Show!" Kraftklub spielen deshalb durchweg in schwarz-weißen Baseball-Jacken, weißen Polohemden, roten Hosenträgern und Jeans. Dass ihnen das eigentlich durch die Bank weg nicht steht und sie alle in Indie-Zivil - Parka, enge Jeans und Turnschuhe - besser aussehen, dürfte ihnen trotzdem egal sein. "Ich bin nicht mal cool in einer Stadt/Die voll mit Nazis ist, mit Rentnern und Hools" heißt es im Song "Karl-Marx-Stadt".

Auf die Melodie von Becks "Loser" singen sie in dem Lied außerdem die Zeilen "Ich bin ein Verlierer, Baby/Original Ostler". Dass sich der Song letztlich doch wie eine Hymne auf ihre Heimatstadt Chemnitz ausnimmt, offenbart die Kehrseite von Kraftklubs Unentschlossenheit: Echte Reibung entsteht bei ihnen nicht. Das gewagteste Statement auf "Mit K" ist noch das Schimpfen auf die "Scheissindiedisco".

Zwar braucht es kein Album voller Kampfansagen, doch bei aller Unerschrockenheit und allem Willen zur Show sind Kraftklub erstaunlich harmlos. Momente fröhlich-verstörenden Unsinns, wie sie Bands wie Frittenbude, Deichkind oder Rocket Freudental produzieren, sucht man bei ihnen vergebens. Linke Alternativkultur, längste Zeit wichtigster Bezugspunkt für Indierock, ist bei Kraftklub nur noch Zitat zweiter Ordnung. "Ein letztes Mal ACAB sprühen" singen sie in "Wieder Winter" und treten gleichzeitig beim Bundesvision Song Contest halbnackt auf: Ihre Bühnenuniform ist nur aufgemalt.

Wenn Indie nicht mehr unabhängige Produktions- und Vertriebsstrukturen meint sondern Hives und Killers, ist das wohl letztlich nur konsequent und irgendwie auch altersgemäß. Passend zu ihrem Sowohl-als-auch-aber-das-mit-Schmackes-Ansatz haben Kraftklub ihrem Album aber den Song "Eure Mädchen" vorangestellt, in dem sie genau diese Kritik thematisieren: "Jetzt sind wir Kommerz/Dank Medienpräsenz/Uns schlottern die Knie/Und wir reden mit den Fans." Der Refrain bringt es schließlich auf den Punkt: "Wir sind nicht kredibel/Wir machen Popmusik."


Kraftklub: "Mit K" erscheint am 20. Januar bei Vertigo Berlin/Universal



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