Rock-Sängerin Nasic "Träumen ist in Deutschland schwer"

Mit den Guano Apes war Sandra Nasic, 31, eine der erfolgreichsten deutschen Rocksängerinnen, jetzt hat sie ihr erstes Solo-Album veröffentlicht. Mit SPIEGEL ONLINE sprach sie über die Krise der Musikbranche, Tokio Hotel und das Gefühl, mit Paris Hilton verwechselt zu werden.


SPIEGEL ONLINE: Frau Nasic, skaten Sie eigentlich?

Nasic: Nein, tue ich nicht. Als Teenager habe ich ein bisschen geskatet, mit Brett. Das hat schon Spaß gemacht, aber ich habe irgendwann das Interesse verloren.

SPIEGEL ONLINE: Sie wissen ja, warum wir das fragen. Weil Ihre alte Band Guano Apes in ihrer großen Zeit als Skater-Band galt.

Nasic: Eigentlich mehr als Snowboarder-Band.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt. Ihr großer Hit war die Snowboarder-Hymne "Lords Of The Boards". Haben Sie sich später geärgert, als sie dieses Image nicht mehr los wurden?

Nasic: Nein. Auf das Image, das um einen herumgebaut wird, hat man irgendwann sowieso keinen Einfluss mehr. Die Leute, die einen einengen, das sind ja in den seltensten Fällen Leute aus der näheren Umgebung. Schon gar nicht die Fans.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt beginnen Sie Ihre Solo-Karriere als Sängerin. Die Image-Bildung geht wieder von vorne los.

Nasic: Ich habe meine Freiheit nach dem Ende der Band auf jeden Fall ganz ausgenutzt. Ich bin nach Berlin gezogen, habe komplett die Tür zugemacht, zur Musik, zum Musikgeschäft. Die haben mich natürlich gefragt: Wann machst du was Neues?

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie kurz überlegt, die alten Freunde von der Band zu fragen, ob sie wieder mitmachen wollen?

Nasic: Nein. Überhaupt nicht.

SPIEGEL ONLINE: Die Guano Apes haben sich wegen diverser Meinungsverschiedenheiten getrennt, nach gut zehn Jahren Karriere. Wie schwer ist es für eine Rockband, so lange zusammenzubleiben?

Nasic: Kommt darauf an. Auf die Musiker, das Umfeld, die Fans, die einen unterstützen. Es gibt natürlich Ausnahmen, die Ärzte, die Toten Hosen, die gehen durch dick und dünn, die wird's für immer geben. Aber insgesamt würde ich sagen, dass es für deutsche Bands sehr, sehr schwer ist - die meisten haben leider keine lange Lebenszeit. Weil Musik nicht unbedingt die erste Leidenschaft der Deutschen ist.

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie einer Band wie Tokio Hotel für einen Rat geben? Sie waren ja selbst auch erst 18, als die Karriere losging.

Nasic: Tokio Hotel machen das eigentlich ganz richtig. Sie versuchen, auf dem Boden zu bleiben, wie man sieht - das ist eine schöne deutsche Eigenschaft, die hier ganz wichtig ist, weil man sonst nicht glaubhaft ist. Träumen ist einfach sehr schwer hier. Als deutscher Musiker hat man immer noch unter diesem "Ach, gucken wir mal" zu leiden. Unter diesem "Man muss sich ja erstmal beweisen". In England zum Beispiel wird ein Musiker einfach als Musiker ernst genommen.

SPIEGEL ONLINE: Die Pop-Landschaft, in die Sie heute Ihre neue Platte hineinstellen - ist die besser als die von 1997?

Nasic: Vom Gefühl her würde ich sagen, sie ist freundlicher. Weil die Hörer nicht mehr so sehr dem Diktat der großen Plattenfirmen unterliegen wie vor zehn Jahren. Weil die Firmen es heute viel schwerer haben, den Leuten irgendetwas vor die Nase zu setzen: Friss oder stirb! Weil durch das Internet heute jeder die Freiheit hat, selbst zu entscheiden, was er hören will - weil es viel mehr Vergleichsmöglichkeiten gibt. Ich finde das gut, auch wenn es bedeutet, dass ich mit der Musik wohl nicht mehr so viel verdienen kann.

SPIEGEL ONLINE: Ist denn die Musikindustrie dadurch auch selbst menschlicher geworden?

Nasic: Ich verstehe die Leute aus dem Business schon, die jammern, weil alles viel schwerer für sie geworden ist. Es wird nicht mehr so mit dem Geld herumgeworfen wie früher - das war ja schon teilweise echt eklig, wie viel Geld alle hatten und wie sicher dieser Markt zu sein schien. Aber das jetzt ist doch auch eine willkommene Herausforderung: Man muss sich was Neues einfallen lassen. Man muss sich entwickeln. Die Leute sind halt nicht mehr blöd.

SPIEGEL ONLINE: Aus der Hilflosigkeit kommt die Bereitschaft, sich zu ändern?

Nasic: So ungefähr.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie sich überreden lassen, beim Eurovisions-Grand-Prix anzutreten?

Nasic: Eigentlich ein schreckliches Zeug. Ich glaube nicht, dass ich da hinpassen würde. Ich schaue das auch selten an und weiß im Moment nur, dass Guildo Horn dabei war.

SPIEGEL ONLINE: Das war 1998...

Nasic: Echt? Das Problem der Veranstaltung ist ja dieses schreckliche Image, das sie hat. Das finde ich schade, weil es heute nicht mehr so viele Möglichkeiten gibt, in der Öffentlichkeit etwas zu machen, außer ewig lang auf Tournee zu gehen. Stefan Raab probiert das immerhin mit seinem Bundesvision-Contest. Das ist ja schon mal ein Schritt. Es gibt so viele gute deutsche Bands, die sonst keine Plattform haben.

SPIEGEL ONLINE: Frau Nasic, wissen Sie eigentlich, wem Sie aus der Nähe unglaublich ähnlich sehen?

Nasic: Nein, wem denn?

SPIEGEL ONLINE: Paris Hilton! Vor allem die Mundpartie.

Nasic: Ich zähle Ihnen jetzt mal auf, welche Vergleiche ich in meiner Laufbahn schon hatte: Barbra Streisand, Uma Thurman... Mit Paris Hilton hat mich neulich auch schon ein Taxifahrer in Berlin verwechselt. Der hätte sonst gar nicht angehalten!

Das Interview führte Joachim Hentschel


Sandra Nasic: "The Signal" ist bei Gun/SonyBMG erschienen



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